"Kulturgut Jagd" unter Beschuß

Trophäenschau: Ein Stück jagdlicher Tradition - oder bloße „Knochenschau“, die nichts über den Zustand von Wald und Wild sagt? Foto: Josef Gutsmiedl

Anlässlich der jüngsten Hegeschau wurde die unzureichenden Abschusszahlen beim Rotwild scharf kritisiert. Nicht nur der Oberallgäuer Vize-Landrat, Anton Klotz, forderte „mehr Druck“ von den Jägern. Der Kreisjagdverband Oberallgäu befürchtet, dass möglicherweise auch „ungewöhnliche  Maßnahmen“ ergriffen werden könnten, um das Soll zu erfüllen: Jagd im Wildgatter oder Abschuss an der Fütterung. Bei einem Jägerstammtisch in Sonthofen ging es darum, ob damit ein „Ende der Waidgerechtigkeit“ droht.

„So tief kann die Jagd doch gar nicht sinken, dass ein Gatterabschuss der richtige Weg ist“, brachte Edwin Burtscher aus Oberstaufen seine „Meinung eines alten Jägers“ auf den Punkt. Auch beim Kreisjagdverband Oberallgäu hält man reichlich wenig von den Gedankenspielen, dass eine intensive Bejagung in Wildgattern das probate Mittel sein könnte, um die Abschussvorgaben zu erfüllen. Allerdings sieht das Bayerische Jagdgesetz diese Möglichkeit „in Ausnahmefällen“ sehr wohl vor. Vorsitzender Ekkehard Voigt befürchtet, sollte es tatsächlich soweit kommen, ein „Ende der Waidgerechtigkeit“ und der traditionellen Jagd wie man sie landläufig kenne und ausübe. Voigt und die Vorstandschaft des Kreisjagdverbandes rechnet damit, dass mit dem neuen Gutachten zur Schalenwildplanung, das im kommenden Jahr auf dem Tisch liegen soll, der Abschuss im Wintergatter erneut in Betracht gezogen wird. Immerhin, so Voigt, habe Gutachter Wolf Schröder angedeutet, er habe „ein Modell, das den Abschuss zu 100 Prozent“ ermögliche. Näher beschrieben habe Schröder das aber nicht, meinte Voigt und stellte fest: „Waidgerechtigkeit und Abschuss im Wintergatter passt nicht zu uns!“ Ein Abschlachten statt ordnungsgemäßer Jagd sei in seinen Augen keinesfalls Ausdruck von Waidgerechtigkeit. Die einfache Lösung sei nicht die Lösung, warnte Voigt vor rund 80 Jägern und Interessierten beim Stammtisch in Sonthofen. Alle Jäger und Revierinhaber hat der Kreisjagdverband offenbar nicht hinter sich bei der Diskussion über die neuen Wege der Jagd auf den Hirsch. „Wenn man dem Rotwild Gutes tun will, brauchen wir im Oberallgäu angepasste Wildbestände, damit der Abschuss mit einer normalen Jagdausübung zu erfüllen ist“, betonte Erbgraf Erich zu Waldburg-Zeil, der Vorsitzende der Hochwild-Hegegemeinschaft. Aber: „Alles kann hinterfragt werden.“ Waldburg-Zeil zeigte Verständnis für die Kritik, die auf der jüngsten Hegeschau in Fischen mehrfach geäußert worden war. Wenn der freiwillig und einvernehmlich festgelegte Abschuss nicht erbracht werde, dürfe man sich nicht wundern, wenn andere dies einforderten. „Da sind wir Jäger in der Pflicht.“ Der Abschuss werde schließlich in Zusammenarbeit aller Beteiligten und einvernehmlich festgelegt. Seit Jahren, so Waldburg-Zeil weiter, werde in Gebiet der Hochwild-Hegegemeinschaft Sonthofen der - freiwillig vereinbarte - Abschuss nicht erbracht. Wenn jetzt das heikle Thema Gatterabschuss aufkomme, müsse man auch bedenken, dass es „keine regelmäßige Einrichtung“ sein soll, sondern eine einmalige Maßnahme, die der besonderen Situation Rechnung trage. „Wenn die Abschüsse sonst nicht zu erbringen sind“, so der Erbgraf. „Wir haben hier keine schlechten Jagdzustände; wir sind Herr der Lage und wollen es bleiben!