Blick auf Dietrich Bonhoeffer

Dr. Ferdinand Schlingensiepen

Oberstaufen – „Lange stehen kann ich in meinem Alter nicht mehr, aber wenn ich spreche, dann vergesse ich, dass ich nicht lange stehen kann.“ Mit diesen Worten eröffnete Ferdinand Schlingensiepen seine Kanzelrede in Oberstaufen.

88 Jahre alt ist er inzwischen, aber er lässt es sich nicht nehmen, die weite Reise von Düsseldorf ins Allgäu zu unternehmen, um die Reihe der Kanzelreden fortzusetzen. Und so steht er dann, ein wenig wackelig, auf der Kanzel und es dauert nicht lange, da hat er die Zuhörer in seinen Bann gezogen. Da sein Vater in den Jahren des dritten Reiches ein illegales Predigerseminar wie Dietrich Bonhoeffer leitete, kann er als Zeitzeuge aus dieser Zeit berichten. Und weil Schlingensiepen die Bonhoeffer-Gesellschaft gegründet hat und eine Bonhoeffer-Biographie geschrieben hat, ist es naheliegend, dass das Thema seiner Kanzelrede sich um den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer dreht. „Dietrich Bonhoeffer oder die Reise zur Wirklichkeit“. Und es wird still und verbreitet sich eine Gänsehautatmosphäre, als Schlingensiepen davon erzählt, wie er erlebt hat, dass der Vater zusammen mit Bonhoeffer wegen der kirchlichen Aktivitäten verhaftet und verhört worden ist.

In seiner Kanzelrede fordert er dann die Zuhörer zu mehr Gelassenheit auf. Zwar sei die Stimmung in unserem Land im Moment nicht von ansteckender Fröhlichkeit geprägt, aber „ohne Gelassenheit kann es keine freudige Grundstimmung geben.“ Und dann stellt er einen Brief Bonhoeffers in den Mittelpunkt der Gedanken, den dieser am 21. Juli 1944, einen Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler, an seinen Freund Eberhard Bethge geschrieben hat. Ein Brief, der nicht verzweifelt klingt, sondern die Gelassenheit Bonhoeffers ausstrahlt. In seinen weiteren Gedanken führt Schlingensiepen aus, wie Bonhoeffer trotz seiner Situation im Gefängnis zu dieser Gelassenheit gekommen ist. Schlingensiepen: „Gelassenheit bedeutet immer einen Verzicht. Man lässt etwas, das einem wichtig war, einfach los. Wer das lernt, gewinnt neue Möglichkeiten … und diese nenne ich Diesseitigkeit: nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten zu leben.“ Durch diese Diesseitigekit komme man aber in der Wirklichkeit an und die Wirklichkeit ist der eigentliche Lebensraum für den christlichen Glauben.

Seine beeindruckende Rede beschloss Schlingensiepen mit den wohl bekanntesten Worten Bonhoeffers: Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag – und hinterließ bei den Zuhörern in der vollen Heilig-Geist-Kirche tiefen Eindruck. Für alle ein ganz besonderer Moment in der Reihe der bisherigen Kanzelreden.

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