Positive Signale: Wasserstoff-Zukunftsregion »HyAllgäu« hat Zukunft

Technologie braucht Akzeptanz

Karl-Heinz Lumer, Arthur Dornburg,  Dr. Gerd Müller, Alexander Hold, Thomas Kiechle, Renate Deniffe, Wendelin Einsiedler, Michael Lucke, Maria-Rita Zinnecker und Indra Baier-Müller.
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Bei einem Projekttreffen wurden die Zwischenergebnisse den politischen Akteuren vorgestellt, die sich für eine Wasserstoffzukunftsregion Allgäu einsetzen. Das Foto zeigt (hintere Reihe von links) Karl-Heinz Lumer vom ZAK, Arthur Dornburg (Projekt HyAllgäu), Minister Dr. Gerd Müller, MdL Alexander Hold, Kemptens Oberbürgermeister Thomas Kiechle, Renate Deniffel (Bürgermeisterin Wildpoldsried) und Wendelin Einsiedler (Energie-Pionier), sowie (vorne von links) Michael Lucke (AÜW), Maria-Rita Zinnecker (Landrätin Ostallgäu) und die Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller.

Allgäu – Vor etwas über einem Jahr glichen die zahlreichen Ideen rund um den Wasserstoff im Allgäu einem Faden mit zahlreichen losen Enden. Die vom Bundesverkehrsministerium geförderte Machbarkeitsstudie konnte hier in kürzester Zeit konkrete Ergebnisse für ein Reallabor im Allgäu entwickeln. Bei einem Projekttreffen wurden jetzt die Zwischenergebnisse den politischen Akteuren vorgestellt.

Bereits die vom Projektteam eingereichte Projektskizze setzte enge Grenzen und Hürden für einen effizienten und wirtschaftlichen Einsatz vom Wasserstoff im Allgäu. Das Projekt HyAllgäu konzentiert sich auf die Bearbeitung der Hemmnisse und deren Lösungen, anstelle staatliche Regularien zu fordern. Treiber waren zu Beginn Prof. Dr. Werner Mehr von der Hochschule Kempten und die Verantwortlichen der Kläranlage in Kempten mit deren Technischem Leiter, Franz Beer. Die regionale Abwasserbehandlung erreicht durch die Verwertung des anfallenden Faulgases seit 2017 einen konstanten Überschuss an elektrischem Strom. Dieser Ökostrom über hohe Volllaststunden bietet sich ideal an zur Produktion von grünem lokalem Wasserstoff aus dem Allgäu zu marktgerechten Preisen. Die ersten circa 50 Tonnen Wasserstoff im Jahr waren somit realistisch möglich.

Trotz zahlreicher Ideen mit volatilen Strommengen aus regionaler Windkraft oder Photovoltaik gab es über den erwähnten Ökostrom vom Abwasserverband Kempten zum Zeitpunkt der Antragstellung keine relevanten Kapazitäten. Hemmnisse wie Restlaufzeiten der EEG-Vergütung, Netzentgelt, zu geringe Vollaststunden und anderes mehr erübrigten in der Regel schnell eine intensivere Betrachtung. Die positive Nachricht aus Berlin zur Förderung einer vom NOW (Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie) betreuten Initiative brachte jedoch weitere Steine im Allgäu ins Rollen.

In Rekordtempo konnte die Machbarkeitsstudie, ein Gemeinschaftsprojekt des Landkreis Oberallgäu und der Stadt Kempten, auf den Weg gebracht werden. Den Gesamtauftrag für die Machbarkeitsstudie erhielt die Ingenieurgesellschaft bluemove consulting GmbH mit dem Geschäftsführer und Gesamtprojektleiter Arthur Dornburg. Eine wissenschaftliche Begleitung erfolgt unter der Leitung von Prof. Dr. Werner Mehr durch die Hochschule Kempten.

