Spuren der Geschichte in Sonthofen

Ein Obdach für die "armen, presthaften Menschen"

+
Das Leprosenhaus in der Sonthofer Grüntenstraße diente Leprakranken seit Ende des 16. Jahrhunderts als Unterkunft – allerdings mussten sie sich an strenge Regeln halten, damit sie nicht hinausgeworfen wurde. Im Jahre 1739, als die Lepra in der Region eigentlich nicht mehr vorkam, wurde das Haus abgetragen und aufgestockt. In dieser Zeit fanden andere Außgestoßene – vermutlich körperlich oder geistig behinderte Menschen – hier ein Dach über dem Kopf. Heute ist das historische Gebäude in Privatbesitz und dient als „normales“ Wohnhaus.

Sonthofen – Ein aufmerksamer Beobachter findet bei einem Spaziergang durch Sonthofen viele Zeugnisse aus früheren Zeiten. So steht beispielsweise in der Nordstraße ein Gedenkstein, der an den Standort des Galgens des Sonthofer Hochgerichts erinnert – die letzte Hinrichtung fand hier 1795 statt.

Nicht weit davon entfernt, in der Grüntenstraße, steht ein altes Sühnekreuz, und auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich noch heute das Leprosenhaus, in dem seit Ende des 16. Jahrhunderts Leprakranke – „Aussätzige“ – Unterschlupf fanden.

Griechische und ägyptische Quellen lassen darauf schließen, dass die Lepra bereits in der Antike wütete. Im Mittelalter gab es vereinzelt Häuser, meist unter kirchlicher Leitung, die Lepra­kranken ein Zuhause gaben. Die Krankheit galt als äußerst ansteckend, Betroffene waren durch Blasen und Geschwüre sowie abgestorbene Gliedmaßen nicht eben schön anzusehen. Folglich wurden sie aus den Siedlungen verstoßen, sie wurden zu Aussätzigen, die Kleidung aus speziellem Stoff tragen mussten und, wenn sie draußen unterwegs waren, mit Glocken und Ratschen auf sich aufmerksam machen mussten. Die Lepra ist bis heute nicht ausgerottet, jedoch sinkt die Zahl der Neuinfektionen seit Jahren. Auch gilt die Krankheit heute als heilbar. Sie wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Allerdings geschieht dies wohl über einen längeren Zeitraum hinweg, sprich bei kurzen Kontakten mit Kranken kann sich ein gesunder Mensch mit intaktem Immunsystem nicht anstecken. Mangelnde Hygiene, Unterernährung und ein somit geschwächtes Immunsystem führten in früheren Zeiten zu einer seuchenartigen Ausbreitung der Krankheit.

Ein Obdach für die Aussätzigen

Wann die Lepra ins obere Illertal getragen wurde ist nicht bekannt. Die Reichsstädte Kempten, Wangen und Leutkirch hatten bereits Leprosenhäuser, in denen man die „Siechen“ unterbrachte und von der gesunden Bevölkerung absonderte. Im Mittelalter hatte man die Kranken erbarmungslos verstoßen, sie fristeten in dürftigen Hütten auf freiem Feld ihr Dasein, bettelten oder stahlen, um zu überleben. Im Jahre 1584/1585 ließ der „sehr mildtätige Augsburger Bischof Marquard von Berg“ ein erstes Leprosenhaus beim Markt Sonthofen errichten, ein Holzgebäude „nördlich vom Markt bei der Ostrach“, wie Richard Hipper und Aegidius Rudolf Kolb in ihrem Buch „Sonthofen im Wandel der Geschichte“ schreiben. Das Gebäude, durch Weidegründe vom eigentlichen Ort getrennt, hatte jedoch nur Platz für fünf bis sechs Personen und wurde bald zu klein. Deshalb stiftete der Bischof im August 1589 5 000 Gulden zur Errichtung eines größeren Siechenhauses für zehn „dieser armen, presthaften Menschen, so aus Gottes gerechtem Zorn mit Straff der elenden, überlästigen und beschwerlichen Krankheit des Aussatzes befallen“. Da der Bau sich auf Grund fehlender Arbeitskräfte und Materials verzögerte, konnte erst im Frühjahr 1539 unter Bischof Johann Otto von Gemmingen mit dem Bau eines neuen Leprosenhauses für 15 Aussätzige begonnen werden – an einem neuen Standort und dieses Mal aus Stein.

