Von der Urangst vor dem Wolf

+
Nicola Förg

Anfang März erscheint ein neuer Alpen-Krimi der Allgäuer Autorin Nicola Förg: Wütende Wölfe. Nicola Förg, Bestsellerautorin und Journalistin, hat mittlerweile zwanzig Kriminalromane verfasst, an zahlreichen Anthologien mitgewirkt und 2015 einen Islandroman vorgelegt.

Die gebürtige Oberallgäuerin Nicola Förg, die in München Germanistik und Geografie studiert hat, lebt mit ihrer Familie auf einem Hof in Prem am Lech. Sie erhielt für ihre Bücher mehrere Preise für ihr Engagement rund um Tier- und Umweltschutz.

Ihre Auszeit als Hirtin auf einer Kuhalm hat sich Kommissarin Irmi Mangold definitiv anders vorgestellt. Nach ihrem letzten aufwühlenden Fall wollte sie Ruhe tanken. Doch schon in der ersten Nacht geraten die Tiere in Panik, und am nächsten Morgen finden sich seltsame Pfotenabdrücke. Wenig später wird eine Frau Mitte fünfzig von den Kühen überrannt. Das Gerücht, ein Wolf hätte die Herde erschreckt, macht die Runde. Als wäre das nicht genug, stolpert Irmi über einen Toten, gefangen in einem Schlageisen und mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er den Teufel gesehen…

Krimiautorin Nicola Förg verwebt in diesem zehnten Band ihrer erfolgreichen Reihe um die Kommissarinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl geschickt eine spannende Krimihandlung, charmante und lebensechte Charaktere und die aktuelle Diskussion um die Rückkehr der Wölfe zu einer packenden Lektüre.

Nicola Förg sprach mit dem Kreisbote über die Urangst vor dem Wolf, das Almensterben und Irmi Mangolds zehnten Fall.

Lange Zeit galt der Wolf in Deutschland als ausgerottet, seit einigen Jahren aber leben in verschiedenen Gegenden Deutschlands wieder Wolfsrudel. Auch in Irmi Mangolds und Kathi Reindls neuem Fall häufen sich die Anzeichen dafür, dass im Ammergebirge ein Wolf sein Unwesen treibt. Kommt mit dem Wolf ein Stück Wildnis zurück?

Nicola Förg: Beim Wolf prallen sehr schnell emotional aufgeheizte Positionen aufeinander. Einige romantisieren seine Rückkehr, andere verwenden eine regelrechte Kriegsterminologie, wenn es um seine erneute Vertreibung geht.

Gerade der stark genutzte Alpenraum ist ein problematisches Pflaster für Wölfe, denn hier ist der Schutz von Nutztieren besonders schwierig. Da baut man nicht mal eben Schutzzäune und auch der Einsatz von Hütehunden ist nicht immer sinnvoll, weil diese die Herde nicht nur gegenüber Wölfen sondern zum Beispiel auch gegenüber dem netten Fiffi vom Bergwanderer verteidigen.

Müssen wir nun Angst haben?

Nicola Förg: Der Mensch steht an sich nicht auf dem Speiseplan des Wolfs. In allen den Jahren seiner Rückkehr nach Deutschland gab es keinen einzigen Übergriff auf Menschen.

Dagegen wurden seit dem Jahr 2000 in Deutschland 222 Wölfe tot aufgefunden. Davon starben 155 im Straßenverkehr, 28 wurden illegal getötet, 23 starben eines natürlichen Todes, zwei wurden im Rahmen des Wolfsmanagements legal getötet. Bei jedem vermeintlichen Wolfsriss – Genanalysen zeigen oft, dass gar keine Wölfe im Spiel waren – laden Landwirte und Forstleute schon mal die Waffen durch. Der Wolf müsste sich also umgekehrt vor uns fürchten – dennoch weckt er Urängste in uns.

Woher kommt diese Urangst?

Nicola Förg: Die Brüder Grimm haben dem Wolf mit den Märchen „Rotkäppchen“ oder „Der Wolf und die sieben Geißlein“ keinen Gefallen getan, aber wir müssen uns auch bewusst machen, dass Wölfe früher eine reale Gefahr darstellten.

Heute vermischen sich diese Märchen mit der Tatsache, dass der Mensch extrem weit weg ist von der Natur und von der Biologie des Wolfes. So kommt es zu neuen Mythen, wie dem häufig zitierten „Blutrausch“ von Wölfen, den es so nicht gibt. Die Biologie nennt das „Surplus Killing“, also Mehrfachtötung. Bei vielen Tieren, unter anderem auch bei Hunden, läuft der Jagdprozess in diesen Schritten ab: Jagen, Töten, Fressen. Erst wenn ein Schritt beendet ist, kann der nächste folgen. Das heißt, wenn ein Wolf eine Herde angreift und ein fliehendes Schaf erwischt, tötet er es. Wenn weitere Tiere flüchten, dann bleibt der Jagdreiz bestehen, und er reißt weiter. Was für den Wolf durchaus sinnvoll ist, denn er kann Kadaver auch noch Wochen später verwerten.

Was macht die Garmischer Kommissarin eigentlich auf einer Alm? Und was hat es mit diesem Forschungsprojekt auf sich, das eine aufgelassene Alm wiederbelebt?

