Milchpreis weiter auf Talfahrt – Politik soll endlich eingreifen

30 Cent sind zu wenig

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Landwirt Peter Bertsch aus Oberstaufen-Hinterreute ist wie viele seiner Berufskollegen auf jeden Cent beim Milchpreis angewiesen und hofft auf ein Eingreifen der Politik.

Oberstaufen – Der Milchpreis ist auf Talfahrt. Schon vor dem Aus für die Deckelung der Milchproduktion am 1. April gaben die Erzeugerpreise nach. Seit drei Monaten müssen die Milchvieh- halter einem anhaltenden und rapiden Preisverfall zusehen. Für die Milchviehbetriebe gerade im Allgäu wird es allmählich eng: kaum noch eine Molkerei zahlt mehr als 30 Cent pro Kilogramm Milch aus.

Die laufenden Kosten für die Milchviehhalter dagegen steigen; viele Betriebe haben investiert und sind auf jeden Euro der monatlichen Auszahlung angewiesen. Die Zeiten, als der Liter Milch fast 40 Cent brachte, sind vorbei. Bei einer Diskussionsrunde zum „Drama auf dem Milchmarkt“ machten Landwirte aus dem Oberallgäu deutlich, dass es um die Existenz vieler Betriebe geht und forderten ein Eingreifen der Politik.

Der Milchpreis fällt - was tun? Zum Gespräch mit Landwirten hatte der Allgäuer Landtagsabgeordnete Dr. Leopold Herz (Freie Wähler) aus Wertach – und aktiver Landwirt - eingeladen. Die Diskussion mit einigen Bauern aus Oberstaufen zeigte, dass die „Freiheit“ nach dem Ende der Produktionsdeckelung durch die sogenannte Milchquote nicht für alle Milcherzeuger gleichermaßen gilt. „Kein Thema fürs Sommerloch“, brachte der Landtagsabgeordnete die Ausmaße der neuerlichen Milchkrise auf den Punkt. Als klassische Milchviehregion treffe der aktuelle Preisverfall das Allgäu besonders hart. Respekt zollen die Bauern aus dem Raum Oberstaufen ihren französischen Berufskollegen: die würden wenigsten demonstrieren und da und dort Grenzübergänge blockieren, um die Einfuhr billiger Agrarimporte zu stoppen. „Aber ob das was bringt...?“ fragen sich die Oberallgäuer Landwirte.

Peter Bertsch auf dessen Hof in Hinterreute bei Oberstaufen sich die Milchpreisrunde mit Leopold Herz getroffen hatte, ist Landwirt mit Leidenschaft. „Ich bin gerne Bauer. Aber auf Dauer wird es schwierig bei dem niedrigen Milchpreis...“ Mit seinen 20 Milchkühen und dem Jungvieh komme er schon über die Runden. Doch der Milcherlös allein könne bei dem gegenwärtigen Niveau die laufenden Kosten nicht decken. Bertsch ist engagierter Braunviehzüchter und beschickt die Zuchtviehauktion in Kempten. „Da ist schon was verdient.“ Der berufstätige Sohn helfe auf dem Familienbetrieb mit. Ob er aber den Hof auf lange Sicht als Milcherzeuger weiterführe, sei offen.

Die „neue Freiheit“, die seit dem Quotenende Anfang April für den Milchmarkt gelte, so erläutert Leopold Herz entpuppe sich als zweischneidiges Schwert. Betriebe , die jetzt ohne Begrenzung Milch produzieren können, versuchen, die niedrigen Erlöse durch Mengensteigerung auszugleichen. Mit der Folge: es ist mehr Milch auf dem Markt denn je. Und das zu einem Zeitpunkt, wo der Rohmilchexport nach Russland ebenso eingeknickt sei wie der Milchpulverabsatz in China. „Jetzt ist die Politik gefragt!“ sagt Herz. Nur noch sechs Molkereien in Bayern zahlten über 30 Cent pro Kilogramm Milch. Der Richtwert, der „Kieler Rohstoffwert“ als nationale Richtschnur weise in seiner jüngsten Berechnung sogar nur noch 24,5 Cent pro Kilo aus.

„Auf Dauer sind weniger als 30 Cent nicht akzeptabel“, unterstreicht Herz. Milcherzeugung müsse kostendeckend sein; diverse Ausgleichszahlungen seien keine Lösung. Herz verweist auf mehrere Anträge seiner Landtagsfraktion, die allesamt auf ein Gegensteuern bei der Talfahrt des Milchpreises abzielten und Soforthilfen für Milcherzeuger forderten. Noch vor wenigen Wochen habe der Bundeslandwirtschaftsminister gemeint, er „verstehe die ganze Aufregung nicht“. Herz kan da nur den Kopf schütteln.

„Die Marktmacht haben längst die Discounter“, stellen die Landwirte fest, die sich mit Leopold Herz zum Gespräch vor Ort getroffen hatten. „Der Handel macht Druck“, so Michael Lingenhel und beklagt die Schnäppchenmentalität der Verbraucher. Lebensmittel seien nirgendwo so billig wie in Deutschland. Im Zweifelsfall griffen die Verbraucher vor dem Regal fast immer zum Billigprodukt. Der wertvolle Rohstoff Milch habe offenbar keinen Wert für den Verbraucher.

Protestaktionen? Das bringe wohl nicht viel, schätzen die Landwirte den Erfolg ein. Der Handel würde das leicht aussitzen, da nahezu alle Molkereiprodukte bis zu drei Monate haltbar und lagerfähig seien. „Da jucken ein paar Tage mit Milchstreik nicht“, findet Georg Wagner, Ortsobmann des Bauernverbandes in Oberstaufen. Wagner befürchtet eine weitere Runde im Höfesterben. „Der Generationenwechsel in den nächsten Jahren räumt auf.“ Hofnachfolger setzten auf einen stabilen Milchpreis von 40 Cent, sonst würden sie das Handtuch werfen und den Stall dichtmachen. Viele hätten zudem in den vergangenen Jahren investiert in Stallbauten und Maschinen. Da werde der Kapitaldienst schnell zum Problem. Mit der Konkurrenz in Neuseeland könne das Allgäu angesichts hoher Produktionskosten nicht mithalten, stellt die Runde einhellig fest.

Michael Lingenhel sieht auch im weiteren Wachstum für die verbleibenden Landwirte keine Lösung. Selbst „die Großen“ spürten den Druck des niedrigen Erlöses bei der Milcherzeugung. Sein Kollege Georg Wagner fordert eine Deckelung jedweder Agrarförderung bei 200 Milchkühen als Obergrenze.

Auswege aus der Krise erkennt der Landtagsabgeordnete Herz in einer besseren Bündelung der Milcherzeuger. „Sie sind die Schwächsten in der Reihe.“ Die Kartellbehörde müsse entschlossen und mit politischer Rückendeckung gegen Dumpingpreise der Discounter vorgehen. Schließlich gelte es, neue Absatzmärkte zu erschließen.

Josef Gutsmiedl

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