Nicola Förg setzt auf Frauen als Ermittlerinnen und kratzt am Bayernbild

Krimis, die die Seele berühren

Ohne Tiere geht es nicht. Auch in den Krimis der Autorin Nicola Förg spielen Tiere, Arten- und Umweltschutz immer eine Rolle.

Allgäu – Die Krimi-Autorin Nicola Förg wurde 2012 vom Bayerischen Tierschutzbund, sowie 2015 und 2016 vom Bayerischen Jagdverband für ihr Engagement ausgezeichnet. Sie setzt sich nicht nur auf ihrer wöchentlichen Tierseite im „Münchner Merkur“ und im Kreisbote für Tiere, Artenschutz und Umwelt ein, sondern widmet sich auch in ihren Romanen Themen des Tier- und Naturschutzes. Ihr jüngster Krimi, „Das stille Gift“ erschien Anfang März im Piper-Verlag.

„Meine Krimis sind immer auch ein wenig ‚aufklärerisch‘. Und das bedeutet eben auch, dass Menschen mit dem einen oder anderen Thema aus Landwirtschaft und Forst in Berührung kommen, das in einen Krimi verwoben wurde. Ich thematisiere unseren immer respektloseren Umgang mit der Natur – Lebensmittel­skandale, Artensterben – ohne den erhobenen Zeigefinger, aber doch als Teil der Krimiunterhaltung. Und gewiss: Ohne Tiere keine Förg-Bücher!“, sagt Nicola Förg.

Ein Teil einer künstlichen Hüfte, das zwei Touristen aus einem Güllefass wie ein Katapult um die Ohren fliegt, ist der Auslöser für die Suche nach einem lange verschwundenen Mann. Irmi Mangold und Kathi Reindl finden heraus, zu wem die Hüfte gehörte.

Die Geschichte des Bauern Kilian Schwaiger ist ein Albtraum. Erst kommt sein behinderter Sohn ums Leben, dann verenden all seine Kühe an einer rätselhaften, schleichenden Krankheit, und schließlich gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm selbst.

Starben seine Rinder, weil ein Abwasserkanal die Wiese kontaminiert hat, die er von der Gemeinde gepachtet hatte? Schwaiger begibt sich auf einen einsamen Rachefeldzug gegen eine übermächtige und skrupellose Agrarmafia…

Nicola Förg, gebürtige Oberallgäuerin, hat in München Germanistik und Geographie studiert und lebt heute mit ihrer Familie sowie mehreren Ponys, Kaninchen und Katzen auf einem Hof in Prem am Lech.

In ihrer Krimiserie schickt die Bestsellerautorin das Kommissarinnen-Duo Irmi Mangold und Kathi Reindl an Tatorte im Voralpenland und in den Bergen, die ihr auch als Journalistin wohl bekannt sind.

Einsatz für Tiere, Artenschutz und Umwelt

Nicola Förg setzt sich nicht nur auf ihrer wöchentlichen Tierseite im „Münchner Merkur“ und im Kreisbote für Tiere, Artenschutz und Umwelt ein, sondern widmet sich auch in ihren Romanen Themen des Tier- und Naturschutzes: Geht es in ihrem Krimi „Mordsviecher“ um Animal Hoarding, das krankhafte Tiersammeln und um das Leiden der Gänse, die lebend gerupft werden für daunengefüllte Jacken und Kissen, so attackiert sie in „Platzhirsch“ jene, die am liebsten tierfreie Wälder hätten.

„Das stille Gift“, handelt von der Bedrohung des Viehs durch das hochgiftige Fäulnisbakterium Clostridium Botulinum, das in Verdacht steht, sich durch Gärungsprozesse in Biogasanlagen zu vermehren. Gelangen die vergifteten Gärreste als Dünger auf die durch Monokulturen und Unkrautvernichtungsmittel ausgelaugten Böden, könnten sie für Rinder zur tödlichen Gefahr werden. Wie bei jedem ihrer Bücher hat Nicola Förg umfassend recherchiert und renommierte Experten und Fachliteratur zu Themen wie dem chronischen Botulismus oder den Einsatz des Herbizids Glyphosat konsultiert.

