Jagen wie im Krimi

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Ein leidenschaftliches Plädoyer für „sichtbares Wild“ hielten Hans Donderer (von links), Stefan Pfefferle und Dr. Armin Deutz.

Oberallgäu – Mit einem „Rotwild-Symposium“ beleuchtete die Landesgruppe Bayern der Vereinigung „Jagdagenda 21“ die Situation des Rotwildes im Voralpenraum. Konkret sieht der Verein etwa die Hirsche im Kempter Wald „auf der Abschussliste“. Generell werde auf den einst als „König des Waldes“ bezeichneten Hirsch kräftig Druck ausgeübt, so die Kritik am Umgang mit diesem Wildtier. Sichtbares Wild müsse seinen angestammten Platz in der Landschaft haben, fordert die Jagdagenda 21.

Schon Mitte der 1980er Jahre seien Versuche unternommen worden, „die Auslöschung der Rotwildpopulation“ im Kempter Wald voranzutreiben, beklagt Hans Donderer. Es gebe nur noch wenige Inseln in der Voralpenlandschaft, die als Lebensraum für Hirschbestände taugten; Kürnacher Wald und Rottachberg zum Beispiel seien weggefallen. „Wolf und Luchs dürfen kommen“, so Donderer, „nur der Rothirsch darf sich keine Lebensräume suchen.“ Statt eines Willkommensgrußes behandle man den „König des Waldes“ wie einen Schädling. Hirschdarstellungen finde man bestenfalls noch als Dekoration in der Vorweihnachtszeit. „Aber im Wald darf er nicht sein!“

Eine „schleichende Beseitigung“ sei nicht von der Hand zu weisen, rundet Jäger Donderer seinen Streifzug zur Situation des Rotwildes ab. Die Landschaft nördlich der Queralpenstraße solle offenbar frei von Rotwild werden, so seine Einschätzung mit Blick auf die seit Jahren hohen Abschussvorgaben. Naturfreunde und verantwortungsbewusste Jäger seien aufgefordert, dem entgegenzutreten. Rotwild brauche Raum, stellt Donderer fest. Mit gerade einmal 5200 Hektar sei der Kempter Wald ohnehin an der Untergrenze eines Hochwild-Lebensraumes.

Dabei sei der Hirsch als sichtbares Wildtier ein geschätztes Naturerlebnis, wie ihm immer wieder bestätigt würde, lenkt Donderer den Blick auf den Kempter Wald als Naherholungsraum. Allerdings werde es „immer ruhiger“ im Kempter Wald, meint Donderer und fügt an: „Tote Hirsche schreien nicht mehr...“ Eine aktuelle Unterschriftensammlung für den Erhalt des Rotwildgebietes Kempter Wald laufe gut.

Ohne Zeugen, ohne Spuren

Stefan Pfefferle, Revierjagdmeister und akademischer Jagdwirt, betrachtete das Beziehungsgeflecht von Jagd, Wild, Mensch und Lebensraum aus einer neuen Warte aus. Die „Sichtbarkeit“ des Wildes sei der entscheidende Faktor, meint der Berufsjäger. Sichtbares Wild trage zur Motivation des Jägers bei, führe zugleich zu besserem jagdlichen Erfolg und letztlich zu mehr „Wissen durch Erlebnis und Erfahrung“ statt angelerntem Spezialwissen aus Büchern, folgert Pfefferle.

Zufriedene Jäger seien auch ein Vorteil für die Grundbesitzer und ihre Jagdgenossenschaften, sprich: attraktivere Reviere mit attraktiven Erlösen. Weitere Nutznießer von sichtbarem Wild macht Pfefferle auch im Lager den Naturnützer aus, in einer Natur, die mehr Erlebniswert aufweise. „A Hirsch isch oifach was Tolles...“, schwärmt Stefan Pfefferle von einem imposanten Wildtier in freier Landschaft. Letztlich, so stellt er weiter fest, trage dieser entspanntere Umgang zu einer verbesserten Lebensqualität des Wildes bei. Allerdings seien „Entwicklungen im Gange“, die die Sichtbarkeit des Wildes weiter beeinträchtigten, beobachtet Pfefferle. So schaffe der Mischwald, der im Zuge der Bergwaldoffensive propagiert werde, ein besseres Nahrungsangebot für das Wild – im Wald. Die Freizeitnutzung der freien Natur habe zugenommen – und schließlich komme der Jagd „als Superfaktor“ eine Schlüsselrolle zu. „Hier kann die Jagd etwas verändern“, meint Stefan Pfefferle.

„Das Feindbild Mensch ist der jagende Mensch.“ Pfefferle plädiert für eine andere Jagd, für eine von Leidenschaft genauso geprägte „bessere Jagd“, die sich ein gute Stück weit in das Wild hineinversetzen will. Ein Erfolgsrezept sieht Pfefferle in einem konsequenten Mix aus Bejagungsflächen und Erholungsflächen für das Wild. Das führe dazu, dass das Wild wieder zu einer natürlichen Lebensweise übergehe. Alles, was einer „Dauerbelagerung“ des Wildes gleichkomme und mit der Abfolge Schuss-Tod-Mensch zu tun habe, sollte vermieden werden: „Wild hat ein erstaunlich gutes Gedächtnis.“ Pfefferle rät: wie im Krimi sollte man keine Spuren und Zeugen zurücklassen.

Das Erfahrungswissen werde weitergegeben im Familienverband des Sozialtieres Hirsch mit einem enormen Lernvermögen und Langzeitgedächtnis, ergänzt Dr. Armin Deutz aus Österreich. Seine langjährigen Erfahrungen als Jäger und Hegemeister hätten das immer wieder bestätigt. Das Rotwild habe sich längst auf die klassischen Jagdmethoden eingestellt. Jagd mit Überraschungseffekten verspreche daher den besten Erfolg. Immer noch vernachlässigt werde die Ausrichtung der Jagd am Geschlechterverhältnis eines Rotwildbestandes: Man müsse „die Dynamik rausnehmen“ durch entsprechend gestaltete Bejagung.

In der Diskussion wurde schließlich kritisiert, dass Abschusszahlen allzu oft am sogenannten Vegetationsgutachten festgemacht würden. Besser sei eine Planung, die sich an einem Wildtier-Monitoring orientierten.

Josef Gutsmiedl

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