Der Gedenkstein an den Sonthofer Galgen in der Nordstraße

Ein "steinerner Zeuge" spricht

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Der „Marterpfahl” am Galgendenkmal in der Sonthofer Nordstraße.

Sonthofen – In unserem Bericht über den „Tag des offenen Denkmals” im September wurde auch der Gedenkstein an den Standort des Sonthofer Galgens in der Nordstraße angesprochen. Unsere Leserin Paula Liegelein nahm dies zum Anlaß, einen kleinen Essay über das Galgendenkmal zu verfassen:

Ich, das Galgendenkmal in Sonthofen in der Nordstraße, bin am Tag des offenen Denkmals ins Interesse der Öffentlichkeit geraten. Ich war in allen Zeitungen, vielleicht auch in aller Munde. Jetzt bin ich in die Jahre gekommen. Der Zahn der Zeit hat an mir genagt. Meine Inschrift – kaum noch lesbar – müsste dringend nachgebessert werden. Eigentlich bin ich ein Stiefkind aus Sicht der Denkmalspflege.

Eine Schulklasse kniete kürzlich vor mir und versuchte krampfhaft, aus den verbliebenen Wortfetzen den Text zu ergründen. Eine freundliche, zufällig vorbeikommende Dame hatte den Text noch im Kopf und konnte helfen, wofür sich die junge Lehrerin herzlich bedankte. 

„Hier stand bis 1817 auf einem beim Bahnbau 1873 abgetragenen Hügel der Galgen des Hochgerichtes Sonthofen”

So stand es einmal auf meiner Schokoladenseite. 

Damals im Mittelalter wurden Menschen, die gegen die Gesetze verstießen, um einen Kopf kürzer gemacht. Eine grausame, aber sicher wirksame Methode. Vor geraumer Zeit kamen Arbeiter der Stadt und umrahmten mich mit ordinären Bordsteinen. Sie sagten, dass sie lieber den Galgen wieder aufstellen möchten. Es gäbe noch genug Lumpen und Ganoven im Landkreis. Ich hatte schon Angst um meine Existenz. Gott sei Dank blieb es bei ein paar handvoll Grassamen, die sie streuten. Gelegentlich wird der Rasen auch gemäht.

Meine einzige Zierde war eine stattliche Trauerweide. Wir zwei sind seit Jahren ein Team. Plötzlich rückten sie wieder an, die Arbeiter der Stadt. Diesmal mit schwerem Gerät. Ein Nachbar hatte sich beschwert über herabfallende Ästchen auf sein Grundstück. Mit vollem Eifer haben sie die Weide erfolgreich kastriert. Was davon übrig blieb, glich einem Marterpfahl.

In der Freinacht vor dem 1. Mai hat sich ein Witzbold noch einen Scherz erlaubt. Er brachte am Marterpfahl ein Riesenplakat an mit folgendem Text: 

„Der Galgen des Hochgerichts Sonthofen ist ab sofort wieder in Betrieb!”

Die Sache schien fast wieder perfekt. Die Weide zeigt mittlerweile wieder Leben, wenn auch kurios. 

Ich werde auch oft von Gästen fotografiert, aber vielleicht gerade deshalb. 

Sollte man nicht an Stelle des Rasens ein paar Veilchen und Vergißmeinnicht pflanzen zum Gedenken an die „Armen Seelen”, die hier (vielleicht unschuldig) baumelten.

bis bald...

euer Galgendenkmal. 

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