Pflegenotstand - Das verdrängte Problem

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Verena Fedtke (von links) von der Allgäupflege, Professor Philipp Prestel (Hochschule Kempten), Moderatorin Gisela Bock (Kreisrätin und Seniorenbeauftragte des Landkreises Oberallgäu), Dr. Dominik Spitzer (Vorsitzender der FDP Kempten), Kreisrat Peter Nessler und Vanessa Schmölz (Altenpflegerin) diskutierten das „verdrängte Problem“ Pflegenotstand.

Über den aktuellen Pflegenotstand im Landkreis Oberallgäu diskutierten jetzt rund 100 Interessierte bei einem Pflegekongress in Immenstadt zum Thema „Pflege – das verdrängte Problem“. Eingeladen hatten dazu parteiübergreifend die Kreisverbände von ÖDP und FDP.

Weinende Angehörige, die nicht verstehen könnten, dass ihre Mutter oder der Opa nicht im Pflegeheim aufgenommen werden kann, täglich 20 Faxe aus den umliegenden Kliniken mit Anfragen nach einem Kurzzeitpflegeplatz - auch im Oberallgäu gibt es einen Pflegenotstand.

„Ich bin zwar originär Rechtspolitiker, aber das Thema Pflegenotstand birgt mehr gesellschaftlichen Zündstoff wie manche Asyldiskussion. Wir müssen uns ernsthaft überlegen, wie wir der gewaltigen Herausforderung des demographischen Wandels gerecht werden. Mit mehr Bürokratie geht es jedenfalls nicht. Wir müssen den Pflegekräften Arbeitsbedingungen ermöglichen, damit sie die Pflegebedürftigen so versorgen können, wie sie es sich vorstellen, nämlich mit mehr Zeit und Zuwendung“, betonte der Bundestagsabgeordnete und Kreisrat Stephan Thomae in seiner Begrüßung.

„Das Jetzt-System funktioniert nicht beziehungsweise lebt von der Opferbereitschaft des Pflegepersonals“, war sich Kreisrat Michael Finger sicher. „Machen Sie die Pflege bei der Landtagswahl zum Thema“, riet Grünen-Landtagsabgeordneter Uli Leiner. Das war aber so ziemlich der einzige politische Appell des Abends. Vielmehr hatten alle den zu pflegenden Menschen und den Pflegenden im Blick.

In einem Impulsreferat hatte Dr. Christian Moosbrugger von IMM-Concept die Ist-Situation dargestellt. Danach werden jetzt schon 65 Prozent der Menschen daheim gepflegt – und davon wiederum 73 Prozent allein von den Angehörigen. Dabei seien zwei Drittel aller Wohnungen nicht barrierefrei. Auch kann sich der Pflegebedürftige oftmals schon gar nicht mehr die stationäre Pflege aus einer Tasche leisten. Somit explodieren auch die Kosten für die Hilfe zur Pflege. Das neue Pflegestärkungsgesetz forciere zwar die ambulante Versorgung und den Verbleib in den eigenen Wänden, dennoch brauche es auch hier Unterstützung – beispielsweise über Tagespflegeangebote oder ambulante Betreuung. Von den fünf Tagespflegen im Landkreis haben jetzt allerdings zwei zugemacht, eine weitere ist aber geplant.

Dr. Dominik Spitzer hatte in Kempten in den Altenpflege-Einrichtungen einen Rundruf gestartet. Ergebnis: zwei Kurzzeitpflegeplätze wären verfügbar gewesen – „in einer Stadt mit rund 70 000 Einwohnern!“ Er brachte das Beispiel: Eine Schlaganfallpatientin hatte einen Platz in der Villa Viva zur Nachsorge bekommen, da der Reha-Termin auf sich warten ließ. Plötzlich klappte es mit der Reha doch. „Tritt sie diese nicht sofort an, verfällt ihr Anspruch. Tritt sie diese an, muss sie die Kosten für die gedachte Übergangslösung zahlen.“

Kreisrat Peter Nessler würde gern die Kommunen und Landkreise in die Pflicht nehmen. Für „Straßenbau oder Skiflugweltmeisterschaften ist genug Geld da!“

Moderatorin und Kreisrätin Gisela Bock ergänzte: „Es geht auch um medizinische Fachberufe wie Physio- oder Ergotherapeuten. Die Ausbildung ist mit 15 000 bis 18 000 Euro teuer. Die kann sich ein junger Mensch oft gar nicht leisten.“ Die Abschaffung des Schulgeldes ist zwar im Koalitionsvertrag der Groko verankert, passiert ist bisher nichts.

Altenpflegerin Vanessa Schmölz meinte: „Eine bessere Bezahlung allein ist es nicht. Wir Pflegenden brauchen Sicherheit im Dienstplan, weniger Dokumentationen und mehr Zeit für die Menschen.“ Auch life-balance und Wertschätzung für den Beruf sei wichtig. Verena Fedtke, Allgäupflege, unterstützte Schmölz. Sie fand es – ebenso wie Professor Philipp Prestel von der Hochschule Kempten – wichtig, dass die rund 400 000 Pflegekräfte aus dem osteuropäischen Ausland in den privaten Haushalten endlich vernünftig bezahlt würden. Beide waren auch für eine Akademisierung der Pflege.

Prestel informierte auch über das bayerische „Zentrum Pflege Digital“. Es wird jetzt an der der Hochschule Kempten angesiedelt. Die Digitalisierung könne auch bei der Vereinfachung der Pflegedokumentation helfen, meinte er. Dazu betonte Indra Baier-Müller, Geschäftsführerin der Diakonie Kempten Allgäu, dann müsse diese aber auch vom MDK anerkannt sein und nicht immer wieder aufs Neue hinterfragt werden. Sie regte an, eventuell ein verpflichtendes soziales Jahr zu verankern. „Wir brauchen Nachwuchs.“ Das Durchschnittsalter in der Pflege liege etwa bei 46 Jahren. Auch wenn nicht jeder in einen sozialen Beruf gehe, die Sensibilisierung finde statt.

Michael Käser, Kreisvorsitzender der FDP, regte ein Punktesystem in der Pflege an – und dass man die Fachkräftequote von 50 Prozent nicht „tagesaktuell“ messen, sondern aufs Jahr betrachten würde. Dann könnten Engpässe auch überbrückt werden. In Baden-Württemberg würde das schon lange gemacht.

mori

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