Initiativen und Stärken bündeln

Parallel zu der Studie des Landkreises Oberallgäu und der Stadt Kempten, machten sich auch der Zweckverband Abfallwirtschaft ZAK, das Allgäuer Überlandwerk und die Allgäuer Kraftwerke unter der gemeinsamen Firmierung Bioenergie Allgäu GmbH Gedanken zur Erzeugung von „grünem Wasserstoff” im Allgäu. Durch die enge Vernetzung aller Akteure in der Region konnte das Gesamtpotenzial an grünem Wasserstoff aus dem Allgäu von ursprünglich 30 Tonnen auf rund 1.000 Tonnen Wasserstoff im Jahr angehoben werden. Bereits die Strommengen des Müllheizkraftwerks des ZAK in Kempten, die rein aus dem biogenen Anteil Restmüll und dem nachhaltigen Altholz erzeugt werden, ermöglichen eine Produktion von bis zu 400 Tonnen Wasserstoff im Jahr. Eine vergleichbare Menge könnte das Wasserkraftwerk Horn des Allgäuer Überlandwerks beisteuern. Neben erweiterten Kapazitäten der Kläranlage runden die Windkraftanlagen aus Wildpoldsried das unmittelbar verfügbare Potenzial im Allgäu ab. Das Hemmnis der Windkraft durch geringe Vollaststunden ließe sich in Wildpoldsried durch die Verbindung von PV-Anlagen und Biogas-Block-Heizkraftwerken zu einem lokalen „Virtuellen Kraftwerk“ lösen. Somit ist auch dort die Zielgröße von 5 bis 6 Euro Produktionskosten für ein Kilogramm grünen regionalen Wasserstoffs aus dem Allgäu möglich.

Neue Technologien benötigen Starthilfen

Ziel aller Projektpartner ist es, in ein paar Jahren ein wirtschaftliches Geschäftsmodell rund um die Wasserstofferzeugung zu entwickeln. Bis es soweit ist, brauche es Mut und Investitionsbereitschaft. Das bringen die Partner im Allgäu mit. Ganz ohne Förderung werde es aber nicht gehen, betont der Geschäftsführer des ZAK, Karl-Heinz Lumer. Nachdem eine Wasserstoffproduktion auf der Kläranlage schon sehr schnell in einer Fördermaßnahme berücksichtigt werden konnte, zeichnet sich nun auch für den Standort des ZAK eine Förderunterstützung ab. Damit kann bereits 2021 mit Planungsleistungen für die beiden Standorte in Kempten begonnen werden. Erste Förderzusagen belaufen sich bereits auf rund 25 Millionen Euro.

Akzeptanz und zuverlässige Abnehmer

„Damit sich die Investitionen in die Wasserstofferzeugung lohnen, brauchen wir große Abnehmer mit zuverlässigen Verträgen“, sagt Michael Lucke, Geschäftsführer des AÜW. Dazu sei man bereits sehr früh mit möglichen Partner aus ÖPNV und Logistik in die Gespräche gegangen. Derzeit ist die Nachfrage an ‚grünem Wasserstoff‘ zu marktgerechten Preisen noch nicht sehr hoch. Michael Lucke vergleicht es mit dem ‚Henne-Ei Problem‘. „Einer muss sich zur Henne erklären und das übernehmen wir mit unseren Partnern“, so Lucke.

In den Gesprächen mit den regionalen Busbetreibern wurde schnell deutlich, dass die Umrüstung auf Wasserstoff gegenüber den Dieselfahrzeugen mit deutlichen Mehrkosten verbunden ist. „Diese Punkte müssen wir ernst nehmen und uns konkrete Maßnahmen überlegen, wie wir auch diesen Bereich zum Start fördern können. Wenn uns das nicht gelingt, wird es schwer werden, die notwendige Akzeptanz für die neue Technologie zu erhalten“, betont Lucke.

Im profilierten Gelände des Allgäus bietet die Wasserstofftechnologie bei Linienbussen dafür große Vorteile. Wenn mittelfristig 20 Wasserstoffbusse, verteilt auf Kempten, Oberstdorf und Lindau eingesetzt werden, könnte damit die erste Stufe der Wasserstoffproduktion direkt in der Region genutzt werden. Bis es soweit ist, will sich das gesamte Projektteam um alternative Absatzmöglichkeiten, beispielsweise bei eigenen und kommunalen Fahrzeugen, der Logistikbranche oder Partnern über das Allgäu hinaus bemühen.

Landrätin Baier-Müller (Landkreis Oberallgäu) und Oberbürgermeister Kiechle (Stadt Kempten) sind sich einig: „Beim Thema Energiewende werden wir auch zukünftig gemeinsam vorangehen. Wenn es uns gelingt – wie beim Thema Wasserstoff – unsere Ressourcen vor Ort nachhaltig zu nutzen, zu veredeln und Wertschöpfung zu erzielen, dann sind wir auf dem richtigen Weg.” Mit den Projektergebnissen sind sie sehr zufrieden. Die bisherigen Erkenntnisse zeigten, dass es von großem Vorteil sei, wenn der Wasserstoff möglichst dort verbraucht wird, wo man ihn auch erzeugt.

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