Strafe Gottes für das lasterhafte Leben

Eine Tafel am Haus, gestiftet vom Heimatdienst Sonthofen im Jahre 1969, erläutert in kurzen Worten die Geschichte des Leprosenhauses in Sonthofen.

Zu jener Zeit hielten die Menschen Seuchen wie die Lepra, denen sie machtlos gegenüberstanden, für eine Strafe Gottes für das lasterhafte Leben der Menschheit. Deshalb mussten die Kranken, die in das Leprosenhaus aufgenommen werden wollten, ihre religiösen Kenntnisse aufzeigen und vor Zeugen das Vater unser, das Ave Maria, das Glaubensbekenntnis und die zehn Gebote fehlerfrei aufsagen – bei der mangelhaften Schulbildung in jenen Tagen keine leichte Sache. Versagten die Kranken dabei, wurden sie dennoch für eine Weile im Leprosenhaus geduldet und mussten dann ein zweites Mal die Gebete aufsagen. Konnten sie dies wieder nicht, mussten sie das Haus verlassen. Weiter mussten sich die Leprakranken an vielerlei Verbote halten – so durften sie andere Personen nicht berühren, nicht aus öffentlichen Brunnen trinken, keine Wirtshäuser besuchen und noch viel mehr, was die gesunde Bevölkerung hätte in Gefahr bringen können. Eine nichtaussätzige „Siechenmagd“ versorgte die Aussätzigen mit Nahrungsmitteln. Ein aus ihren Reihen gewählter Siechenmeister sorgte für Ordnung im Haus. Besonderen Wert wurde auf die Einhaltung der religiösen Pflichten gelegt; wer diese vernachlässigte, konnte des Hauses verwiesen werden.

"Presthafte Umstände und ekelerregendes Aussehen" 

Die Leprakranken lebten von der Außenwelt abgeschirmt. Lediglich an Sonn- und Feiertagen durften sie in der Pfarrkirche St. Michael den Gottesdienst besuchen. Hierfür war ein besonderer Leprosenweg angelegt worden. Ein kleines Stück des Weges ist auch heute noch erhalten: zwischen Bahnhof- und Hirschstraße, etwa auf Höhe des Drogeriemarktes Müller. In der Kirche war ein eigens für sie errichteter Leprosenkobel vorhanden: Ein niedriger Raum unter dem Treppenabsatz zum Chor. Der Leprosenkobel bestand noch bis 1945. Als die Pfarrkirche St. Michael nach ihrer teilweisen Zerstörung durch alliierte Bomben wieder aufgebaut wurde, wurde er nicht mehr erneuert. Lediglich eine Gedenktafel in der Kirche erinnert noch an ihn.

Im Laufe des 17. Jahrhunderts verschwand die Lepra aus der Region und mit ihr die Aussätzigen. Das verwaiste Leprosenhaus beheimatete nun andere Ausgestoßene. So wehrte sich der Landschreiber Luger im Jahr 1792 gegen die Sperrung des Leprosenweges, da im Haus nun Menschen lebten, „die wegen ihrer presthaften Umstände oder ekelerregenden Aussehens anderen Leuten zur Abscheu dienen und auf der Ordinari-Landstraß wohl nicht geduldet werden können“. Während der Säkularisation fiel das Haus wie alle anderen kirchlichen Güter an das Kurfürstentum Bayern. 1839 erwarb es die Marktgemeinde Sont­hofen, seit 1916 ist es in Privatbesitz. Eine Tafel erinnert an die bewegte Geschichte des Leprosenhauses.

eva

Auch interessant

Meistgelesen

Babyglück im Allgäu
Babyglück im Allgäu
Viermal um die Welt geradelt
Viermal um die Welt geradelt
Hände weg vom Alpenplan!
Hände weg vom Alpenplan!
Unbekannte beschädigen Sonnenschirm in Sonthofen
Unbekannte beschädigen Sonnenschirm in Sonthofen

Kommentare