Gemischte Frühlingsgefühle - Arabischer Raum steht erst am Anfang einer langen Entwicklung

René Rieger (links) musste Schulkommandeur Oberst Wolfgang Klos (rechts) vertrösten: Der Arabische Frühling hat erst begonnen Foto: Josef Gutsmiedl

Ein „heißes Eisen“ griff der erste Beitrag im Rahmen der alljährlichen „Wintervortragsreihe“ der ABC- und Selbstschutzschule der Bundeswehr in Sonthofen auf: Der Arabische Frühling - Ursachen und Entwicklungen. Mit René Rieger, skizzierte ein ausgewiesener Fachmann das Phänomen „Arabischer Frühling“ und seine vielfältigen regionalen wie globalen Auswirkungen. Fazit: Der Frühling hat gerade erst begonnen; Kälteeinbrüche sind leicht möglich.

Eine Antwort auf die Frage von Schulkommandeur, Oberst Wolfgang Klos, wann denn nach dem „Arabischen Frühling“ mit einem Sommer zu rechnen sei, und wann die „Ernte“ der Umwälzungen eingefahren werde, konnte René Rieger nicht geben. „Der Frühling dauert gerade mal fünf Minuten“, meinte er. Die Entwicklung werde noch Jahre benötigen. Die Ursachen für den „Frühling“ sind Rieger zufolge vielfältig: die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung, steigende Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit, junge Menschen ohne Lebensperspektive, Unzufriedenheit mit dem jeweiligen Regime, Korruption... „Ein Gemisch, das zu brodeln begann“, brachte es Rieger auf den Punkt. Diverse Missstände seien es letztlich gewesen, die zur Wut auf die Regime führten. „Dabei war nicht der Sturz der Regime das eigentliche Ziel. An erster Stelle stand der Wunsch nach politischem und gesellschaftlichem Wandel.“ Selbst in stabilen Staaten der Region seien die Menschen auf die Straße gegangen um Veränderungen einzufordern, so Rieger. Selbst Experten hätten diese Entwicklung und ihre Dynamik nicht absehen können. Und wieso sprang der Funke so schnell auf andere Staaten über? Diesen Effekt führt Rieger vor allem auf eine gemeinsame Kultur und Identität zurück, die quasi als Klammer einer „arabischen Nation“ wirken, und ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl - bei allen Unterschieden. Das Ihre dazu beigetragen hätten nicht zuletzt moderne Kommunikationsmittel wie Internet und Facebook. „Vor wenigen Jahren wäre dies so nicht möglich gewesen“, sagte Rieger. Mit einem Kälteeinbruch im Arabischen Frühling rechnet René Rieger bestimmt. Er beobachtet da und dort bereits einen religiös motivierten Rechtsruck. Aber die neuen Gruppen zeigten sich etwas liberaler als früher, „um an der Macht zu bleiben“. Und Dr. Joachim Unger verwies in der abschließenden Diskussion darauf, dass etwa in Algerien der „Frühling“ schon 1988 begonnen habe. „Dann kippte es.“ Das werde alle Staaten der Region so treffen, fürchtet Unger. Leidtragende seien stets die Jugend und die Frauen. Sorge bereitet Rieger die Entwicklung in Syrien: „Ein zweiter Irak.“ Falls es hier zum Flächenbrand kommt, träfe es alle Nachbarstaaten. Ein internationales Eingreifen hält Rieger für „äußerst gewagt“. Interventionen würden in der arabischen Welt sehr ungern gesehen. René Rieger ist Lehrbeauftragter des Geschwister-Scholl-Instituts der Ludwig- Maximilians-Universität München und des Institute of Arab and Islamic Studies an der University of Exeter / England.

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