Von Kässpatzen und Dönerbuden

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Wie isst der typische Allgäuer? Dieser und anderen Fragen geht die neue Sonderausstellung im Allgäuer Bergbauernmuseum „Von Kässpatzen und Dönerbuden – Begegnungen mit der Allgäuer Küche” auf den Grund.

Immenstadt – Regionale Küche ist gerade in aller Munde. Auch das Allgäu glaubt an „seine“ Spezialitäten.

„Kluftingers Allgäu-Kochbuch“ setzt Zwiebelrostbraten und Krautkrapfen, Weißlacker und Gschwollene, Pfannkuchen und Zwetschgendatschi auf die Speisekarte – und natürlich die unvermeidlichen Kässpatzen, bei deren Genuss der Altusrieder Kommissar seinen Grant über ungeklärte Mordfälle vergisst. 

In der neuen Sonderausstellung im Allgäuer Bergbauernmuseum in Diepolz „Von Kässpatzen und Dönerbuden – Begegnungen mit der Allgäuer Küche” haben sechs Menschen, die im Allgäu leben, von ganz persönlichem Zungenglück und Gaumenqualen erzählt. Alteingesessene Milchbauern lassen den Interessierten an ihrer Ess-Biographie teilhaben – was sie als Kinder geliebt haben und was sie heute mögen. Heimatvertriebene und Gastarbeiter berichten von den kulinarischen Neuheiten, die mit ihnen ins schwäbische Land vor den Bergen eingewandert sind ebenso wie von ihrer Begegnung mit den unbekannten Essgewohnheiten in der neuen Heimat. Und schließlich kann sich auch das Allgäu den Nivellierungen der Globalisierung nicht entziehen, wenn überall Espresso kredenzt und Garnelen auf Rucola serviert werden. 

Das Allgäuer Bergbauernmuseum möchte in seiner vom Münchner Volkskundler Jürgen Schmid erarbeiteten Ausstellung die Klischees hinterfragen, die wir alle in unseren Köpfen mit uns tragen, wenn von Allgäuer Küche die Rede ist. Wie jede regionale Küche wurde auch die Allgäuer zum Spielball der Interessen von Kommunalpolitikern und Touristikern, Nostalgikern und Heimatpflegern, die einen vermeintlich geschlossenen Kosmos an „einheimischen“ Speisen konstruierten. Dabei zeigt ein Blick in die Lebenswirklichkeit der Menschen die bunte Vielfalt von Ess-Gewohnheiten, die so gar nicht in irgendwelche Klischees passen wollen. Denn die „Allgäuer“ sind eben doch ganz individuelle Menschen, deren Lebenswege im Verbund mit den Prägungen ihrer Herkunft recht unterschiedliche Vorlieben hervorgebracht haben. 

Beim Rundgang trifft man den „eingeborenen“ Landwirtssohn, der lange in der Textilindustrie gearbeitet hat, dem Essen stets vor allem Energiezufuhr war. Daneben steht eine ausgeprägte Koch-Leidenschaft für die Pariser Bäckerstochter, die als junges Aupair-Mädchen ins Allgäu kam – und der Liebe wegen blieb. Dem heimischen Sterne-Koch, der schon in Diensten von Gunter Sachs stand, ist Essen naturgemäß ein Mittel, Prestige und Status zu erwerben. Für den türkischen Integrationsbeauftragten, der dank seiner Kindheit auf einem Sonthofener Bauernhof gepflegtes Allgäuerisch spricht, ist die Nahrungsaufnahme nur im Kreise von Familie oder Freunden ein wirklicher Genuss. Eine heimatvertriebene Böhmerwäldlerin kann sich in ihrer Küche des Öfteren Erinnerungen an die verlorene Heimat gönnen. Für die ehemalige Landesbäuerin schließlich steht Gesunderhaltung mit regionalen Produkten an oberster Stelle, wenn sie ihren Speiseplan erstellt. 

Viele nie gestellte Fragen möchte diese Ausstellung aufwerfen: Warum sitzen – glaubt man der Bildauswahl von Google – die Menschen im Allgäu stets bei Sonnenschein im Freien, um bei einem Weißbier Schweinshaxe mit Knödel zu verzehren? Wer hat die Kässpatzen erfunden? Was unterscheidet den „Allgäuer Wurstsalat“ vom „Schweizer“ oder „Elsässer“? Warum reduzieren sich Regionen so wahnsinnig gerne selbst auf die Klischees, die man von ihnen erwartet? Beantworten kann sich der Besucher der Ausstellung diese Fragen eigentlich nur selbst. Die Ausstellung ist vom 15. Juli bis 3. November zu den Öffnungszeiten des Allgäuer Bergbauernmuseums zu besichtigen, täglich von 10 bis 18 Uhr. Weitere Infos unter www.bergbauernmuseum.de.

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