In der Flex-Klasse in Sonthofen lernen Kinder, sich im Schulalltag (wieder) wohl zu fühlen

Kraft getankt in der Flex-Klasse

Sonthofen – Manche Kinder haben Probleme, sich in der Schule wohlzufühlen oder sich in der Klasse einzufügen. Dies belastet die Klasse, die Lehrer, ihre Eltern – und natürlich sie selbst. Hier könnte die neu eingerichtete Flex-Klasse in Sonthofen ein hilfreicher Ansprechpartner sein.

Finn kommt nachmittags ein bisschen erschöpft, aber strahlend aus der Schule. An den Schuhen kleben noch Schlammreste. Die Schultasche wandert in die Ecke. Denn Hausaufgaben gibt es keine.

„Na, wie war‘s heute in der Schule?“, fragt die Mutter. „Toll“, antwortet der 4.-Klässler, „ich kann jetzt sogar schriftlich geteilt rechnen. Am Nachmittag waren wir wieder im Wald. Unsere Hütte ist schon fast fertig. Ich freue mich schon auf morgen.“

Frau S. ist erleichtert. Denn diese Begeisterung ist neu. Bis vor kurzem war jeder Schultag ein Kampf. Finn hatte keine Lust auf den Unterricht. Vor allem vor Proben war es besonders schlimm. Ständig gab es Auseinandersetzungen mit anderen Schülern. Die Lehrerin schrieb bald täglich Mitteilungen in das Heft, was Finn wieder angestellt haben sollte. Keiner wusste sich mehr einen Rat. Dann kam die Idee mit der Flex-Klasse ins Spiel.

Die Flex-Klasse

Die Flex-Klasse wurde im Schuljahr 2015/16 in Sonthofen ins Leben gerufen. Es ist ein gemeinsames Projekt des Staatlichen Schulamtes Oberallgäu, des Landkreises Oberallgäu, der Katholischen Jugendfürsorge, der Albert Schweitzer-Schule und der Grundschule an der Berghoferstraße in Sonthofen. Hier befinden sich auch die Räume der Flex-Klasse.

Gedacht ist sie für Grundschulkinder aus dem südlichen Oberallgäu, denen es schwer fällt, sich in der Schule wohlzufühlen, sich in der Gruppe zu behaupten oder Konflikte friedlich zu lösen. Oft erleben die Schüler, die Familien, die Lehrer und die Mitschüler die Situation als sehr belastend.

In der Flex-Klasse arbeiten Grundschullehrer, Sonderpädagogen und Sozialpädagogen zusammen.

Normalerweise besuchen die Kinder die Flex-Klasse für die Dauer von zwölf Schulwochen. Höchstens sechs Kinder aus den Klassen 1 bis 4 verbringen hier zusammen den Schultag. Vormittags arbeitet jeder Schüler an einem eigenen Tagesplan, der ganz auf seinen Lernstand und seine Fähigkeiten abgestimmt ist. Häufig können auch schon entstandene Lernlücken geschlossen werden. Arbeiten an gemeinsamen Vorhaben wie z. B. der Bau einer Kugelbahn, Malen, Basteln, Musizieren, Schwimmen und Entspannen runden die Unterrichtszeit ab.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen folgen aufregende Unternehmungen, vor allem in der Natur. Im Wald wird eine Hütte gebaut, auf dem Biberhof gibt es Kaulquappen zu beobachten, an der Ostrach wird im Schlamm gebuddelt oder ein Lagerfeuer gemacht. Frei nach dem Motto „Kindheit erleben“ sollen die Kinder auch einfach Kind sein dürfen. Auch die Stadt wird erkundet. Bei einem Besuch bei der Polizei, bei der Bergwacht oder dem THW erfahren die Kinder interessante Dinge. In der Kletterhalle entdecken sie, wie mutig und stark sie sein können. Alle Aktivitäten in der Gruppe führen dazu, dass sich die Kinder selber als stark und wertvoll erleben. Dies hilft sich auch gegenseitig wahrzunehmen. Sie beobachten und üben, wie man sich rücksichtsvoll verhält und Meinungsverschiedenheiten friedlich klärt.

Wichtig: Mitarbeit der Eltern

Gemeinsam mit den Eltern, mit den Lehrern und mit schulischen und außerschulischen Unterstützern bespricht das Flex-Team die Nöte, vermittelt notwendige Hilfen und begleitet erste Schritte, damit sich die Situation für alle wieder verbessern kann. Ohne die Bereitschaft der Eltern, sich selbst mit einzubringen, ihr Kind auf seinem Weg zu unterstützen, geht dies alles natürlich nicht.

Etwa vier Wochen vor Ablauf der Flex-Zeit bereiten die Flex-Mitarbeiter mit Eltern und Lehrern die Rückkehr des Kindes in seine Klasse vor. Briefwechsel und gegenseitige Besuche helfen, den Kontakt zu den Mitschülern wieder aufzubauen.

Nach zwölf Wochen kehrt der Schüler in seine Klasse zurück. Ein Flex-Mitarbeiter begleitet ihn dabei so lange, bis er gut wieder gelandet ist.

Bei Finn ist es auch bald wieder soweit. Er sieht das mit ein bisschen gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite freut er sich schon sehr auf seine Klassenkameraden und möchte auch gerne zeigen, was er inzwischen alles gelernt hat. Auf der anderen Seite will er noch gar nicht daran denken, dass die entspannte Unterrichtssituation und die intensiven und abenteuerlichen Nachmittagsaktionen nicht genau so weiterlaufen können wie bisher.

Finn wird viel Kraft getankt haben während dieser Auszeit. Die Eltern und die Lehrerin werden Abstand gewonnen haben und sich vielleicht auch leichter miteinander besprechen können. Sie haben Unterstützung bekommen. Und sie wissen, wen sie ansprechen können, wenn wieder einmal eine schwierige Situation entstehen sollte.

Kinder aus den beiden Sonthofer Grundschulen, aus Oberstdorf, Immenstadt, Blaichach und Bad Hindelang wurden bisher in die Flex-Klasse aufgenommen. Ihnen wurde geholfen, „neu anzufangen“ und sich besser in der Klasse, in der Schule zurechtzufinden. In vielen Fällen genügte auch schon eine Beratung und Vermittlung von weiteren Hilfen durch das Flex-Team. Diese Kinder verblieben in ihren Klassen.

Ansprechpartner

Im neuen Schuljahr können wieder neue Kinder aufgenommen werden. Wenn Sie mehr über die Flex-Klasse erfahren möchten, können Sie gerne mit dem Flex-Team Kontakt aufnehmen über flex@ejv-oa-ke.de, Telefon 08321/60882116 oder 0160/4951781.

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