Versteckt unter Sägemehl

Immenstädter Hobby-Historiker Siegbert Eckel erinnert sich

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Eine abenteuerliche Geschichte verbirgt sich hinter der martialischen Skulptur aus dem Hofgarten in Immenstadt.

Sonthofen / Immenstadt – Anfang März schloss das sogenannte „Gebirgsjägermuseum“ in Sonthofen endgültig seine Pforten. Die wesentlichen Exponate der Sammlung, die gut 25 Jahre lang von Dieter Bischoff und dem Kameradenkreis der Gebirgsjäger „Grünten“ aufgebaut und betreut worden war, wurden ins Bayerische Armeemuseum nach Ingolstadt gebracht. Dort soll die Sammlung dauerhaft etabliert werden. Als eines der letzten Stücke des Gebirgsjägermuseum trat die Skulptur eines Handgranatenwerfers die Reise nach Ingolstadt an. Unser Bericht war Anlass für Siegbert Eckel, Hobbyhistoriker und profunder Kenner der Oberallgäuer und speziell der Immenstädter Geschichte, dieser „Geschichte“ noch tiefer nachzuspüren. Geschichte, die er selbst miterlebte.

„Die Militärregierung wünscht die Entfernung aller Monumente und Denkmäler, welche durch die Art ihrer Ausführung geeignet sind, den Angriffsgeist im deutschen Volke weiterhin wach zu halten.“ Mit diesen dürren Worten informierte Bürgermeister Georg Sigel rund vier Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges den Stadtrat über einen entsprechenden Befehl der Amerikaner. Der Stadtrat beschloss darauf hin am 22. August 1945, die Figur des Handgranatenwerfers am Hofgarten und den Spruch auf einer Tafel entfernen zu lassen. Es scheint, dass besonders die auf der mittleren Tafel eingravierten Zeilen bei den Besatzungstruppen Ärgernis erregt hatten. Sie waren aber den Gefallenen des Ersten Weltkrieges gewidmet und lauteten: „Wir schützten die Heimat wider den Hass der Welt mit unserem Blut treu bis zum Tod. Ihr helfet weiter. Einig zu bleiben und fest in Hoffnung und Mut sei euer Gebot“.

Siegbert Eckel: „Auf sechs weiteren Tafeln waren die Namen von 158 Gefallenen eingemeiselt. Innerhalb einer großen Festveranstaltung war das von den Architekten Sturzenegger und Hornegger aus Augsburg gestaltete Denkmal am 22. September 1929 eingeweiht worden. Nach nur knapp 16 Jahren sollte es also wieder beseitigt werden.“

Was aber tun mit dem steinernen Handgranatenwerfer, den der Bildhauer Professor Karl Bauer aus München geschaffen hatte? Wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkrieges war wohl niemand bereit, einem solchen Koloss Asyl zu gewähren, und in Kleinteile auflösen wollte man das einst so teure Kunstwerk auch nicht. Aber die Immenstädter haben sich – wie es scheint - geschickt aus der Affäre gezogen.

Eckel erinnert sich: Im Zuge der Entnazifizierungsmaßnahmen der Militärregierung habe auch sein Vater als ehemaliges NSDAP-Mitglied Arbeit für die Öffentlichkeit zu verrichten und war dafür zu Arbeiten in der Stadtsäge eingeteilt. „An einem schönen Tag habe ich dort meinen Vater besucht und um einem möglichen Unfall am Sägegatter vorzubeugen, schickte mich dieser auf das Dach eines kleinen Anbaues, den sogenannten Sägemehlturm. Dort habe ich dann im Sägemehl mit allerlei kleinen Holzstückchen gespielt, bis ich einen großen Stein fand. Allerdings konnte ich diesen nicht anheben und wollte ihn deshalb aus dem Sägemehl frei graben. Sehr erstaunt war ich dann, dass dieser Stein sich als Stahlhelm entpuppte und auch ein Gesicht hatte.“

Eckels herbei gerufener Vater konnte die Sache schließlich aufklären: Im Sägemehlturm der Stadtsäge war der fast zwei Tonnen schwere Handgranatenwerfer versteckt worden, und ihm, dem kleinen Buben war es vorbehalten, ihn zu entdecken. Vermutlich in ihrem Verschlag vergessen, stand die Figur noch lange dort, auch als in der Stadtsäge längst kein Sägemehl mehr anfiel. Schließlich wurde das Kunstwerk in die Sammlung der Gebirgstruppe in der Grüntenkaserne in Sont- hofen „abkommandiert“, wo er bis heuer den Eingang zum Museum in der Grüntenkaserne „bewachte“.

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