Großveranstaltungen Schnee von gestern?

Zwei renommierte Fachleute hatten die beiden Landtagsabgeordneten der Oberallgäuer Grünen, Adi Sprinkart und Thomas Gehring, eingeladen, um aktuelle Themen des Allgäuer Tourismus zu beleuchten. Klimawandel, Pistenbeschneiung und der Wert von Großveranstaltungen standen auf der Tagesordnung im „Haus des Gastes“ in Obermaiselstein.

Die Klimaerwärmung im Alpenraum laufe sehr komplex und regional unterschiedlich ab, stellte Dr. Bruno Abegg vom Geographischen Institut der Universität Zürich verschiedene Szenarien dar. „Der Tourismus wird sich den verändernden Bedingungen anpassen müssen“, sieht er den Druck auf die Tourismusgemeinden wachsen. Besonders im Winter. Ein Temperaturanstieg führe zu einem Rückgang der schneesicheren Skigebiete. Der verstärkte Einsatz von Kunstschnee führe zu höherem Strom- und Wasserverbrauch - damit verbunden hohe Kosten und ökologische Problemen wie Wasserknappheit. Viele Skibetreiber hätten heute schon Probleme und forderten die finanzielle Unterstützung durch die Kommunen. Hauptverursacher des CO2-Austoßes im Tourismusbereich sei der Verkehr mit über 70 Prozent - dann folgten Heizung und Strom für die Unterkünfte mit gut 20 Prozent. „Der Alpentourismus muss klimafreundlicher werden“, sieht er in diesen Bereichen auch die meisten Einsparmöglichkeiten. Chancen gebe es beim Sommertourismus. Hier prophezeit Abegg „eine Renaissance der Sommerfrische“. Als Mann, der auch trockene Zahlen unterhaltsam „rüberbringen“ kann, erwies sich Prof. Dr. Thomas Bausch vom Fachbereich Tourismus der Fachhochschule München und Leiter des Alpenforschungsinstitutes in Garmisch. Sein Thema: „Großveranstaltungen als Werbeträger. Stimmen Aufwand und Nutzen?“. Auf diese - in der Region schon länger kontrovers diskutierte Frage – gab er ernüchternde Antworten. Die Werbewirksamkeit von Sportveranstaltungen werde „maßlos überschätzt“, so Bausch. Sie brächten nur etwas, wenn sie mit der touristischen Ausrichtung des Ortes in Einklang stehen. Oft passten Botschaft, Zeitpunkt und Zielgruppe nicht zusammen, sieht er „Kommunikationsprobleme“. „Die Karawane zieht weiter“, verwies Bausch auf die Flut und Austauschbarkeit der Veranstaltungen. Oder, überspitzt formuliert: „Das Fernsehen zeigt nicht ihren schönen Ort, sondern die Waden von Magdalena Neuer in Großaufnahme“. Sportverbände und Medien bereicherten sich auf Kosten der Kommunen, sprach er von einer „deutliche Schieflage bei der Finanzierung“. Sport im Urlaub führe bei den Umfragen „fast ein Nischendasein“. Gefragt seien Entspannung, Abstand zum Alltag, Zeit haben und schönes Urlaubswetter. Auch die wirtschaftlichen Effekte des Tourismus würden überschätzt. Bausch rechnete vor, dass von 100 Euro Umsatz nur drei bis sechs Euro (inklusive aller Kurabgaben) bei den Gemeinden hängen blieben. Erwartungsgemäß sorgte vor allem der Vortrag von Bausch für kräftigen Gegenwind und kontroverse Diskussionen bei den zahlreich erschienenen Kommunalpolitikern und Tourismusschaffenden. Altgediente Touristiker wie Alfons Zeller und Toni Vogler – aber auch Stimmen aus der Vermieterschaft und der Sportverbände - wollten die Ausführungen so nicht stehen lassen. Sie sehen in Großveranstaltungen durchaus eine Aufwertung und einen Werbeeffekt für die Region. „Von was sollen wir sonst leben?“, betonte Zeller den Stellenwert für Arbeitsplätze und Wertschöpfung im Allgäu. Tourismusexperte Walter Besler dagegen zeigte sich froh, „dass das Thema Olympia am Allgäu vorbeigegangen ist“. Er bekomme „regelmäßig Schluckbeschwerden“, wenn der Landkreis für die Großveranstaltungen im Süden mitzahlen muss, kritisierte Ferienhofbesitzer Peter Nessler aus Niedersonthofen und plädierte für einen naturverträglichen Tourismus. Auch von „Blankoschecks auf Kosten der Steuerzahler“ war die Rede. „Ein vernünftiges Maß sowohl was Veranstaltungen als auch die Beschneiung betrifft“, sieht Landrat Gebhard Kaiser das Oberallgäu auf dem richtigen Weg. Ihm gehe es nicht um die grundsätzliche Ablehnung von Großveranstaltungen, betonte Bausch. Sondern darum, ob sich die enormen Kosten aus den Einnahmen des Tourismus refinanzieren lassen. Dies sei nach seinen Erkenntnissen all zu oft nicht der Fall. Die Kommunen müssten genau überlegen und entscheiden, ob sie die Mittel nicht besser in ein zielgerichtetes Tourismusmarketing etwa für Wander- und Familienurlaub stecken.

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