Keine Insel der Seligen

Diskutierten über die Facetten der sozialen und versteckten Armut im Landkreis Oberallgäu und vor Ort: Manfred Heeb, Gewerkschaft Ver.di (von links), Renate Müller vom Kinderschutzbund Immenstadt; Monika Graf von der Freiwilligenagentur; Stadtrat Udo Himml, Herbert Waibel, Seniorenreferent im Stadtrat; Pfarrer Anton Siegel, 2. Bürgermeister Thomas Wurmbeck; Diskussionsleiter und SPD-Ortsvereinsvorsitzender Siegfried Luer und Miriam Jabbar-Duran, Integrationsstelle im Landkreis Oberallgäu. Foto: Elke-Sabine Barth

Rund 16 Prozent der Bevölkerung in Deutschlang gilt als arm oder als von Armut bedroht. „Soziale Armut – auch im Oberallgäu und in Immenstadt?“ - Das dies so ist, rückte eine Veranstaltung des SPD-Ortsvereins Immenstadt im Kolpinghaus in den Blickpunkt. Zum Abschluss eines Vortrags von SPD-Stadtrat Udo Himml über Armut in der Geschichte und in den Kulturen, wurden aktuelle statistische Zahlen zur Region Oberallgäu auf den Tisch gelegt. Besonders gefährdet sind Hartz-IV-Bezieher, Geringverdiener, Alleinerziehende, Familien mit mehr als drei Kindern und Senioren. Verantwortungsträger vor Ort, die tagtäglich mit in „versteckter Armut“ Lebenden konfrontiert sind, trafen sich zur Podiumsdiskussion.

Die Indikatoren wie „Anteil der Haushalte mit geringem Einkommen“, „Arbeitslosigkeit“ und „Kaufkraft pro Haushalt“ zeigen, dass im Landkreis häufiger Menschen in „sozialer Armut“ leben, als in anderen Teilen des Freistaates. Danach liegt im Landkreis Oberallgäu der Anteil der Haushalte mit geringem Einkommen bei 14,7 % (Bayern 11,2 %), die Arbeitslosigkeit in Sonthofen-Immenstadt bei 7,1 % (Oberallgäu 4,5 und Bayern 5,9 %) und die durchschnittliche Kaufkraft pro Haushalt in Sonthofen-Immenstadt bei 39.040 Euro/Jahr (Oberallgäu 43.139 Euro). Der „Armuts- und Reichtumsbericht" der Bundesregierung legt die zwischen den EU-Mitgliedstaaten vereinbarte Definition einer Armutsrisikoquote zugrunde. Danach gilt als arm, wem weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens zur Verfügung stehen. Nach Angaben der Bundesregierung ist die Armut in Deutschland in den vergangenen Jahren gestiegen. Das Armutsrisiko von Menschen mit Migrationshintergrund ist deutlich höher als das der Gesamtbevölkerung. Eine Unicef-Studie belegt, dass in den letzten Jahren die Anzahl der Kinder in Deutschland, die in Armut leben, stärker gestiegen ist als in anderen Industriestaaten. Auch hier sind Zuwandererfamilien besonders betroffen. Wohl vertraut waren den Verantwortungsträgern, die allesamt einen sehr nahen Bezug zum Thema „Armut“ haben, die Problematik und die Ausprägungen im Alltag. Stadtpfarrer Anton Siegel begegnet die Armut beispielsweise bereits bei den Jüngsten im kirchlichen Kindergarten St. Nikolaus, wenn Beiträge nicht eingezogen werden können, weil den betroffenen Familien das Geld fehlt. Aber Anträge zur finanziellen Unterstützung beim Jugendamt scheitern, weil aus datenrechtlichen Gründen die Anträge nicht vom Kindergarten abgewickelt werden dürfen. „Viele Betroffene sind nicht in der Lage, die nötigen Formulare auszufüllen und die Nachweise beizulegen, um die dringend benötigte Hilfe in Anspruch nehmen zu können“, weiß Siegel. Auch Herbert Waibel, Seniorenreferent des Stadtrates bestätigt: „Für viele ältere Menschen sind behördliche Angelegenheiten, wie auch das Ausfüllen von Formularen ein Ding der Unmöglichkeit, zu denen sie Unterstützung von außen benötigen.“ Wer sensibel hinschaut erkennt sehr bald, dass Kinder aus Haushalten in denen die Finanzlage angespannt ist bei kostenintensiven Sonderveranstaltungen der Schule und des Kindergartens fehlen“, meint Miriam Jabbar-Duran. Ein Teil der arbeitsbedingten Armut sei systembedingt bzw. hausgemacht. „Die fehlende Anerkennung der im Ausland erworbenen schulischen und beruflichen Qualifikation führe sehr oft dazu, dass qualifizierte Fachkräfte im Niedriglohnsektor arbeiten“, berichtet Jabbar-Duran. Als Fallbeispiel nannte Jabbar-Duran eine frühere Ärztin, die nun als Putzfrau im außertariflich geregelten Niedriglohnsektor arbeitet. Erste Anzeichen eines Umdenkens sieht Jabbar-Duran in einzelnen Branchen durch den sich immer mehr abzeichnenden Facharbeitermangel. Manfred Heeb von der Gewerkschaft Ver.di wünscht sich Mindestlöhne auf dem Niveau von Liechtenstein. Besonders kommunale Arbeitgeber seien hier in der Pflicht und dürften nicht aus Tarifverträgen aussteigen. 439 Bedarfsgemeinschaften gibt es, die die Leistungen des Caritas-Ladens nutzen dürften; nur 298 haben dies bisher genutzt und sich einen Berechtigungsschein ausstellen lassen. Die emotionale Hürde, die Scham und die Angst das Ansehen einzubüßen sind oft größer. Der Mittagstisch der Pfarrei, ein Angebot das sich an alle Bürger der Stadt richtet, wird derzeit von etwa 20 Personen angenommen. „Ein großer Anteil von Trennungen und Scheidungen führt dazu, dass das Einkommen geteilt wird und die Lage finanziell eng wird. Mütter mit Kindern haben ganz schlechte Chancen in den Beruf zurückzukehren. Wir sind da mit der Kinderbetreuung in Immenstadt sehr schlecht aufgestellt“, stellt Renate Müller vom Kinderschutzbund Immenstadt fest. Herbert Waibel wünscht sich, dass der Wert des Alters und der Lebensleistung der Menschen geschätzt wird, die Deutschland aufgebaut haben. Sehr Viele, die ein Leben lang als einfache Arbeiter gearbeitet haben, beziehen Renten zwischen 800,- und 900 Euro. Sie leben in einfachen Verhältnissen, sind darüber aber nicht verbittert sondern pflegen sozial engagiert Kontakte. Stadtrat Peter Elgaß nimmt seit Jahren eine zunehmend sich breitmachende „soziale Kälte“ war: „Wir denken noch viel zu stark nur an uns. Die Einladung zu einer Veranstaltung oder Gemeinschaft ist das halbe Mitnehmen. Dies zieht sich durch vom Kindergarten bis zum Pflegefall.“ „Es gilt die Würde des Menschen wieder herzustellen. Denn nicht das Geld ist das Wichtigste, sondern der Mensch“, resümierte Stadtpfarrer Anton Siegel.

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