Nach 110 Jahren zurückgekehrt

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Dr. Thomas Engelke vom Staatsarchiv Augsburg (von links), Kreisarchivpfleger Gerhard Klein, Bad Hindelangs Erste Bürgermeisterin Dr. Sabine Rödel und der Hindelanger Gemeindearchivar Ulrich Keck bei der Rückgabe der Archivalien aus Unterjoch.

110 Jahre lagerten Dokumente aus dem Bad Hindelanger Ortsteil Unterjoch im Staatsarchiv, zuerst in Neuburg an der Donau, später in Augsburg. Am Mittwoch übergab Dr. Thomas Engelke vom Staatsarchiv Augsburg die Archivalien an Ulrich Keck, der das Bad Hindelanger Marktarchiv ehrenamtlich verwaltet.

Blick ins Bad Hindelanger Gemeindearchiv.

Um das Jahr 1900 übernahm das damalige Königreich Bayern von zahlreichen Gemeinden, die diese Aufgabe nicht übernehmen konnten oder wollten, Dokumente und Archivalien, um diese zu sichern und aufzubewahren. Damals, so erzählt Gerhard Klein, ehrenamtlicher Kreisarchivar, lagerten viele Dokumente – Urkunden und ähnliches – bei den Bürgermeistern der Gemeinden zu Hause. Die bayerische Regierung wollte den Archivalien eine sichere „Heimat“ bieten. So wurden die Unterlagen aus der Registratur in Unterjoch im Jahr 1908 ins Staatsarchiv verbracht – zunächst nach Neuburg an der Donau, 1989 zog das Archiv nach Augsburg um. Gerhard Klein kümmert sich als Kreisarchivar ehrenamtlich um alle Archive im Landkreis. Er berät die Gemeinden, die keinen eigenen Gemeindearchivar haben und sieht auch in den betreuten Archiven von Zeit zu Zeit nach dem Rechten. Klein ist zudem der Archivar der Gemeinde Immenstadt – alles neben seinem eigentlichen Beruf als Lehrer für Deutsch und Geschichte am Gymnasium. 

„110 Jahre später bekommen wir die Unterlagen wieder“, freute sich Bad Hindelangs Bürgermeisterin Dr. Sabine Rödel bei der Übergabe im Trauzimmer des Bad Hindelanger Rathauses. Sie dankte dem Staatsarchiv für die gute Aufbewahrung der Akten und Gemeindearchivar Ulrich Keck für seine Arbeit im Bad Hindelanger Gemeindearchiv. Keck kümmert sich seit 2014 um das Archiv. Er ordnet die Archivalien und digitalisiert die alten Akten und Unterlagen. Vor einigen Wochen habe er eine Anfrage erhalten, ob das Hindelanger Archiv auch geeignet sei für die Lagerung der mehrere hundert Jahre alten Dokumente. Voraussetzung sind eine Temperatur um die 18 Grad sowie eine Luftfeuchtigkeit unter 50 Prozent. Bei höherer Luftfeuchtigkeit besteht die Gefahr, dass die Papiere zu schimmeln beginnen. 

„Die meisten Gemeinden wussten gar nicht, dass noch Dokumente in Augsburg lagern“, erzählte Dr. Thomas Engelke vom Staatsarchiv. Im Rahmen der neuen Datenschutz-Grundverordnung schrieb das Staatsarchiv Augsburg sämtliche Gemeinden, aus denen noch Archivalien im Staatsarchiv liegen, an. „Die Unterlagen liegen bei uns ziemlich abseits“, so Engelke. Es sei gut und richtig, wenn sie vor Ort gelagert würden, und dort eingesehen werden können. 

Unterlagen aus dem Jahr 1790 

Die ältesten Unterlagen, die nun ins Gemeindearchiv Bad Hindelang kamen, stammen aus dem Jahr 1790/91. Es ist der Stiftungsbrief des Benefiziums Unterjoch. Besonders interessant sind sicherlich die Akten über die Lostrennung Unterjochs von Hindelang und die Bildung der politischen Gemeinde Unterjoch. 

Unterjoch, vermutlich in der Mitte des 16. Jahrhunderts von Hindelang aus besiedelt, war von 1867 bis zur Gebietsreform 1972 eine unabhängige Gemeinde. Auch über das Ausscheiden Unterjochs aus dem Pfarrsprengel Hindelang Ende des 19. Jahrhunderts finden sich Akten in den zurückgegebenen Archivalien. 

Weitere Dokumente geben Aufschluss über den Umbau des Pfarrhofes im Jahre 1899, über das Feuerlöschwesen, auch schon vor Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Unterjoch im Jahre 1877, über Tierseuchen wie die Maul- und Klauenseuche zwischen 1869 und 1898 und über das Weiderecht im Gemeindegebiet Unterjoch. Bezüglich des Weiderechts habe es lange Jahre Spannungen zwischen Hindelang und Unterjoch gegeben, so Gemeindearchivar Keck. So hatten die Hindelanger Bauern umfassende Weiderechte auf Unterjocher Gebiet, auch nach der Unabhängigkeit Unterjochs. Erst nach vielen Jahren hätten die Unterjöchler nach der Zahlung einer hohen Summe die Weiderechte zurückerlangt. 

Neben diversen notariellen Urkunden, Gemeindepachtverträgen aus den Jahren 1868 bis 1880 und dem Quartal- und Beschlußbuch der Gemeinde Unterjoch für die Jahre 1867 bis 1871 gibt es auch gesammelte Unterlagen über die Entwicklung des Postwesens in Unterjoch von 1863 bis 1906. 

„Unsere Nachkommen werden an den heutigen Akten und Vorgängen genauso interessiert sein, wie wir heute an den Unterlagen von 1790“, erinnerte Engelke daran, dass auch aktuelle Akten und Dokumente sorgsam aufbewahrt werden müssen. Im Staatsarchiv Augsburg, dem „Gedächtnis Schwabens“, wie Engelke es nennt, lagern insgesamt 25 laufende Kilometer an Akten, Dokumenten und anderen Archivalien. Immerhin zwischen 200 und 300 laufende Meter, in etwa 1000 bis 1500 Kartons, davon sind Akten aus Gemeindearchiven. Unterjoch erhielt etwa 0,15 laufende Meter an Archivalien zurück.

eva

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