Bodenständiges Erbe

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Das Ostrachtal - hier Hinterstein - sieht sich gut aufgestellt für die Aufnahme in den Katalog der Unesco.

Bad Hindelang - Ein „Edelstein der Alpen“ ist das Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen um Bad Hindelang schon länger. Ende 2014 möchte die Perle der Allgäuer Bergwelt nun zusätzlich in das Verzeichnis „Immaterielles Kulturerbe“ der Deutschen Unesco-Kommission aufgenommen werden.

Im Kern geht es dabei um Bräuche, Traditionen und Rituale und insbesondere um das über Jahrhunderte erworbene Wissen, mit der Natur schonend umzugehen. Die jetzt beim Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst eingereichte Bewerbung konzentriert sich auf die hochalpinen Allgäuer Alpen in Bad Hindelang als Vorzeigebeispiel für die bayerische Alm- und Alpwirtschaft sowie das mehrfach prämierte „Ökomodell Hindelang“. 80 Prozent der Gemeindefläche stehen unter Landschafts- und Naturschutz. 

„Unsere Bewerbung entspricht exakt den Zielen der Unesco und verknüpft ökologische, ökonomische und soziale Aspekte optimal miteinander. Denn unsere offene hochalpine Kulturlandschaft ist nicht nur aus Naturschutzgründen wegen ihrer einmaligen Artenvielfalt schützenswert, sondern auch identitätsstiftend für unsere gesamte Gemeinde und der Hauptgrund, warum Gäste zu uns kommen. Zudem ist es vor 25 Jahren gelungen, die Jahrhunderte lang praktizierten strengen ökologischen Kriterien der Alpwirtschaft über das Ökomodell Hindelang in die Talwirtschaft zu übertragen. Damit betreiben unsere Alpen und die Bergbauern gemeindeweit großflächigen Naturschutz – das ist bis heute ein Vorzeigeprojekt für den gesamten Alpenbogen, sagt der Bad Hindelanger Bürgermeister Adalbert Martin. 

Das seit 25 Jahren konsequent verfolgte Konzept des Hindelanger Ökomodells erhielt zahlreiche Auszeichnungen – 1990 zum Beispiel den „Liechtensteiner Binding-Preis für Natur- und Umweltschutz“ sowie den „Deutschen Umweltpreis 1990“. Die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA und der World Wide Fund for Nature (WWF) beurteilten die Berge um Bad Hindelang als eine der schützenswertesten Regionen der Alpen und vergaben die Auszeichnung „Edelstein der Alpen“. Ein europaweites Siegel, das nur 23 alpine Regionen tragen dürfen. Herzstück der Hindelanger Alpwirtschaft sind die 19 hochalpinen Alpen des Hintersteiner Tales, die insgesamt 5600 Hektar groß sind. 

„Bereits 1992 haben Hindelanger Landwirte anlässlich der Jahrestagung der Internationalen Alpenschutzkommission die Basis für eine heute mögliche Aufnahme in das Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe der Deutschen Unesco-Kommission geschaffen. Die Bauern schlossen sich seinerzeit genossenschaftlich zusammen und gründeten den Landschaftspflegeverein 'Hindelang Natur & Kultur'. Aus heutiger Sicht ein historischer Entschluss“, sagt Ideengeber Martin Kluger aus Augsburg, der auch die Bewerbung der Fuggerstadt mit ihrer historischen Wasserwirtschaft als Unesco-Welterbe betreut. 

Kriterien des Vereins waren und sind bis heute unter anderem der vollständige Verzicht auf Kunstdünger, die Beschränkung auf eine Kuh pro Hektar sowie die Erzeugung von 90 Prozent des Tierfutters im Gemeindegebiet. Auf Gentechnik wird komplett verzichtet. Der großflächige Naturschutz dieser Jahrhunderte alten intakten hochalpinen Kulturlandschaft durch die Alpwirtschaft und die Bergbauern im Tal sowie die Direktvermarktung unter dem Qualitätslabel „Hindelang Natur & Kultur“ führten auch dazu, dass das Ökomodell Hindelang in „Die Weltweiten Projekte der Expo 2000“ aufgenommen wurde. Die Weltausstellung in Hannover stellte seinerzeit das Hindelanger Ökomodell unter rund 200 zukunftsweisenden Projekten aus 124 Ländern vor. 

Zu einem historischen Großereignis hat sich in Bad Hindelang der Viehscheid entwickelt, der fester Bestandteil der Alm- und Alpwirtschaft und somit auch der aktuellen Bewerbung ist. Der Hindelanger Viehscheid, der meist am 11. September stattfindet, ist seit 1794 schriftlich belegt und gilt als einer der ältesten überhaupt. 

„Das Bad Hindelanger Gesamtkonzept hat deutlich gemacht, wie Berglandwirtschaft mit ihren Alpen, der Natur und dem Tourismus intensiv vernetzt werden kann. Die Bewohner des Hindelanger Tales haben gezeigt, wie das Prinzip Nachhaltigkeit vorbildlich verwirklicht, Vielfalt erhalten und neue Herausforderungen und Chancen mit den Traditionen des Tales in Einklang gebracht werden können. Dem Erhalt der Alpwirtschaft kommt auch zukünftig eine zentrale Bedeutung zu. Über die Alpwirtschaft werden alte Produktionsweisen und handwerkliche Fertigkeiten, insbesondere auch bäuerliche Traditionen und Gebräuche erhalten und mit Leben erfüllt. Ich bin mir sicher, dass dieses Projekt über die ganze Region ausstrahlen und einen Beitrag zur Stärkung der Alpwirtschaft leisten wird“, sagt der langjährige Bayerische Landwirtschaftsminister Josef Miller. Er gab für die Bad Hindelanger Bewerbung ebenso eine schriftliche Empfehlung ab wie Prof. Dr. Werner Bätzing vom Institut für Geographie in Erlangen. 

„Das immaterielle Kulturerbe 'Hochalpine Allgäuer Alpen' erfüllt alle Kriterien der Unesco-Kommission auf eine sehr vollständige und sehr stimmige Weise“, sagt Prof. Dr. Werner Bätzing. Dass dieses traditionelle Natur-Wissen nicht für sich alleine stehe, sondern auf alle anderen wichtigen Bereiche wie etwa den Tourismus oder die Gemeindepolitik übertragen worden sei, „das ist einmalig in Bayern und Deutschland“. Selbst Angebote zur Mobilität sowie Landschaftspläne oder Energiekonzepte orientierten sich an den traditionellen Vorgaben. „Aus dem kleinen Kern einer traditionellen nachhaltigen Alpwirtschaft ist ein breites Ökomodell geworden, das große Teile der modernen Gesellschaft umfasst und damit der Tradition eine aktive und lebendige Zukunft gibt“, so der alpenweit anerkannte Kulturlandschaftsexperte.

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