Nicola Förg: Irmi braucht nach ihrem letzten Fall etwas Abstand. Außerdem hat ihr Bruder geheiratet, mit dem sie jahrelang gemeinsam auf dem Hof wohnte – kurz: Ihre Welt ist aus den Fugen geraten. Ein Almsommer ist für sie der perfekte Fluchtweg. Umso reizvoller, ja aufregender, ist die Offerte, an einer Projektalm mitzuwirken. Zusammen mit einer zweiten Sennerin und begleitet von einem Doktoranten der ANL, der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege. Was im Buch Fiktion ist, das Wiederbeleben einer Alm, die seit den 1960er Jahren zugewachsen und verkrautet ist, ist in der Region im Sommer 2018 auf einer anderen Alm tatsächlich Wirklichkeit geworden.

Und dabei Irmi trifft auf Kühe, die nicht mehr grasen können?

Nicola Förg: Das gab es schon öfter, dass man Kühe aus einem Laufstall aus dem Unterland quasi als „Gastgraserinnen“ auf die Alm schickt. Hochleistungskühe, die noch nie auf einer Weide standen! Das Team auf Irmis Alm stellt im Dienste der Wissenschaft verschiedene Fragen: Werden sich diese Kühe im wahrsten Sinne des Wortes durchbeißen? Was für einen Einfluss hat das Gras der Almwiesen auf die Milchqualität? Brauchen Kühe Hörner, und gibt es bei der Milch Unterschiede zwischen der Milch von Hornträgerinnen und den hornlosen Kühen?

Brauchen wir überhaupt Almen, die Natur ist naturbelassen doch auch schön?

Nicola Förg: Wenn wir auf jahrhundertealte Kulturlandschaft verzichten wollen, wenn wir mit der Machete zu Berge ziehen möchten, brauchen wir keine! Auf aufgelassenen Almböden wachsen ja keine Blümchen, sondern nur noch „Pletschn“ (Sauerampfer), giftiges Kreuzkraut, Huflattich.

Schnellwüchsiger Ahorn verbreitet sich, die Biodiversität schwindet rasant. Vorbei mit den artenreichen Gräsern, vorbei mit den Orchideen – nur und einzig die Beweidung erbringt solche Vielfalt.

Almwirtschaft ist immer ein Teil von einem Gesamtkonzept. Wenn im Tal nur noch mit Laufställen gewirtschaftet wird und die Almen unnötig werden, dann sterben allmählich die Almen und Alpen.

Und wo genau sind die beiden Kommissarinnen?

Nicola Förg: Auf der Bäckenalm, von der man heute, wenn man den Platz überhaupt findet, nur noch ein paar Balken ausmachen kann. Sie liegt oberhalb von Linderhof am Ende des Sägertals und unter dem Bäckenalmsattel. Jenseits des Sattels ist man im Allgäu. Dort liegt die schöne Kenzenhütte, in der die Wildbiologin Annika wohnt, eine weitere wichtige Figur des Romans.

1960 fand der letzte Auftrieb auf die Bäckenalm statt. Wirtschaftswunder, Mechanisierung in der Landwirtschaft, das allmähliche Aussterben von Knechten und Mägden, die für Kost und Logis arbeiteten, waren Gründe für den Tod der Alm.

Danke für das Gespräch!

„Wütende Wölfe“ ist Irmi Mangolds und Kathi Reindls zehnter Fall. Ein Grund dafür, dass die Alpen-Krimis so vielen Lesern ans Herz gewachsen sind, sind sicherlich auch die lebensechten Hauptfiguren, die sich im Laufe der Jahre immer weiterentwickelt haben. In Irmis Leben scheint sich ja auch einiges zu ändern…

Nicola Förg: Irmi wird 60 und eigentlich ist sie ja nicht der Typ für eine rauschende Fete. Dass dann aber die opulenten Hochzeitsfeierlichkeiten der alkoholschwangeren, bayerisch-ungarischen Hochzeit ihres Bruders genau auf den Geburtstag fallen, tut ihr doch weh. Und Jens, ihr Kamerad, Berater, Lover versagt in Irmis Augen auch. Ein Riss, ein Graben tut sich auf, der für Irmi immer breiter wird. Und dann ist da der Kollege Hase, den Irmi auf einmal mit ganz anderen Augen sieht …

Ist so ein Jubiläum auch eine Zäsur, müssen wir auf Irmi in Zukunft verzichten?

Nicola Förg: Nein, es geht weiter. Ich habe allerdings, für mich zur Abwechslung und als Herausforderung, für 2019 auch ein Weihnachtsbuch verfasst, das in Irland spielt. Ein verstoßenes Pferd, eine junge Tiermedizinstudentin, die Magie des keltischen Erbes und am Ende ein Happyend – das sind einmal ganz andere Zutaten und ist damit für mich eine kleine Zäsur …

„Wütende Wölfe“, Ein Alpen-Krimi; Piper Verlag, München, 2019; 352 Seiten, 16 Euro. „Wütende Wölfe“ erscheint am 1. März 2019.

Auch interessant

Meistgelesen

Absturz am Hindelanger Klettersteig
Absturz am Hindelanger Klettersteig
Verkehrserziehung mal anders
Verkehrserziehung mal anders
Nathalie aus München gewinnt den TrachtenMadl-MINI!
Nathalie aus München gewinnt den TrachtenMadl-MINI!
Babyglück im Allgäu
Babyglück im Allgäu

Kommentare