"Opposition ist keine Rehaklinik"

Cem Özdemir zu Gast beim Grünen-Aschermittwoch in Sulzberg

+
Cem Özdemir beim Aschermittwoch der Oberallgäuer Grünen in Sulzberg.

Sulzberg – „Außenminister in spe a.D.“ steht jetzt auf der Visitenkarte von Cem Özdemir, wie er mit Selbstironie gleich zu Beginn seiner pfiffigen Rede im überfüllten Hirsch-Saal in Sulzberg bekannte. Voller Schwung stürzte er sich in die aktuellen politischen Themen, verweilte aber vor allem bei den ur-grünen Anliegen: Umwelt- und Klimaschutz, Menschenrechte, Agrar- und Energiewende.

Den schleppenden und teilweise chaotischen Koalitionsverhandlungen vermochte Özdemir wenigstens einen positiven Aspekt abzugewinnen: Sie könnten uns Deutsche lehren, mit etwas weniger Arroganz auf unsere Nachbarstaaten, etwa Italien zu blicken … Von den sechs Fraktionen im Bundestag sehnen sich offenbar vier nach der Opposition, „obwohl Opposition doch keine Rehaklinik ist und Regieren kein offener Strafvollzug“. Die Grünen rennen nicht weg vor der Verantwortung und werden weiter an der ökologischen Umgestaltung und der Modernisierung des Landes mitarbeiten. „Buße tun!“, fordert er die CDU/CSU auf, und sich nicht vor den Klimaschutzvereinbarungen drücken. Die katastrophalen Brände, Dürren, Überschwemmungen hätten nun mal mit menschlichem Verhalten zu tun. „Die“ Menschheitsherausforderung sei es, den Klimawandel zu stoppen: „Wir müssen im Klimaschutz vorangehen, denn das ist auch Friedenspolitik und bekämpft die Fluchtursachen.“ Die fossilen Verbrennungsmotoren hätten deshalb ihr Verfallsdatum erreicht, sie seien passé, wie Atomkraftwerke. Özdemirs Bitte an die CSU: Verschlaft die Entwicklung nicht, das Auto von morgen ist emissionsfrei und soll aus Deutschland, nicht etwa aus China kommen. Die Automobilindustrie habe damit die Chance, den Ruf des „Made in Germany“ wieder aufzupolieren.

Politischer Aschermittwoch Kempten/Oberallgäu 2018 in Bildern

SPD Kempten © Kustermann
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Freie Wähler © Spielberg
Bei der CSU. © Tröger
Bei der CSU. © Tröger
Bei der CSU. © Tröger
Bei der CSU. © Tröger
Bei der CSU. © Tröger
Bei der CSU. © Tröger
Bei der CSU. © Tröger
Bei der CSU. © Tröger
SPD Kempten © Kustermann
SPD Kempten © Kustermann
SPD Kempten © Kustermann
SPD Kempten © Kustermann
SPD © Kustermann
SPD Kempten © Kustermann
Bei der FPD © Weidle
Bei der FPD © Weidle
Bei der FPD © Weidle
Bei der FPD © Weidle
Bei der FPD © Weidle
Bei der FPD © Weidle
Bei der FPD © Weidle
Bei der FPD © Weidle
Bei den Grünen in Sulzberg. © Brock
Bei den Grünen in Sulzberg. © Brock
Bei den Grünen in Sulzberg. © Brock
Bei den Grünen in Sulzberg. © Brock
Gesang bei der ÖDP © Stodal

Wer, wie Deutschland, Waffen in Krisengebiete exportiert, in die Türkei oder Saudi Arabien, versündige sich, und: „Kein Kuscheln mit Despoten!“ Deutschland solle sich vielmehr auf die Seite der Zivilgesellschaft stellen, wobei Özdemir besonders an die Türkei, Polen und Ungarn denkt.

Ganz oben auf der Agenda der Grünen steht auch die Agrarwende. Wenn es heute 50 Prozent weniger Vögel gibt wie vor 30 Jahren, dann sei der „Stumme Frühling“ nicht mehr weit und die Forderung nach drastisch verringertem Pestizideinsatz überfällig. Tier- und Artenschutz dürften nicht länger vernachlässigt werden.

Das Cannabisverbot sei mit Vernunft nicht zu begründen, werde vielmehr ideologisch gerechtfertigt. „Hopfen und Cannabis sind wie Bruder und Schwester“, die Gesetze könnten den Konsum beider gleich regeln. Außerdem sei das Verbot höchst ineffizient, eine „Beschäftigungstherapie“ für Polizei und Staatsanwaltschaften, die ihre Kapazität für schwere Verbrechen einsetzen sollten.

Was die Infrastruktur des Landes angeht, sei besonders Bayern ein Sanierungsfall: Jede vierte Brücke ist hier marode. Özdemir fordert einen „Marschallplan“ und nennt die Schweiz als Vorbild.

Die Wahl von Emmanuel Macron betrachtet er als Glücksfall. „Frankreich und Deutschland müssen zum Pulsschlag Europas werden“ und dann auch in Flüchtlingsfragen mit einer Stimme sprechen. Ein starkes Europa dürfe nicht länger durch seine Exportpolitik die Märkte in Afrika kaputtmachen. Diese Forderung erhebe ja auch Gerd Müller, der fähigste Minister der CSU, wie Özdemir versichert. Warum ausgerechnet nun er um seinen Job fürchten muss, sei mit Logik nicht nachzuvollziehen.

Für die MdLs Ulli Leiner und Thomas Gehring ist der Grüne Aschermittwoch sowieso der größte, schönste und interessanteste. In ihrem Zwiegespräch, das den Abend einleitete, arbeiteten sie sich an den zahlreichen regionalpolitischen Kuriositäten und Aufregern ab: Oberstdorf das Höchste! Das Dorf mit den höchsten Schulden. Sonthofen, mit der ewig unfertigen Burg, Rettenberg wartet vergeblich auf den Retter des Grüntenlifts, auf den Mann mit Visionen ohne Millionen. In Immenstadt bröckelten nicht nur die Burgruinen, auch die Königseggschule mit dem Charme der 70er Jahre. Was ist in Kempten los? Naja, das Große Loch ist zwar verkauft, aber immer noch da, nur hat es jetzt einen anderen Besitzer. Und: Wenn’s um Schwarzgeld geht … Sparkasse! Die Staatsanwaltschaft ermittle. Was sagen die Kemptener zu einer Regionalbahn? Um Himmelswillen, da fährt doch die Bahn in die Stadt rein, das wäre was Besonderes, das wäre innovativ, na, das geht gar nicht!!

„So ein Aschermittwoch in Ankara, in der ganzen muslimischen Welt, das wäre doch toll!“, schloss Özdemir seine flammende Rede, bekam mächtig Applaus und von der Sulzberger Musikkappelle ein Abschiedsständchen.

Elisabeth Brock

Auch interessant

Meistgelesen

"Jesus selber ist das Ja"
"Jesus selber ist das Ja"
Hilfe, die ankommt
Hilfe, die ankommt
Klassiker mit Premiere: "Traildays" mit Peter Schlickenrieder
Klassiker mit Premiere: "Traildays" mit Peter Schlickenrieder
Sonthofen in schweren Zeiten
Sonthofen in schweren Zeiten

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.