Müller unter Verdacht

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Schwerer Vorwurf: Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller soll bei seiner Doktorarbeit nicht korrekt gearbeitet haben, behauptet der Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder.

Kempten/Berlin – Als der rasend schnell aus dem Nichts am politischen Himmel aufgestiegene CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg im März 2011 über seine Plagiatsaffäre noch schneller ganz tief fiel, hielt ihm sein Parteifreund Dr. Gerd Müller fast bis ganz zum Schluss die Treue.

Von schlechtem Stil sprach Müller damals mit Blick auf die Plagiatsjäger, die den Verteidigungsminister zu Guttenberg der Schummelei bei seiner Doktorarbeit überführt hatten. „Es ist heute offenbar leichter Papst zu werden als Minister“, sagte Müller im Februar 2011. Heute, fast genau drei Jahre später, könnten Dr. Gerd Müllers Worte im Nachhinein einen ganz anderen Klang bekommen: Seit Anfang der Woche sieht sich auch der neue Entwicklungsminister aus Durach mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert. In der Kritik steht mittlerweile aber auch sein „Jäger”.

Doch der Reihe nach: Der Nürnberger Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder hatte sich am Montag mit dem Vorwurf an die Öffentlichkeit gewandt, Müller habe in seiner 351 Seiten umfassenden Doktorarbeit „Die Junge Union Bayern und ihr Beitrag zur politischen Jugend- und Erwachsenenbildung” aus dem Jahr 1987 einen Text aus Arbeiten des Politologen und späteren CDU-Politikers Wolfgang Hackel übernommen, ohne diese Stellen in seiner Dissertation mit Anführungszeichen als Zitat zu kennzeichnen.

Knappe zehn Stunden will sich Heidingsfelder mit Müllers Arbeit beschäftigt haben. Auf den ersten Fund sei er schnell gestoßen, berichtete er.

Absichtliches Abschreiben oder vorsätzliches Täuschen will der Plagiatsjäger dem neuen Minister aus dem Allgäu aber nicht vorwerfen. Heidingsfelder spricht stattdessen lieber ironisch von „handwerklichen Fehlern”.

"Nicht nachvollziehbar"

Überhaupt findet der Plagiatsjäger Müllers Doktorarbeit anscheinend nicht sonderlich überzeugend. „Insgesamt ist die Dissertation gekennzeichnet durch zahlreiche längere wörtliche Zitate”, so Heidingsfelder. Aber: „In guten Dissertationen sind Zitate über mehrere Seiten sehr selten.” Es liege aber im Ermessen von Prüfern einer Universität, solche Arbeiten überhaupt anzunehmen.

Müller ließ die Vorwürfe am Mittwoch über seine Sprecherin zurückweisen. Diese seien nicht nachvollziehbar, „da das Thema der Arbeit und der Gegenstand der empirischen Untersuchung erstmalig 1987 vom Verfasser bearbeitet wurde und es somit keine vergleichbare Arbeit gab”, sagte seine Sprecherin Petra Diroll gegenüber dem Kreisboten. „Bei der fraglichen Textpassage im theoretischen Teil wurde die Quellenangabe eindeutig vermerkt”, so Diroll weiter.

Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass es sich bei Heidingsfelder und seine Internetplattform um einen kommerziellen Anbieter und eine kommerzielle Plattform handle.

Tatsächlich bietet Martin Heidingsfelder, der sich selbst als Sachverständiger für wissenschaftliche Texte bezeichnet, auf „politplag.de” die Überprüfung von Politikerdissertationen „zu vergünstigten Konditionen” an. Nach eigenen Angaben hat er bereits bei „Guttenplag Wiki” und „VroniPlag Wiki” mitgearbeitet und an den Plagiatsfällen der beiden FDP-Politiker Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis mitgewirkt.

Unterstützung bekommt Müller von dem Salzburger Plagiatsgutachter Dr. Stefan Weber. Der kritisiert in seinem Blog Plagiatsjäger Heidingsfelder ungewöhnlich scharf: „Es liegt kein Plagiatsverdacht vor”, schreibt Weber. „Offenbar geht es hier tatsächlich erstmals nur darum, einen Politiker einer gewissen Richtung in Zusammenhang mit Plagiatsvorwürfen zu bringen.”

Uni will prüfen

Die Universität Regensburg, wo der Allgäuer Dr. Gerd Müller promovierte, kündigte unterdessen am Mittwoch an, Müllers Doktorarbeit überprüfen zu wollen. „Arbeit und zugehörige Unterlagen liegen mir seit heute zur Prüfung vor”, sagte der zuständige Ombudsmann, Prof. Christoph Meinel, am Mittwoch. Damit reagierte die Universität auf eine Forderung der Hochschulgruppe „Bunte Liste”. „Nicht kleinreden, sondern aufklären”, sagte deren Mitglied Daniel Gaittet. Hier sei nun die Uni Regensburg gefragt. „Wegen der Brisanz der vorgebrachten Vorwürfe rechnen wir mit einer schnellen und vorurteilsfreien Prüfung”, so Gaittet weiter.

Minister Müller begrüßt Aussagen seiner Sprecherin zufolge, dass sich die Universität Regensburg der Sache annehme. Dies werde für Klarheit sorgen.

Matthias Matz

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