Neuer Bildband über das Allgäu: "Heimat, Heu & Haferlschuh"

Zeitreise ins Allgäu der 1950er

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Ingrid Grohe (rechts) und Klaus-Peter Mayr (von links) sprachen mit Heidi Biebl, Claudia, Magdalena und Christian Heimhuber, sowie Albert Wechs über die „gute alte Zeit“ und den fotografischen Schatz der Familie Heimhuber.

Sonthofen – Die Schatzsuche im kaum überschaubaren Archiv des Fotohauses Heimhuber geht weiter. Einige der markantesten Funde, die bei der Sichtung und Archivierung zahlloser historischer Fotografien ans Tageslicht kamen, wurden in einem neuen Bildband „Heimat, Heu & Haferlschuh“ zusammengeführt.

Das packende Buch zeigt das Alltags- und Arbeitsleben der Menschen, die Kultur und Traditionen wie sie die Sonthofer Fotografen Heimhuber in den 1950er Jahren mit ihren Fotoapparaten damals festhielten.

Die 1950er Jahre im Allgäu. Wie überall in Nachkriegsdeutschland herrschte Aufbruchstimmung. Der Krieg hatte Wunden geschlagen und schwere seelische wie körperliche Lücken hinterlassen. „Vielleicht kann das Buch die Begeisterung der Menschen dokumentieren, die diese Zeit miterlebten“, hofft Claudia Heimhuber.

Zur Buchvorstellung in Gunzesried hatten die Autoren Ingrid Grohe und Klaus-Peter Mayr auch Zeitzeugen in die Gesprächsrunde eingebunden, für die dieses „damals“ ein Teil der eigenen Kindheit ist.

Die Lebenslust kehrte zurück zu den Menschen; der Glaube an eine bessere Zukunft. Auch im Allgäu. Der Elan erfasste zunächst die Kinder, die in den Kriegsjahren aufgewachsen waren, wie etwa Albert Wechs (Jahrgang 1936) aus Hinterstein. Im Sommer musste er wie fast alle Kinder auf dem Land bei der Ernte- und Hofarbeit anpacken. Aber im Winter ging‘s nach den schnell erledigten Hausaufgaben raus zum Skifahren. „Gelernt im Skikurs haben wir das nicht; wir haben es einfach gemacht – zum Teil schon extrem.“ Ganz hoch im Kurs stand damals der Skisprung, und die Buben in den Dörfern bauten Schanzen.

Richtig gelernt hat das Skifahren in den 1950er Jahren dagegen Heidi Biebl aus Oberstaufen. „Aber trainiert habe ich meistens allein, bevor ich endlich einen richtigen Lehrgang besuchen durfte“, erinnert sich die Abfahrts-Olympiasiegerin des Jahres 1960.

Die Bilder zeigen Dörfer voller Leben und Kraft. Da wurde hart gearbeitet, aber auch bodenständig gefeiert. Beschwerliche Heuernte neben Tanz in Haferlschuhen. Harte Arbeit, fröhliche Ausgelassenheit. Wirtschaftswunderstimmung und Bodenhaftung.

„Eine Reise in eine Welt von gestern“ erlaube der Bildband, meinen die beiden Autoren des Bildbandes. Tatsächlich erfasste der Aufbruch in eine neue Zeit in jenen Jahren auch das Allgäu und seine Dörfer. Wenn auch nicht mit dem rasanten Tempo wie in den Städten. Mit dem Fortschritt verschwanden die Pferde, die dem neuen Traktor „Dieselroß“ weichen mussten. Die Menschen „machten mobil“ und schafften sich Motorräder und Autos an. Eine neue Landflucht setzte ein; der Tourismus erreichte fast jeden Ort in der Region.

Was heute Tausende zum Viehscheid im Allgäu bringt, war vor 60 Jahren „a riebige Sach“, wie sich Albert Wechs erinnert. Die Heimhuber-Fotografen ließen sich damals diese Feiertagsmotive genauso wenig entgehen wie den Alltag in den kargen Alphütten und fotografierten stolze Hirten und prächtig herausgeputzte Rinder. Rund 200 Stück Alpvieh sei in den 1950ern nach Hinterstein gekommen, und eine Handvoll Leute, so Wechs. Heute seien es vielleicht 1000 Stück Vieh – und 20 000 Schaulustige. „Das ist nichts mehr für Einheimische.“

Hielten die Foto-Pioniere aus der Heimhuber-Familie die „gute alte Zeit“ mit ihren Aufnahmen fest? Albert Wechs, der mit seinem immensen geschichtlichen Wissen den Autoren half, Fotos einzuordnen und zu beschreiben: „Ja, bestimmt. Wir hatten keine Not und bei aller Bescheidenheit ein gutes Leben.“

„Heimat, Heu & Haferlschuh - Das Allgäu in den 1950er Jahren“; J. Berg Verlag / Bruckmann Verlag; 188 Seiten; ISBN 978-3-86246-566-8; 39,99 Euro.

gts

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