Hirschgeweihe gestohlen

Oberallgäuer Jäger beklagen ständige Unruhe in den Revieren

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Rund die Hälfte haben die Jäger bereits geschafft auf dem Weg zum Abschusssoll.

Fischen – Halbzeitbilanz der Rotwildjagd im Oberallgäu. Im Rahmen der Herbsthegeschau des Kreisjagdverbandes Oberallgäu wurde eine Zwischenbilanz aufgemacht: gut die Hälfte des vereinbarten Abschusssolls wurde bis Mitte Oktober mit 518 erlegten Hirschen erreicht.

Bis Ende Januar sollen die Jäger mithin „dranbleiben“ an der Aufgabe. Zunehmend schwieriger werde die Jagd allenthalben, so die Klage der Jägerschaft. Zu jeder Tages- und Nachtzeit seien die Menschen inzwischen im Wald unterwegs.

„Es wird schwieriger mit der Jagd“, stellt etwa der Vorsitzende des Kreisjagdverbandes Oberallgäu, Heinrich Schwarz, fest. Zu jeder Tages- und Nachtzeit seien „selbst in den entlegendsten Bereichen Leute unterwegs, die sich austoben“. Immer wieder beobachte man Mountainbiker, die kreuz und quer durch den Wald preschten. Eine Ursache sieht Schwarz auch im Forstwegebau, der die Sportler in entlegene Ecken locke. Auch die Medien trügen zum Ansturm bei, indem sie etwa packende Fotos verbreiteten und dazu aufriefen, den „Goldenen Herbst“ in den Bergen zu nutzen. Einen plakativen Fall hatte der Vorsitzende des Jagdverbandes auch parat: Jäger steigen in Morgengrauen bergwärts zur Gamsjagd. In der Tat haben sie Glück und entdecken eine Gruppe Gemsen. Noch bevor sie zum Schuss anlegen können, brummt es am Himmel als eine ferngesteuert Drohne ihre Kreise zieht, um Filmaufnahmen zu machen. Die Gemsen flüchteten in wilder Aufregung... Schwarz fragt: „Wie lange hält das die Natur und Landschaft aus?“ Er regt weiter an, über zeitlich definierte Betretungsverbote nachzudenken und über Wegegebote. Woanders sei das schon Gang und Gäbe.

Die Jagd sieht sich mitten im Spannungsfeld des Tourismus. Der Stellvertretende Landrat, Alois Ried, erinnert an die Bedeutung des Tourismus im Oberallgäu und verweist auf 10 Millionen Übernachtungen pro Jahr, die letztlich die Gastronomie und die Wirtschft generell in der Region befeuerten. Er, Ried, sei überzeugt, dass „der Tourismus ein Problem wird“. Umso wichtiger sei es, alle Beteiligten ins Boot zu holen und auf Augenhöhe zu diskutieren. „Schuldzuweisungen bringen nichts!“ Die Kreisverwaltung könne nicht einfach eingreifen und kurzhand Betretungsverbote erlassen, gab Ried zu bedenken. Ried: „Das ist nicht einfach, aber einen Weg muss man suchen...“

Gedanken, wie man diesen Konflikt der unterschiedlichen Nutzungen der feien Natur lösen könnte, macht man sich seit geraumer Zeit dem Naturpark Nagelfluhkette. „Wie geht man mit rund 10 Millionen Menschen um, die in der Natur aktiv sein wollen?“, fragt sich der Geschäftsfühter des Naturparks, Rolf Eberhardt. Er kennt auch die Klagen von Wanderern, die inzwischen Wege meiden, auf denen sie häufig Mountainbikern begegnen. Der Aufgabe, alles unter einen Hut zu bringen müsse man sich jetzt stellen, meint er und ist optimistisch: „Das klappt auch.“

Es klappt, wenn ein Konzept entwickelt werde, dass nicht auf Verbote und Aussperrung bestimmter Gruppen abziele, sondern punktuell attraktive Angebote für genau die „problematische“ Zielgruppe beinhalte, ist Eberhardt sicher. „Lenkung funktioniert nur über Angebote.“ Unter dem Motto „Dein Freiraum. Mein Lebensraum.“ informiert eine Kampagne im Naturpark Nagelfluhkette über den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und die Bedürfnisse schützenswerter Tiere und Pflanzen. Ein spezielles, maßgeschneidertes Angebot für Mountainbiker fehle noch, räumt Eberhardt ein. „Da muss was passieren!“ Der Geschäftsführer schätzt den Investitionsbedarf auf eine halbe Million Euro. Und das sei eine Riesenaufgabe. Es gelte, viele Akteure an einem runden Tisch zu versammeln und allen auf Augenhöhe in fairem Dialog zu begegnen.

„Den Tourismus wird man nicht zurückdrehen können“, weiß auch der Chef der Hochwild-Hegegemeinschaft Sont- hofen, Fürst Erich zu Waldburg-Zeil. Das Lenkungskonzept, das Naturpark-Geschäftsführer Rolf Eberhardt entwickle und vorstellte, sei die Basis für ein Modell, das er als „Oberallgäuer Weg“ bezeichnet. Dabei solle man nicht Berater von außen holen, das „kostet nur viel Geld“, sondern vielmehr auf eigene Kompetenz und Erfahrung bauen: „Wir wissen am besten, was wir brauchen.“ Es gehe in diesem Zusammenhang nicht an, dass manche Kommunen etwa Radstrecken bewerben und propagierten, die eigentlich gar nicht zulässig seien: auf Wegen, die weniger als zwei Meter Breite aufweisen, sei Radfahren ohnehin nicht erlaubt. Und eine gewerbliche Naturnutzung, gibt Fürst Erich zu Waldburg-Zeil weiter zu bedenken, sei stets genehmigungspflichtig. „Die Aufgabe ist in der Tat nicht einfach, aber wir dürfen keine Zeit verlieren!“

Keine Zeit verlieren dürfe man auch beim Waldumbau, unterstrich Dr. Ulrich Sauter, Fachbereichsleiter Forsten am Landwirtschaftamt Kempten. Der Klimawandel erfordere eine grundlegende Ertüchtigung des Waldes. Das Patentrezept: naturnaher Bergmischwald wo immer möglich. „Die Jagd spielt dabei eine wesentliche Rolle!“

Von einer „eindrucksvollen Strecke“ sprach Kreisjagdberater Stefan Pfefferle beim Blick auf die ausgestellten Trophäen im Kurhaus-Saal in Fischen. Mit 52 Prozent Erfüllungsquote seien die Oberallgäuer Jäger auf gutem Weg, bis Jahresende auf das geforderte Abschusssoll zu kommen: „Die andere Hälfte ist durchaus zu erreichen.“ Wer bis Weihnachten fertig sei, nehme viel Druck von sich – und dem Wild, so Pfefferles aufmunternder Appell, nicht bis zum letzten Tag zu warten. Die Jagdzeit für Rotwild endet mit dem 31. Januar.

Drei prächtige Trophäen fehlten allerdings: die Hirschgeweihe waren im Zuge der Platzierung im Kurhaussaal „verloren gegangen“. Beim Kreisjagdverband geht man von Diebstahl aus.

Josef Gutsmiedl

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