Neue Wege zum gesunden Bergwald

Die im vergangenen Sommer gestartete Bergwaldoffensive geht im Allgäu „in die Vollen“. Mit einem Maßnahmenpaket soll der Bergwald umgebaut werden, damit er seine Schutzfunktionen weiterhin erfüllen kann. Denn der Bergwald im Allgäu ist in die Jahre gekommen und gerät nach Ansicht der Fachleute mit dem Klimawandel zusätzlich unter Druck. Im Allgäu wurden bereits 40 Projektgebiete abgesteckt, und in acht Gebieten soll bald schon eine „Frischzellenkur“, wie es der Stellvertretende Oberallgäuer Landrat, Anton Klotz, nannte, den Bergwald fit machen für die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Unterstützung erhoffen sich die Forstleute von einem Beirat, der die Ziele der Bergwaldoffensive und die Bedeutung der laufenden Arbeiten vor Ort nach außen tragen soll.

Im Bergwald „brennt“ es: Zwei Drittel des Allgäuer Bergwaldes sind älter als 80 Jahre; viele Bäume der Fichten-Monokultur schon an die 120 Jahre. Solche Bestände seien anfällig für Schädlingsbefall und Stürme, weiß Dr. Ulrich Sauter, Leiter des Bereichs Forsten am Landwirtschaftsamt Kempten. Dramatisch werde die Situation aber mit der aktuellen Klimaerwärmung. Die nämlich bringt die Fichte zusätzlich unter Druck. Sprich: Der Fichte, dem beliebten, weil ertragreichen, schnellwüchsigen „Brotbaum“ im Wald, wird es „zu heiß“. Wenn erst ganze Bestände zusammenbrechen sei es zu spät, zeichnet Forst-Chef Sauter ein düsteres Bild. Der Bergwald könne seine Schutzfunktionen nicht mehr erfüllen. Vermehrte Lawinen- und Murenabgänge wären ebenso die Folge, wie Hochwasser; Siedlungen wären bedroht. Mit der Bergwaldoffensive soll der Umbau des Waldes voran gebracht werden; ein Umbau von weitgehend reinen Fichtenbeständen zu einem Mischwald, der den Bedingungen der Zukunft angepasst ist. Dabei tun sich mehrere Probleme auf, wie Dr. Sauter bei der ersten Sitzung des Beirates in Oberstdorf aufzeigte. Der Wald im Allgäu ist in tausende kleiner Parzellen aufgeteilt, die durchschnittlich gerade mal 1,2 Hektar groß sind. Sinnvolle Maßnahmen sind hier kaum möglich, wenn nicht viele benachbarte Waldbesitzer an einem Strang ziehen – koordiniert und beraten von der Forstverwaltung. Beispiele dafür, wie eine koordinierte Waldsanierung gelingen könne, gebe es bereits. Ein weiterer Faktor, der die Schlagkraft der Offensive mindern könnte, ist die Rolle der Jagd. Klaus Dinser, Leiter des Schutzwald-Managements im Allgäu, hält es für entscheidend, das die Schalenwild-Problematik beachtet wird und „jagdliche Maßnahmen“ die Offensive begleiten. Da und dort seien schon Erfolge bei der Naturverjüngung zu sehen. Und Johann Jordan, Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft Oberallgäu, hält das Wild-Wald-Verhältnis für das A und O der Naturverjüngung. Dass an der Naturverjüngung des Bergwaldes kein Weg vorbei führe, unterstrich auch Dr. Sauter. Wolle man die 14000 Hektar überalterten Fichtenbestand im Allgäu durch Pflanzaktionen ersetzen und schaffe dabei 700 Hektar pro Jahr, seien allein dafür rund zwei Millionen Pflanzen erforderlich, rechnet Sauter vor. „Es ist nicht einmal eine Million geeigneter Pflanzen auf dem Markt“, dämpft er die Hoffnung auf groß angelegte Aufforstung mit geeignetem Pflanzmaterial. Dem Vorwurf, dass die Jagd der Schutzwald-Sanierung im Wege stehe, tritt der Chef der Hochwild-Hegegemeinschaft Oberallgäu, entgegen. „Im Oberallgäu ist die Jagd nicht der Hinderungsgrund für eine Verbesserung der forstlichen Zustände“, betonte Erich Erbgraf von Waldburg-Zeil. Dass man „noch was tun“ müsse, stehe außer Frage; ebensowenig die positive Begleitung der Bergwaldoffensive durch die Jäger. „Lieber auf neuen Wege stolpern, als auf ausgetretenen Pfaden auf der Stelle treten“, brachte Dr. Urich Sauter die Strategie der Bergwaldoffensive im Allgäu auf den Punkt. Neu jedenfalls ist die Schützenhilfe, die sich die Akteure der Bergwaldoffensive ins Boot holen: Eine Werbeagentur soll über Sinn und Zwecke der Maßnahmen berichten, klassische Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Bergwald betreiben. Gar kein leichtes Unterfangen, wie Michael Schott von der Agentur MS & Partner einräumt: „Wir sollen das Unsichtbare sichtbar machen und präsentieren.“ Der Wert der Bergwaldoffensive und die Ergebnisse zeigten sich ja erst in vielen Jahren.

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