Neues im Jahr 1

Ordentlich „eingeseift" wurden beim Oberstdorfer Bockbierfest die lokale Prominenz und regionale Politiker. Diesmal las den „sündigen" Oberstdorfern „im Jahr 1 des neuen Herrn Laurentius" nicht Bruder Gallus die Leviten, sondern sein Novize Ludovicus. Doch die bissige Lesung trug unverkennbar die Handschrift des Bruders, der diesen Part des Bockbierfestes in den vergangenen Jahren bravourös bestritten hatte.

Keine glückliche Hand hatte zum Auftakt des Oberstdorfer Bockbierfestes Bürgermeister Laurent Mies: An die zehn mal musste Mies, seit knapp einem Jahr im Amt, ausholen, um das erster Fass anzuzapfen. Ebenfalls eine Premiere gab es dann bei der traditionellen „Lesung", mit der die "sündigen Oberstdorfer" wieder auf den Weg der Tugend geholt werden sollen. Bruder Gallus musste diesmal pausieren. Aus gesundheitlichen Gründen überließ Gallus-Darsteller Franz Bisle den fast anderthalbstündigen Part seinem Novizen Ludovicus. Den jungen Klosterbruder, so die Geschichte, hatte Gallus versehen mit einem Brief nach Oberstdorf geschickt, um seine Kritik anzubringen. Und die lies wieder nichts zu wünschen übrig an Kraft und Treffsicherheit. In Sepp Dornach aus Tiefenbach fand der Novize dann eine ideale Besetzung. Ob das Wasser aus dem neuen Schneiteich an der Kanzelwand, als Heilwasser auf den Markt gebracht, etwa als finanzieller Rettungsschirm für die hoch verschuldete Kommune dienen könnte, meinte Ludovicus. Und die erweiterte Rollerbahn im Langlauf-Zentrum Ried könnte doch als Landepiste für Flugzeuge dienen, die Skiflugschanze gäbe einen idealen Tower ab für den zukünftigen Ried-Airport. Dann brauche man sich um das Prädikat Luftkurort keine Sorge machen. Sein "Fett weg" bekam natürlich Oberstdorfs neuer Bürgermeister Laurent Mies, der noch einiges dazulernen müsse, um eine solche Figur abzugeben wie seine Vorgänger Gayer und Müller. Mies sehe aus wie ein Erstkommunikant, dabei sei er doch nicht einmal katholisch. „Mach Dich nicht kleiner als Du bist", riet der Novize im Auftrag von Bruder Gallus und stellte "de Nuie" kurzerhand auf einen kleinen Hocker. Den Blick auf den neuen Oberstdorfer Gemeinderat gerichtet, fragte Ludovicus, ob es nicht ratsam sei, einen Metzger im Gremium zu haben, wenn der Tierarzt, Dr. Gessler, der sich mit "einem Rudel Rindviecher" auskenne, irgendwann auch nicht mehr helfen könne. Und wenn der Dirigent der Oberstdorfer Musikkapelle, Prof. Maximilian Janetti, jetzt ins benachbarte Fischen auswandere, solle er nur gleich den Müll des neuen Restaurants an der Gemeindegrenze mitnehmen, der im Ort zu finden sei. Und den nächsten Papst machte Ludovicus schon aus: Oberstdorfs Pfarrer Peter Guggenberger. Angesichts solcher Zustände in seiner Heimat, fand Novize Ludovicus schließlich, ziehe er es vor, hinter sicheren Klostermauern zu leben, selbst wenn er nie ins Kloster gehen wollte.

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