Digitale Bilderwelten aus dem Kunstunterricht

Gymnasium Sonthofen über Kunst: Distanzunterricht war nicht nur schlecht

Bildmanipulation
1 von 11
Zum Thema „Der Blick in die Ferne. Zwischen romantischer Sehnsucht und medialer Flucht“ gab ein Schüler der 7. Klasse eine Bildmanipulation ab, die ihn selbst als Hauptfigur eines Videogames zeigt. Die Parallelen zum berühmten Bild Caspar David Friedrichs sind unverkennbar und gewollt.
Landschaftscollage mit unterschiedlichen grafischen Strukturen
2 von 11
Zitate aus der Kunstgeschichte: Die Landschaftscollage frei nach Albrecht Dürer und Ellsworth Kelly war als Kompositionsexperiment der 7. Klasse mit unterschiedlichen grafischen Strukturen angelegt.
Bewegungsstudie zum Thema Körper in Zwiesprache
3 von 11
Eine Bewegungsstudie aus der 11. Klasse zum Thema Körper in Zwiesprache.
Emotionale Typografie
4 von 11
Emotionale Typografie – Introspektion mit den Mitteln der Portraitdarstellung und Schriftgestaltung. So das Thema, das eine 12. Klasse bearbeitete.
Cover Artwork
5 von 11
Ein Albumcover für die Lieblingsband gestalten, war die Aufgabenstellung in der 10. Klasse.
Wasserfarbenbild
6 von 11
„Höhlenmalerei heute – Tierdarstellungen im Wandel“ lautete die Aufgabe in der 5. Klasse. Diese Schülerin ließ sich bewusst oder unbewusst vom Twitter-Vögelchen inspirieren
Bleistiftzeichnung
7 von 11
Beim Thema „Mein Traumhaus: Architektur vs. Natur“ ging es für die Zehntklässler und Zehntklässlerinnen um Einklang und Kontrast zugleich
Portraitcollage
8 von 11
10. Klasse: In dieser Portraitcollage geht es um Reflektion künstlerischen Strebens, hier Kunst und Musik.

Sonthofen – Das Gymnasium Sonthofen zieht Bilanz über den Distanzunterricht in „Kunst“. Digitales und Analoges verschmolzen heuer zu ausdrucksstarken Neukompositionen.

Videokonferenzen, Hausaufgaben in PDF-Form, Distanzunterricht – die Corona-Pandemie hat den Alltag von Schülern, Lehrern und Eltern gehörig auf den Kopf gestellt. Über die Nachteile des „Home-Schooling“ wird zurecht viel berichtet. Experten sind ob des fehlenden Tagesrhythmus‘, zu viel Zeit vor dem Bildschirm und zu wenigen sozialen Kontakten alarmiert. Doch die neue Form des Unterrichts habe nicht nur Schattenseiten, urteilt die Fachschaft Kunst am Gymnasium in Sonthofen. Sie sieht im „Flip Classroom“-Prinzip auch eine Chance für die Zukunft. Und die hervorragenden Leistungen der Schülerinnen und Schüler im Fach Kunst in diesem durch Corona bestimmten Schuljahr scheinen ihnen Recht zu geben. Digitales und Analoges verschmolzen hier zu ausdrucksstarken Neukompositionen.

Eine neue Sicht auf die Dinge

Kreatives Denken und freie Entfaltung fördern, sich mit Ungewohntem, Provokantem oder Herausforderndem auseinandersetzen, eine neue Sicht auf die Dinge bekommen, dies seien wesentliche Ziele der Kunsterziehung, erklärt Eva Leinen. Die Geografie- und Kunstlehrerin unterrichtet seit drei Jahren am Gymnasium in Sonthofen. „Im Prinzip ist alles, womit man umgeben ist und was man am Körper trägt von jemandem gestaltet worden“, so Leinen. Dies bewusst zu machen, sei Aufgabe des Kunstunterrichts. Umso wichtiger, dass dieses Fach während der Corona-Pandemie weiter unterrichtet wird. Aber wie? Nicht jedes Schulkind hat ein Arsenal an Malutensilien und Arbeitsmaterialien zuhause, die normalerweise im Unterricht zur Verfügung gestellt werden.

„Dinge, wie Ton oder Modellbaumaterialien, von denen man zuhause nicht ausgehen kann, fallen momentan weg“, erklärt Benjamin Ulmschneider, der seit 2014 in Sonthofen Kunst unterrichtet, „wir arbeiten mit den Möglichkeiten, die wir haben.“ Und er ergänzt: „Man braucht kein gutes Papier für guten Kunstunterricht, es geht auch mit einem Din A4 Druckerpapier.“

InstaStories im Kunstunterricht

Der Kunstunterricht habe sich von den Themenstellungen im Wesentlichen nicht verändert, musste aber in eine digitale Form übersetzt werden. Schon vor der Pandemie sei Digitales im Unterricht gezeigt worden, durch Corona habe sich das nur verstärkt. Fotos schießen oder eine App verwenden – gerade mit den digitalen Gestaltungsmöglichkeiten gäbe es viele Vorteile, erläutert der Kunstlehrer.

So ist beispielsweise das Thema „Instagram Story“ mit einer 8. Klasse aufgegriffen worden. Die „Story“ ist mittlerweile ein Fachbegriff für das im smartphonegerechten Hochformat von 9 zu 16 gedrehte Kurzvideo, das nach 24 Stunden gelöscht wird. In ihrer eigenen zu Papier gebrachten InstaStory sollten die Achtklässler erforschen, wie Bildmechanismen funktionieren, warum das Format für Marketing eingesetzt wird und was verschiedene Schriften, Sticker und Emojis aussagen.

