Vorfahrt für das Angebot

Oberallgäu: 5-Euro-Ticket für den ÖPNV wieder vertagt

ÖPNV
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Ein wichtiges Etappenziel soll die Tarifharmonisierung sein, um für den ÖPNV in der Region eine zukunftstaugliche Basis zu schaffen.
  • VonJosef Gutsmiedl
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Oberallgäu – Der Antrag auf ein 5-Euro-Tagesticket der CSU- und Grünenfraktion wurde zurückgezogen. Die Landrätin will die Tarifharmonisierung abwarten.

Voran kommen soll der Landkreis Oberallgäu beim Öffentlichen Personennahverkehr ÖPNV. Mit anderen Worten: Deutlich mehr Menschen sollen auf Busse und Bahn umsteigen. Darin sind sich alle Mitglieder des Oberallgäuer Kreistages einig. Das vor gut zwei Jahren ins Spiel gebrachte 100 Euro Ticket ist vorerst unerreichbar und wirtschaftlich nicht darstellbar. Im Sommer wurde beschlossen, nun, im Dezember über das 5-Euro-Tages-Ticket abzustimmen (Wir berichteten).

In seiner jüngsten Sitzung befasste sich der Kreistag mit einem Antrag der CSU- und der Grünen-Fraktionen, die schnellstmöglich ein Tagesticket für fünf Euro forderten. Landrätin Indra Baier-Müller (Freie Wähler) bremste einen Beschluss aus, indem sie auf die laufende Arbeiten zur Tarifharmonisierung verwies und um Geduld bat. Im dritten Quartal 2022 soll diese wichtige Basis stehen; dann könne man an konkrete Strukturen und Tarifangebote denken.

Tarifgebiete unterschiedlich

Seit drei Jahren ist die Verwaltung zusammen mit den Akteuren im ÖPNV dabei, die bislang vielfältige Tariflandschaft im zukünftigen Tarifgebiet – Oberallgäu mit Kempten, Ostallgäu und Kaufbeuren – zu vereinheitlichen.

Im Norden wird ein Zonentarif zugrunde gelegt, im südlichen Oberallgäu ein Streckentarif. Insgesamt gelte es, die Tarifgebiete in der Region zusammenzuführen und unterschiedliche Finanzierungsmodelle abzustimmen, beschreibt Sando Drechsel vom Landratsamt Oberallgäu das Szenario. „Wir wollen eine einheitliche Preisstruktur schaffen.” Bisher sind für viele Fahrten im Landkreis mehrere Tickets notwendig.

58 unterschiedliche Tarifsorten

Helmut Berchtold, Chef eines regionalen Busunternehmens, zerstreute Bedenken, dass Fortschritte beim Projekt kaum zu sehen seien: „Wir sind deutlich weiter als es den Anschein hat.” Zurzeit arbeiteten die bestehende Tarifverbünde mit 58 unterschiedlichen Tarifsorten und weiteren Ermäßigungen. Zukünftig soll es nur neun Sorten geben. „Das erlaubt einen schnellen Start”, ist Berchtold optimistisch. Dann sei es etwa auch möglich, unkompliziert Sonderfahrten und befristete Linien anzubieten. „Wenn die Basis steht, tut man sich leichter!”

Auch die Landrätin sieht das Projekt auf dem richtigen Weg. Andererseits sei es wenig sinnvoll, jetzt als Schnellschuss ein 5-Euro-Tagesticket einzuführen, das „extrem viel Geld kostet” und außerhalb des aktuellen strategischen Prozesses stehe. Gerne nehme man den Antrag der CSU und der Grünen auf, man dürfe aber nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun. Sinnvoller sei es, das Tarifangebot zu entwickeln, das „so attraktiv ist, dass man mehr Menschen auf Bus und Bahn bringt”. Einen attraktiven ÖPNV gebe es nicht von heute auf morgen.

5-Euro-Ticket müsste subventioniert werden

Kreisrat Roman Haug (Freie Wähler) bewertete den Antrag ebenfalls als wenig zielführend. „Runtersubventionieren” einer Tageskarte führe letztlich nicht weiter: „So einfach ist es nicht. Nehmen Sie das zur Kenntnis.”

Unterm Strich würde das – massiv subventionierte – Tagesticket den Landkreis rund eine halbe Million Euro pro Jahr kosten, rief Rafael Pfister, ÖPNV-Experte am Landratsamt, in Erinnerung. „Es ist unmöglich, dieses Ticket jetzt zu haben.” Zudem sei die Bahn auf absehbare Zeit nicht im Boot. Abwanderungseffekte aus anderen Tarifen würden die finanzielle Lage nur verschlimmern, warnte er.

Rezept für erfolgreichen ÖPNV

Mehreinnahmen durch den Verkauf gebe es nicht. Im Gegenteil: Für eine Tageskarte zu 15 Euro zahle der Nutzer ein Drittel, zehn Euro aber der Landkreis. Je nach Nutzung der jetzigen „Urlauber-Tageskarte” und daraus folgenden logischer Wanderbewegungen kommt die Berechnung der Kreisverwaltung sogar auf Mehrkosten für den Landkreis in Höhe von mindestens einer Million Euro jährlich.

Busunternehmer Helmut Berchtold erklärte das „Rezept” eines erfolgreichen ÖPNV. So nutze ein preislich noch so gutes Angebot nichts, wenn das Angebot selbst, also die Gegenleistung, nicht stimme und folglich nicht angenommen werde. Eine Linie könne noch so günstig sein, wenn das Angebot nicht passe, funktioniere es nicht. Berchtold führte das Jobticket im nördlichen Landkreis an. Für 8 Euro sei es kaum zu verkaufen gewesen, weil es keine passgenaue Linie und Vertaktung gab. Dann habe man die Taktung deutlich verbessert. „Heute haben wir 750 Jobtickets, weil das Angebot stimmt.”

Angebot muss stimmen

Berchtold appellierte an die Kreisräte: „Nehmen Sie das viele Geld und bauen Sie das Angebot aus. Arbeiten Sie am Angebot!” Man dürfe keinesfalls „irgendetwas anbieten” und hoffen, dass es funktioniere.

Der gemeinsame Antrag von CSU und Grünen wurde schließlich zurückgezogen. Fraktionssprecher Joachim Konrad hatte zuvor betont: „Alle hier wollen eine deutlich spürbare Verbesserung der Rahmenbedingungen.” Ein Tagesticket im kommenden Jahr müsse so günstig wie möglich sein. Und unverzichtbar sei eine Einbeziehung der Bahn.

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