Wanderausstellung und Bühnenstück

NS-Verbrechen im Allgäu recherchiert — Leo Hiemer im Interview

Leo Hiemer
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Leo Hiemers Spielfilm „Leni...muss fort” wurde mehrfach international preisgekrönt.
  • VonLena Fuhrmann
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Allgäu – Filmemacher und Autor Leo Hiemer über die Recherche zu »Geliebte Gabi. Ein Mädchen aus dem Allgäu – ermordet in Auschwitz« und sein neues Theaterstück.

Die Wanderausstellung „Geliebte Gabi. Ein Mädchen aus dem Allgäu – ermordet in Auschwitz“ tourt momentan durch das Allgäu und ist ab Sonntag, 24. Oktober in Oberstaufen zu sehen. Die Ausstellung beruht auf den Recherchen des freischaffenden Regisseurs und Autors Leo Hiemer. Der 1954 in Maierhöfen geborene studierte Historiker – bekannt für seinen Kultfilm „Daheim sterben die Leut” (1985) – setzt sich in vielen seiner Projekte kritisch mit seiner Allgäuer Heimat auseinander. Im Jahr 1994 erschien sein preisgekrönter Film „Leni...muss fort”, der auf Gabis Geschichte beruht.

2009 nahm er die Recherchen wieder auf. Daraus resultierte sein Buch „Gabi (1937-1943). Geboren im Allgäu. Ermordet in Auschwitz“, die Wanderausstellung und das Theaterstück „Die Jüdin und der Kardinal”, das am Dienstag, 26. Oktober am Theater in Kempten Premiere feiert. Im Interview erzählt Leo Hiemer wie er mithilfe seiner Mutter die Recherchen zu Gabi aufnahm, auf welche Widerstände er stieß und wie das „Erinnerungscafé” mit Zeitzeugen noch weitere NS-Verbrechen im Allgäu ans Licht brachte.