“ Er jedenfalls wolle verhindern, das solche Maßnahmen auf die Jäger zukommen. Wenn alle ihre Hausaufgaben machten, werde es zum Abschuss im Wintergatter nicht kommen, zeigte sich Waldburg-Zeil optimistisch. Das sieht auch der Jagdberater für den südlichen Landkreis so. Georg Jörg hält die Probleme für hausgemacht. Die Jäger sollten nicht über ihresgleichen schimpfen, sondern die Probleme lösen - durch jagdlich richtigen Umgang mit dem Rotwild, forderte Jörg. „Die Waidgerechtigkeit kann man sich an den Hut stecken!“ Die Diskussion über dieses Thema hält auch Erbgraf Waldburg-Zeil für zu kurz geworfen. „Was ist Waidgerechtigkeit? Wer kann mir das erklären?“ Man müsse vielleicht manche Traditionen, die nicht mehr zeitgemäß seien, hinterfragen: „Nicht alles, was wir gemacht haben, ist automatisch gut.“ Den Vorwurf, dass man in Staatswald-Revieren schon jetzt sehr intensiv jage, kommentierte Karl Kleiter, Chef des Forstbetriebes Sonthofen: „Beim Staat geht Wald vor Wild!“ Zudem seien ohne Staatswaldflächen kaum Wintergatter möglich. Kleiter forderte ein „gerechtere Verteilung“ der Rotwildbestände. Vom Jagdverband erwarte er Lösungen. Nach dem „üblen Herbst“ rechnet Kleiter damit, dass bei Wintereinbruch „alles ins Wintergatter drängt“. Dann sei wieder nichts erreicht: die Wildbestände liefen davon. Kommentar Neue Wege zu neuen Chancen Die Jäger sind unter Beschuss: Nicht nur, dass nur die Untere Jagdbehörde am Landratsamt Oberallgäu seit Jahren „Druck macht“ und appelliert, dass die Revierinhaber die Rotwildbestände deutlich absenken. Jetzt sieht der Kreisjagdverband eine neue „Gefahr“ aufziehen: das Schalenwild-Gutachten, an dem Wildbiologe Wolf Schröder im Auftrag des Landratsamtes Oberallgäu arbeitet. Wie Schröder bereits mehrfach durchblicken ließ, werde sich seine Kernaussage nicht wesentlich vom ersten Gutachten unterschieden, das er Ende der 1980er Jahre vorlegte: Angepasste Rotwildbestände gibt es nur mit intensivem jagdlichen Druck, mit Abschuss! Wenn Schröder jetzt von einer Methode spricht, die einen 100-Prozent-Abschuss erlaubt, meint er „seine“ Schocktherapie: einmal radikal in den Bestand eingreifen (auch mit ungewöhnlichen Methoden), um das System in ein anderes, gewünschtes Gleichgewicht zu bringen. Nach der „Katastrophe“ normalisiert sich das Leben - meist auf neuer, anderer Basis, so ein Grundprinzip der Ökologie. Dass sich die Spitze des Kreisjagdverbandes mit dem Rat zum Durchgreifen nicht anfreunden mag, ist verständlich und unverständlich zugleich. Verständlich deshalb, weil es womöglich dazu führt, dass manche Rotwildreviere nicht mehr atttraktiv wären, weil es dort kaum noch Hirsche geben dürfte. Und Jagd ist schon auch ein Geschäft, nicht nur Leidenschaft oder Tradition. Unverständlich erscheint die Ablehnung deshalb, weil eine „radikale Lösung“ die Grundlage der traditionellen Jagd am Ende gar stärken kann. Angepasste Bestände schaden der Waldverjüngung kaum, lassen artgerechteres Leben zu - und schließlich auch mehr Waidgerechtigkeit. Josef Gutsmiedl

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