Kunst in Videospielen

„Die Bildwelten, die wir heute erleben, sind ernst zu nehmen“, findet Ulmschneider. Die Ästhetik von Apps, Videospielen und Social Media hat die ästhetische Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen nachhaltig geprägt. Gleichzeitig lassen sich Motive aus Videospielen oder digitaler Werbung bis weit in die Kunstgeschichte zurückverfolgen. Während eine Fünftklässlerin zum Thema „Höhlenmalerei“ ein Vögelchen gestaltet, das dem Twitter-Emblem augenscheinlich ähnlich sieht, hat sich ein Schüler der 7. Klasse als Protagonist eines Videospiels selbst in der Tradition Caspar David Friedrichs inszeniert. Und so schließt sich der Kreis. „Ein gelungener Transfer“, urteilt Ulmschneider, „die Motive stammen aus der Kunst und sind jetzt in Computerspielen, das hat der Schüler verstanden.“

Die Themen mussten sich die Schüler und Schülerinnen dieses Schuljahr zuhause selbst erschließen. Die Kinder bekamen Handouts mit einer Einführung und der Themenstellung inklusive Beispielbilder. Fragen und Zwischenergebnisse konnten dann im Gespräch mit der Lehrkraft via Email, Telefonat oder Videokonferenz besprochen werden. „Flip Classroom“ nennt man diese Methode auch.

Umkehr des Lernprozesses

Während im Präsenzunterricht das Thema vom Lehrer meist im Frontalunterricht eingeführt wird und der Schüler sich dann alleine zuhause darin vertiefen muss, dreht das „Flip Classroom“ Prinzip diesen Vorgang um. Der Schüler eignet sich das Themengebiet erst selbstständig an und kommt danach für Fragen und zur Vertiefung in den Unterricht. „Der Kunstunterricht hat durch diese Methode einen stärker universitären, akademischen Touch bekommen“, findet Ulmschneider, „Eigeninitiative ist nun deutlich mehr gefordert.“ Für den jungen Kunstlehrer sei dies ein positiver Nebeneffekt: „Man muss den Mund aufmachen, wenn man weiterkommen will“. Eva Leinen, selbst Mutter von schulpflichtigen Kindern, sieht das kritischer: „Es gibt eben Schüler, die preschen vor und stellen Fragen, während andere von der Persönlichkeit her zurückhaltender sind.“ Für viele Kinder sei das eine „enorme Hürde.“

Im normalen Schulalltag profitieren auch die Schüchternen von den Fragen der anderen Schüler. Die Interaktion ist das fehlende Glied im aktuellen Unterrichtsgeschehen. Und Schüler sind eben keine Studenten. Das sehen auch Ulmschneider und Leinen so: „ Die unmittelbare Hilfestellung im Unterricht, wenn man dem Schüler mal über die Schulter schaut, fällt weg“.Daher sei die kommunikative Basis so extrem wichtig.

Fokus auf Präsentation

Universitären Charakter hat auch, dass man Ergebnisse aufbereiten und präsentieren muss. „Das Präsentieren hat heute einen viel höheren Stellenwert, nicht nur im Kunstunterricht, sondern fächerübergreifend“, weiß Ulmschneider. Und so wurden dieses Schuljahr erst geplante und dann umgesetzte Modellbauprojekte zu Flugobjekten auch mal via App in eine präsentable Form gebracht und als PDF abgegeben. Voraussetzung immer: Das Internet funktionierte. „Nicht die Themenstellungen waren das Problem, sondern die technische Ausstattung“, zieht der Kunstlehrer Bilanz. Eine Aufgabe, der sich die Schule momentan widme.

Durch den „remote“ stattfindenden Unterricht haben sich die Aufgabenfelder der Lehrkräfte in ihrer Menge verschoben, berichten Eva Leinen und Benjamin Ulmschneider. Leinen: „Der Unterricht ist ganz klar nicht mehr nur auf die Doppelstunde am Vormittag in der Schule beschränkt, sondern man ist praktisch ständig erreichbar.“ Ulmschneider hat die Zeit auch zur Selbstevaluation genutzt: „Ich würde gerne Teile des Distanzunterricht weiterhin nutzen“, so der Kunstpädagoge, „ich verstehe diese Zeit nicht ausschließlich als negativen Einschnitt: Das Material digital zu haben und mit Handouts zu arbeiten ist doch wunderbar, und im Unterricht hat man dann noch mehr Zeit für das individuelle Coaching.“

Rubriklistenbild: © Gymnasium Sonthofen

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Corona News Oberallgäu: Warnung vor Reisen in Delta-Varianten-Gebiete
Corona News Oberallgäu: Warnung vor Reisen in Delta-Varianten-Gebiete
Corona-Todesfall: Delta-Mutation im Oberallgäu entdeckt
Corona-Todesfall: Delta-Mutation im Oberallgäu entdeckt
Gendern ohne Sonderzeichen: Nachrichtenagenturen wollen weniger diskriminieren
Gendern ohne Sonderzeichen: Nachrichtenagenturen wollen weniger diskriminieren
Corona "Drive-In" in Sonthofen und Kempten öffnen wieder
Corona "Drive-In" in Sonthofen und Kempten öffnen wieder

Kommentare