Wie haben Sie von Gabi und ihrer tragischen Geschichte erfahren?
Hiemer: „Ich habe die Geschichte 1987 aus der Zeitung erfahren. Damals war ein Streit über eine Gedenktafel  entfacht, die der ‚Erinnerungskreis Gabriele’ an der Kirche in Stiefenhofen anbringen lassen wollte. In dem Artikel ging es darum, dass ein Mädchen namens Gabriele Schwarz, das 1937 im Allgäu geboren und auf einem Bauernhof in Stiefenhofen aufgewachsen ist, mit fünf Jahren nach Auschwitz gebracht und ermordet worden ist. Da habe ich gestutzt, ich konnte mir nicht vorstellen, wie das möglich war. Und: meine Großeltern kommen aus Stiefenhofen, meine Mutter ist dort aufgewachsen, da habe ich mich natürlich gefragt, ob sie das Mädchen gekannt hat, sie ist Jahrgang 1933. Die Antwort war Ja. Da hat es mir schon den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie habe Gabi immer beneidet, weil sie so schön angezogen war und wegen ihrer schönen Locken. Aber auf die Frage, warum sie nie etwas erzählt hat, sagte meine Mutter: ‚Davon wollen die Leute nichts mehr hören’“.
Und so begann die Recherche für Ihren Spielfilm „Leni muss fort“?
Hiemer: „Nicht ganz. Am Anfang stand ein einstündiges Radiofeature. Dafür bin ich mit meiner Mutter nach Stiefenhofen gefahren. Ich wollte mit Zeitzeugen sprechen, den Nachbarn, den Töchtern der Zieheltern von Gabi und so weiter. Doch niemand wollte etwas erzählen. Meine Mutter hat da geholfen Vertrauen aufzubauen mit Small-Talk über Früher. Und irgendwann wurden sogar Fotos vom Dachboden geholt. Der Spielfilm „Leni...muss fort“ – Leni, nicht Gabi, weil es eben kein Dokumentarfilm ist – konnte natürlich nicht die ganze Komplexität der realen Vorkommnisse wiedergeben. Die Handlungsstränge sind vereinfacht.”
Zwischen dem Spielfilm von 1994 und ihrem Buch „Gabi (1937–1943). Geboren im Allgäu – Ermordet in Auschwitz“, das 2019 erschien, liegen 25 Jahre. Was war in der Zwischenzeit passiert, wieso haben Sie Gabis Geschichte wieder aufgegriffen?
Hiemer: „Nach dem Spielfilm war für mich der Fall erst einmal erledigt. 2008 kam dann ein Lehrer von der Realschule Kempten auf mich zu, mit einem unglaublichem Archivfund. Darin ging es um das Vermögen von Gabi, Wertpapiere im Wert von 3000 Reichsmark, welches nach ihrer Ermordung, wie das üblich war, der Reichshauptkasse zugeführt wurden. Die Juden wurden ja nicht nur ermordet, sondern auch beraubt, die Vermögen beschlagnahmt. Und diese ganzen Akten gibt es noch. ‚Jetzt möcht ich auch alles wissen‘, dachte ich.
Worauf beruhen die sehr detaillierten und doch stimmungsvollen Darstellungen im Buch, ist das alles faktenbasiert?
Hiemer: „Ja. Es ist viel Arbeit gewesen, mit Unterbrechungen habe ich zehn Jahre lang daran gearbeitet. Vier Jahre reine Recherche und dann noch zwei Jahre für das Schreiben des Buches. Es gibt Zeugen, die im gleichen Zug nach Auschwitz waren wie Gabi, es gibt zahlreiche Dokumente, ich habe mich wirklich sehr bemüht und hatte den Ehrgeiz, alles zu belegen.”
Nach dem Radiobeitrag, dem Spielfilm, dem Buch und der Ausstellung haben Sie nun noch ein Theaterstück geschrieben: „Die Jüdin und der Kardinal“. Wieso haben Sie sich für diese Form der Aufbereitung entschieden?
Hiemer: „Anlass für das Stück waren die Tagebücher des Kardinals Faulhaber, die erst seit kurzem zugänglich sind. Dazu muss man wissen: Er war eine sehr prominente und einflussreiche Persönlichkeit. Gabis Mutter Lotte kam aus einer wohlhabenden Augsburger Familie. Sie heiratete 1933 Wilhelm Eckert. Dieser kannte Faulhaber noch aus dem Ersten Weltkrieg und pflegte gute Verbindungen zu ihm. Das Paar konnte zum Beispiel mit Faulhabers Empfehlung katholisch heiraten. Wilhelm Eckert starb aber nach nur einem Jahr Ehe. Lotte lässt sich mit Empfehlungsschreiben Faulhabers 1937 taufen, dann versucht sie mit seiner Hilfe mit ihrer Tochter in die USA zu fliehen. Ich habe in seinen Tagebüchern 14 Begegnungen mit Lotte gefunden. Und ich fragte mich: Was mach ich mit der Geschichte? Immer ging mir die Zeile ‚die Jüdin und der Kardinal’ durch den Kopf und eines Tages war klar: Es ist ein Stück, es muss auf die Bühne!”
„Die Jüdin und der Kardinal“ beleuchtet also noch einmal eine andere Facette des Schicksals von Gabi und ihrer Mutter und richtet das Augenmerk auf die katholische Kirche?
Hiemer: „Diese 14 Begegnungen zwischen dem Kardinal Faulhaber und Lotte erinnern fast an die 14 Stationen des Kreuzwegs. Im Raum stand auch die Frage: ‚Was hat die Taufe für die Kirche bedeutet’. Hier war die Linie regimetreu. Nur die ‚guten Deutschen’ wurden getauft, also keine Linken, Anarchisten und so weiter. Gabis Mutter hatte zwar Empfehlungen des Kardinals für die kirchlichen Einrichtungen in den USA, stieß aber als Unverheiratete mit unehelichem Kind und als Jüdin auf Ressentiments. Es gab ganz klar eine katholische Selektion. Daran scheiterte die Flucht.” 
Sie haben viel mit Zeitzeugen gesprochen. Wie schätzen Sie die Aufarbeitungslage der NS-Vergangenheit im Allgäu ein – auch von öffentlicher Seite in den Städten und Kommunen?
Hiemer: „Bei Zeitzeugen trifft man oft erst auf Abwehr. Das ist verständlich. Die Fragen nach den Geschehnissen von damals reißen alte Wunden auf, holen Traumata wieder hervor, da mutet man den Leuten schon etwas zu. Oft sind es auch Angehörige, die Widerstand leisten. Aber das ändert sich mit der Zeit. Ich würde sagen, es ist mittlerweile allgemein akzeptiert, dass man sich mit der NS-Zeit beschäftigt. Wir haben im Allgäu aber eine nicht zu unterschätzende Nazi-Szene. In den Dörfern gibt es oft die Schutzbehauptung ‚bei uns war nichts’”. 
Was sind Ihre nächsten Projekte, werden Sie sich weiter mit diesem Thema beschäftigen?
Hiemer: „Wir sind bei den Recherchen noch auf andere Geschichten gestoßen, es gab ja auch an den Orten der Ausstellung das Erinnerungscafé. Beispielsweise kam ein Fall von Denunziation in Unterthingau zutage. Eine Wirtin wurde verhaftet und ermordet, das Ganze von den NS-Behörden als Selbstmord vertuscht. Aber, ein Projekt muss auch finanziert sein. Ohne Geld geht es nicht.”
Vielen Dank für das Gespräch!


Weitere Informationen zum Thema gibt es auch unter www.geliebtegabi.de

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