Hofladen in einer Box

Oberallgäu: Landwirte setzen vermehrt auf Direktvermarktung durch Automaten

Thomas Kögel
+
Thomas Kögel hat drei Automaten auf seinem Hof: Rohmilch, Wurst- und Käsewaren, Eis. Das Holzhäuschen ließ er vom Schreiner extra anfertigen.
  • VonLena Fuhrmann
    schließen

Oberallgäu – Die Limonade am Bahngleis, die Zigaretten an der Straßenecke, das Ticket am Parkplatz – das Aufstellen von Automaten hat viele Vorteile. Das sehen auch viele Landwirte so.

Es ist kein Verkaufspersonal notwendig und für den Kunden sind die Waren rund um die Uhr verfügbar. Das Konzept hat in den letzten Jahren auch immer mehr Landwirte überzeugt, die statt oder zum Hofladen ihre Produkte über Automaten anbieten und selbst vermarkten wollen.

Die Familie Kögel in Thanners bei Immenstadt war eine der ersten in der Region, die für die Vermarktung am Hof einen Automaten anschaffte. Das war 2012. Thomas Kögel hatte gerade seit einem Jahr den Familienbetrieb übernommen, als sein Bruder die Idee mit den Automaten hatte. Dem Konzept war er in Österreich begegnet. Nach Recherche im Internet und dem Ausfüllen eines Kontaktformulars stand bald die „Milchtankstelle“ auf dem Hof.

Milchtankstelle: Rohmilch vom Erzeuger

Mit dem ersten Automaten kam auch eine Charge Flyer für die Bekanntmachung der neuen Einkaufsmöglichkeit. „In der Zeit habe ich mit Facebook begonnen“, erinnert sich Thomas Kögel, „nach circa zwei Monaten ist es ziemlich gut angelaufen.“ Zuvor hatte die Familie auf Bestellung bereits Fleisch direkt verkauft. In den ersten Jahren entwickelte sich das Geschäft mit dem Automaten dann auch positiv, die Rohmilch direkt vom Erzeuger kam super an. Ein Automat mit Fleisch, Wurst und Käse ergänzte das Sortiment. Seit drei Jahren wird zudem Eis angeboten. „Der Automat mit Wurst und Käse und Grillzeug wird gut angenommen“, berichtet Kögel, „die Hemmschwelle ist niedrig, weil die Leute das Prinzip Automat ja kennen.“

Vertreiber der Frischwarenboxen werben gerne mit der unkomplizierten Handhabung und Effizienz und locken mit attraktiven Umsatzprognosen. Doch ganz so einfach ist es nicht. „Es ist sicherlich kein System zum Reichwerden“, gibt Kögel zu bedenken. Aber darum geht es dem 38-Jährigen auch gar nicht. Der Eisautomat und die Wurst- und Käsebox sind pflegeleicht, die Milchtankstelle rechnet sich momentan allerdings nicht mehr. Denn der tägliche Aufwand – der Automat muss gereinigt und befüllt werden – ist unabhängig davon, wie viel an dem Tag abgefüllt und bezahlt wurde.

Supermarktketten holen auf

Kögel erklärt sich den Rückgang bei der Milchtankstelle so: Zum einen habe seit dem Start 2012 das Angebot an regionaler Milch in den Nahversorgerketten zugenommen, zum anderen wären viele auf den Umgang mit unbehandelten Produkten wie der Rohmilch nicht sensibilisiert. „Am besten ist eine im Geschirrspüler gereinigte Glasflasche“, erklärt der Landwirt, „wichtig ist, dass sie vollkommen getrocknet ist.“ Unsaubere oder noch feuchte Gefäße sowie mangelnde Kühlung führten oft dazu, dass die Milch am nächsten Tag schon schlecht ist. Die Kunden aber führten das auf das Produkt selbst zurück. Dennoch freut sich die Familie Kögel über ihre treue Stammkundenschaft.

Ob sich die Investition in die Automaten finanziell gelohnt hat, weiß Thomas Kögel nicht zu sagen. Mit der Kundschaft hat er jedenfalls bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht: „Es hat noch nie Vandalismus oder gar einen Einbruch gegeben.“ Partyheimgänger, die sich nach dem Feiern noch einen Happen zu essen gönnten, würden zwar manchmal die aufgerissenen Plastikverpackungen liegen lassen, aber das findet Thomas Kögel gar nicht schlimm. „Und am Eisautomaten, den ich über eine App kontrollieren kann, wird immer wieder um Viertel nach fünf ein Eis gekauft,“ schmunzelt Kögel. Der Automat ist eben 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche verfügbar. Dennoch konzentriert sich das Kerngeschäft auf Uhrzeiten zwischen sechs und 22 Uhr. Sonntagabend gegen 18 Uhr kann es auch mal zur „Stausituation“ am Hof kommen.

Urlaubsgäste lieben Automaten

Das kontaktlose Beziehen der Waren vom Automaten habe durch die Corona-Pandemie einen Boost erlebt, auch der vorher stark zurückgegangene Absatz von Rohmilch sei dadurch doch noch einmal hoch gegangen. Das Geschäft sei jedoch „wetter- und ferienabhängig“ berichtet der Landwirt, weil besonders Urlaubsgäste „sowas suchen“. Diese würden dann auch in der Heimat gerne die bei Kögel kennengelernten Produkte beziehen. „Ich will aber nicht versenden“, sagt der. Er möchte lieber als Versorger der unmittelbaren Region agieren.

Seit die Familie Kögel vor neun Jahren den ersten Automaten angeschafft hat, hat sich viel getan. Nicht nur sind in der Region viele weitere Höfe auf das Geschäft aufmerksam geworden, auch die großen Ketten interessieren sich mehr und mehr für das Konzept. Die Kundschaft auch am Wochenenden, Feiertagen oder nach Ladenschluss versorgen, das können momentan nur die Landwirte mit ihren automatisierten Hofläden. Diesen Vorteil könnten sie verlieren, sollten Supermarktketten wirklich bald ins Automatengeschäft einsteigen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Corona "Drive-In" in Sonthofen und Kempten öffnen wieder
Sonthofen
Corona "Drive-In" in Sonthofen und Kempten öffnen wieder
Corona "Drive-In" in Sonthofen und Kempten öffnen wieder
Corona News Oberallgäu: Sonder-Impfaktionen im Landkreis Oberallgäu ohne Termin
Sonthofen
Corona News Oberallgäu: Sonder-Impfaktionen im Landkreis Oberallgäu ohne Termin
Corona News Oberallgäu: Sonder-Impfaktionen im Landkreis Oberallgäu ohne Termin
Oberallgäu: Kreistag will im Dezember über 5-Euro-Tagesticket entscheiden
Sonthofen
Oberallgäu: Kreistag will im Dezember über 5-Euro-Tagesticket entscheiden
Oberallgäu: Kreistag will im Dezember über 5-Euro-Tagesticket entscheiden
Sonthofen: Kostenlos Parken im Zentrum
Sonthofen
Sonthofen: Kostenlos Parken im Zentrum
Sonthofen: Kostenlos Parken im Zentrum

Kommentare