Nicola Förg im Interview

Wie kommen Sie auf Ihre Themen rund um Tier- und Umweltschutz? Schöpfen Sie da aus eigenen Erfahrungen?

Nicola Förg:  Wir leben auf einem Ponyhof und haben auch Hausgäste in unserem Ferienhaus sowie Kinder, die zu Pferdespaziergängen kommen. Mit jedem Jahr erschüttert es mich mehr, wie weit weg diese Familien von der Landwirtschaft und der Lebensmittelerzeugung sind. Rein in den Supermarkt, raus mit eingeschweißter Putenwurst zum Dumpingpreis, der eigentlich jedem sagen müsste: Hier kann kein Tierwohl zugrunde liegen und das kann auch für die Erzeuger nicht gesund sein.

Unsere Nachbarn sind Milchbauern, die versuchen zu wirtschaften. Die meisten in einer Höher-Weiter-Mehr Mentalität. Werde groß oder sterbe… Wenige versuchen es mit einer Nische, auch hier sieht man diese Irrfahrten durch die Empfehlungen von Bauernverband und Agrarzeitschriften. Man spürt die Verunsicherung: Wem kann ich noch glauben? Werden Grenzwerte nur beliebig festgesetzt und scheinbar wissenschaftlich versierte Studien gekauft?

Wie sah beim „stillen Gift“ die Zusammenarbeit mit den Experten aus?

Nicola Förg: Das war in dem Fall sehr aufwändig, denn das Thema rund um eine Vergiftung durch „chronischen Botulismus“, rund um den irrwitzigen Anbau von Energiepflanzen in Monokulturen, um die Biogasanalgen zu füttern, ein Thema mitten hinein in die Glyphosat Diskussion, bedurfte sehr vieler Gespräche mit betroffenen Bauern und Kennern der Szene. Dazu hatte ich mit Frau Prof. Monika Krüger die ausgewiesene Expertin an der Hand, eher eine Frau, die als Enfant Terrible gilt, weil sie den angesprochenen gekauften Studien immer wasserdichte, ganz andere Ergebnisse entgegen hält. Frau Krüger hat netterweise das gesamte Manuskript gelesen und mit Anmerkungen versehen.

Dürfen Regionalkrimis auch ernsthafte Themen ansprechen oder erwartet man von dem Genre leichte Unterhaltung?

Nicola Förg: Unterhaltung und Nachdenklichkeit schließen sich ja nicht aus. Mir ist das zu schwarz-weiß. Unterhaltsame Feierabendlektüre versus großes kluges Weltwissens-Buch? Man kann mit einer Geschichte unterhalten und dennoch hoffen/glauben/wünschen, dass man Leser nachdenklich stimmt und dass etwas nachhallt. Ich mag eher Dialoge zum Schmunzeln und versuche, Menschen mit einem Augenzwinkern zu charakterisieren. Ich mag Bücher, die wie das Leben sind: mal launig dahinplätschern wie ein Sommerabend, mal gewalttätig sind wie eine Gewitterfront.

„Regional“ ist falsch besetzt: Die Landschaft, das Wetter, die Historie, die Mentalität prägen die Menschen und sind wichtige Zutaten zur Authentizität einer Geschichte, aber „regional“ heißt doch nicht per se „albern“.

Das schöne Bayernbild Ihrer Alpenkrimis hat Brüche…

Nicola Förg: Was ist Bayern? Bayern reicht von Unterfranken, über Schwaben bis ins Allgäu und bis ins Berchtesgadener Land. Schon das hat so viele unterschiedliche Facetten und Farbschattierungen! Das Gebirge ist eine Gegend, wo die Familien zum Teil schon seit Generationen leben, wo es eng ist und wo Licht und Schatten sehr dicht beieinander liegen. Da kommt natürlich ein ganz eigener Menschenschlag heraus. Der Vorteil ist mit Sicherheit ein gewisses Aufgehobensein und die Hilfsbereitschaft. Es gibt klare Strukturen, die auffangen. Auf der anderen Seite aber herrscht noch viel Enge in den Köpfen und eine Zweiklassengesellschaft der Ureinwohner und den Zuagroasten...

