Neues Leben für alten Brauch

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Hermann Oberauer in seinem Tischlereigeschäft in Oberstdorf: Unterm Arm eine Kastenratsche, davor am Boden die Vorratschen. Auf dem Tisch liegen die kleineren Flügel- und Klapperratschen.

Oberstdorf - Dem „Karfreitagsratschen“ zu einer Wiederentdeckung zu verhelfen hat sich der Oberstdorfer Tischler Hermann Oberauer in den Kopf gesetzt. Der 65-jährige gebürtige Tiroler fertigt Holzratschen nach alten Vorlagen an.

Inzwischen sind sieben Modelle in seinem Laden und Werkstatt in der Oberstdorfer Metzgerstrasse zu besichtigen. Von der großen Vorrätschen, die mit Rädern auf der Strasse gezogen oder von zwei Mann getragen wird, über Modelle, die unterm Arm getragen werden, bis zu Flügel- und Handratschen für die Kinder. 

Auch in Oberstdorf sollen wieder „Ratschen“ heimisch werden. „Die Karfreitagsratschen sind leider großteils in Vergessenheit geraten“, bedauert Oberauer das Verschwinden der historischen Instrumente. Über viele Jahre hat er ihre Geschichte erforscht. Das Wort komme von Ratschen wie Unterhalten, so Oberauer. Im Mittelalter kamen die Leute auf dem Dorfplatz zusammen, um über wichtige Dinge zu beraten. Dazu seien die Burschen mit den Lärminstrumenten durchs Dorf gelaufen um die Bürger auf diese Versammlungen und andere wichtige Dinge aufmerksam zu machen. Später seien in den katholischen Gemeinden die Kinder sternförmig mit ihren Ratschen zur Kirche gezogen um vom Kirchturm herunter zu ratschen. Quasi um die Glockengeläut zu ersetzen und die Gläubigen am Karfreitag und Karsamstag zur Messe zu rufen. 

Denn laut Volksmund waren die Kirchenglocken zwischen Gründonnerstag und Ostern nach Rom geflogen um dort die Beichte abzulegen. Dieser Brauch ist einigen Orten in Oberbayern, Franken und andern Gegenden Deutschlands und im Alpenraum noch erhalten geblieben. Die Instrumente können einen beträchtlichen Geräuschpegel entwickeln. Die großen Modelle funktionieren nach dem Prinzip einer Spieluhr. Auf einer Holzwalze sind Klötze verbaut, die beim Drehen der Walze Holzleisten anheben, wodurch das typische Klappern entsteht. 

„Leider ist über die Jahre viel Wissen verloren gegangen“, möchte Oberauer gerne auch in Oberstdorf die Tradition des Karfreitagsratschens wiederbeleben. Er hofft auf Unterstützer und Verbündete für sein Anliegen, „damit die Bräuche aus der Vergangenheit nicht verloren gehen". Überhaupt haben es dem Tüftler fast vergessene Gerätschaften angetan. Nach alten Vorbildern fertigt er Faschingsmasken, Holzfahrräder, Kienspanhalter, das Modell einer Feldkegelbahn, eine fußbetriebene Bandsäge und Möbelstücke an. Zu allen Stücken weis Oberauer eine spannende Geschichte und die historischen Hintergründe zu erzählen. Sein Sohn, der gerade eine Schreinerlehre absolviert und sich auch für die alte Handwerkskunst interessiert, soll den Betrieb einmal weiterführen. „Damit das Bewusstsein für die alten Stücke erhalten bleibt“, so Oberauers Wunsch.

Heinrich Bonert

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