Ziehen Sie jetzt nicht lieber in die Großstadt?

Nicola Förg: Sicher nicht. Niemals! Ich bin, in geringerem Umfang als früher, ja immer noch Reisejournalistin. Ich war ziemlich viel unterwegs auf der Welt und es gibt definitiv keinen schöneren Platz auf der Welt, als das westliche Oberbayern und das Ostallgäu. Würde man eine Landschaft auf dem Reißbrett planen, würde man genau das erschaffen: Seen, grüne Hügel und dahinter hohe Felsenberge. Ich könnte Ihnen großartige leere Landschaften in Kanada, Norwegen oder Island nennen, aber da fehlt bei aller Magie eine Zutat: Da gibt es keine Biergärten, keine Berghütten, nicht den Genuss, den wir hier so selbstverständlich finden. Ich kann hinterm Haus losreiten, losradeln, loslaufen, langlaufen. Ich sehe Sterne und die Milchstraße – keine Lichtverschmutzung. Ich habe Platz, ohne dem Nachbarn quasi auf dem Grill zu sitzen. Es fließt ein Bach, der noch mäandrieren darf, Pfützen bleiben stehen, aus denen Katzen und Vögel trinken. Meine Welt ist noch unverbaut. Mein Ostallgäu ist ein Gesamtpaket, zum Heulen schön!

Warum setzen Sie auf zwei Frauen als Ermittlerinnen?

Nicola Förg: Als Frau ist es einfacher und authentischer sich in die Gefühlswelt von Frauen einzuleben. Ich finde es charmanter, starke Frauentypen zu kreieren, sie auch in ihrem Privatleben zu zeigen. Ich mag beide Figuren, weil sie total unterschiedliche Lebensentwürfe darstellen, zwei Generationen und zwei Pole. Irmi ist nun Mitte Fünfzig, über die Lebensmitte hinaus, sie weiß, dass man nicht unverwundbar und das Leben endlich ist. Das macht sie behutsamer, sie ist eine bodenständige Frau, die sehr gut zuhören und sehr genau hinsehen kann. Kathi hingegen ist Dreißig, sie ist eine Urgewalt, bildhübsch, oft zu schnell in Wort und Tat und doch gutmütig, klar und ehrlich. Und nun kommt ihre Tochter in die Pubertät, hat einen ersten Freund – und die coole Kathi steht vor völlig neuen Problemen.

Als viel gelesene Autorin steht man ja immer mal wieder im Rampenlicht. Welches Erlebnis mit einem Leser oder einer Leserin war das prägendste bislang für Sie?

Nicola Förg:  Ich genieße (fast) alle Lesungen, weil das Gespräch mit den Lesern immer sehr fruchtbar ist. Mit am eindrucksvollsten fand ich eine Szene in Augsburg in einer großen Buchhandlung: Ein Mann um die Dreißig, groß, stattlich, tätowiert sagte zu mir ganz betreten: „Frau Förg, wissen Sie eigentlich, dass ich so weinen musste, wegen Ihnen?“ Ich war etwas irritiert, bis er sagte: „Die Szene, als der Hund der Kommissarin stirbt, war so berührend. Mein Hund ist auch erst kürzlich gestorben.“ Dieser große Kerl hatte dabei Tränen in den Augen. So etwas berührt auch mich und bestätigt mich. Wenn Bücher, die Seele berühren, hat der Schreiberling etwas richtig gemacht!

Ist eine Verfilmung Ihrer Krimis im Gespräch?

Nicola Förg: Ja, in der Tat. Es gibt konkrete Pläne für „Scheunenfest“, es gibt einen Pitch, einen Drehbuchautoren, eine wunderbare Produzentin und Michaela May würde Irmi spielen. Für mich eine Traumbesetzung.

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