Projekt "recharge.green": Szenarien und Lösungsansätze zum Spagat zwischen Naturschutz und alternativen Energieformen

Natur und Energie – Ein Balanceakt

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Für manche sind Windräder ein wichtiges Werkzeug zur Energieerzeugung – für andere lediglich Schandflecken in der Landschaft.

Sonthofen – Wie kann die Balance zwischen der Erzeugung alternativer Energien und dem Erhalt der Natur in den Alpen möglichst gut gelingen? Mit dieser Frage beschäftigte sich das länderübergreifende Projekt „recharge.green“. Die Abschlusstagung des Projektes fand in Sonthofen statt.

Bei einer Pressekonferenz im Haus Oberallgäu stellten Aurelia Ullrich-Schneider von CIPRA (von links), Chris Walzer von der Veterinärmedizinischen Universität Wien, Sonthofens 3. Bürgermeisterin Ingrid Fischer, Stefan Witty von CIPRA und Gerhard Haimerl von den Bayerischen Elektrizitätswerken die Ergebnisse des Projektes „recharge.green“ vor.

„Die Idee zu ‘recharge.green’ entstand vor etwa vier Jahren aus einem anderen Alpenprojekt heraus“, erzählt Chris Walzer von der der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der maßgeblich an der Projektentwicklung beteiligt war. Die Alpen bieten laut Walzer für die Gewinnung erneuerbarer Energien großes Potential, sie haben sozusagen „Batteriefunktion“. Allerdings steigt mit dem Ausbau alternativer Energien im Zuge der Energiewende auch der Druck auf die Natur. Energie aus Wasser, Biomasse, Wind und Sonne ist gut für das Klima, wirkt sich aber auf der anderen Seite auch negativ auf die Natur aus, etwa auf den Lebensraum für Fische und Wasserpflanzen bei einem Wasserkraftwerk.

Im Verlaufe des Projektes „recharge.green“ wurden die Potentiale erneuerbarer Energien in den Alpenländern eingeschätzt. Die Teilnehmer entwickelten verschiedene Szenarien und Modelle, wie Konflikte zwischen Naturschutz, Umweltschutz und Energiegewinnung möglichst gering gehalten werden können. Ziel war es, die Balance zwischen Ökosystemen und Energiegewinnung im Alpenraum zu finden. Aus diesen Szenerien wurden auch Lösungsansätze und Werkzeuge entwickelt, „Entscheidungshelfer“ für Entscheidungsträger – Politiker oder auch Energieerzeuger. So kann sich beispielsweise eine Gemeinde „ausrechnen“ lassen, welche ökologischen und ökonomischen Veränderungen die Nutzung von Windkraft, Solarenergie, Wasserkraft oder Biomasse auf ihr Gemeindegebiet hätte, welche „Mischung“ alternativer Energien welche Auswirkungen hätte. Die möglichen Szenarien dienen als Diskussionsgrundlage für alle Akteure. So kann laut Walzer der größtmögliche Konsens gefunden werden.

Das Ziel: "Guter" Strom

Am Projekt „recharge.green“ waren 16 Partner – Umweltverbände, Verwaltungen, Forschungsinstitutionen und Energieunternehmen aus sechs Alpenländern – beteiligt. Aus Deutschland waren die Bayerischen Elektrizitätswerke GmbH und die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA dabei. Außerdem verschiedene Beobachter wie der Verein Alpenstadt des Jahres, das Ständige Sekretariat der Alpenkonvention oder Ämter und Ministerien.

Damit die Ergebnisse des Projektes in die Praxis umgesetzt werden können, wurden die Modelle in sechs Pilotgebieten getestet. In Bayern wurde beispielsweise die Nutzung der Wasserkraft an der Oberen Iller zwischen Kempten und Memmingen getestet und untersucht, wie die ökologischen Auswirkungen der Wasserkraft minimiert werden können. Gerhard Haimerl von den Bayerischen Elektrizitätswerken BEW erläutert, dass die BEW unter anderem eng mit Fischereifachverbänden zusammengearbeitet hätten, um die Lebensbedingungen für Fische im Bereich der Wasserkraftwerke zu verbessern. „Wir wollen möglichst ‘guten’ Strom erzeugen“, so Haimerl, deshalb sei der Maßnahmenkatalog der Umweltverbände in die Tests mit eingeflossen. Über das Projekt hinaus wollen die BEW diverse Maßnahmen umsetzen, beispielsweise bei der Verbesserung älterer Wasserkraftwerke.

Gemeinsam geht’s besser

Stefan Witty von der Alpenschutzkommission CIPRA, in der verschiedene Umweltschutzverbände organisiert sind, hofft, dass der Austausch zwischen Energieproduzenten und Umweltverbänden im Rahmen des Projektes geholfen hat, künftige Konflikte zu vermeiden. Die Diskussionen über die Energiewende und den Ausstieg aus der Atomenergie habe in den letzten Jahren zu starken Auseinandersetzungen geführt. „Wir waren gezwungen, über das Projekt miteinander zu reden“, so Witty, „wir haben beide voneinander gelernt!“ So hätten die Naturschutzverbände eingesehen, dass der Ausstieg aus der Atomkraft nicht ohne Probleme von statten geht.

„Sie können es nicht jedem Recht machen“, betont auch Sonthofens Dritte Bürgermeisterin Ingrid Fischer den Balanceakt zwischen Energie und Ökologie. Wichtig sei es, die Bürgerschaft rechtzeitig über bestimmte Vorhaben zu informieren, auch über deren Auswirkungen. Die Kreisstadt mache bereits viel in Sachen Klimaschutz, so berät ein Klimaschutzmanager unter anderem beim Energiesparen, alle Sonthofer Schulen haben Solarzellen auf dem Dach, und zum bestehenden Biomasseheizkraftwerk an der Binse soll ein weiteres auf den Konversionsflächen hinzukommen.

In Sonthofen werde bereits seit 1996 in Form von „Zukunft Sonthofen“ aktive Bürgerbeteiligung praktiziert, so Fischer. Die Politik müsse auf die Sorgen der Menschen eingehen. Das verlängere zwar die Prozesse, führe aber im Gegenzug dazu, dass es weniger Protest gebe. Wichtig sei hierbei auch die Unterstützung von außen, durch Fachleute oder Gutachten.

Weiter hebt Fischer hervor, dass gerade auch im Bereich der alternativen Energien die Zusammenarbeit über die Gemeinde, über die Grenzen hinaus wichtig sei. „Wir aus Sonthofen betrachten uns nicht als Sonthofen allein, wir sehen uns als Region!“ so Fischer abschließend.

Weitere Infos unter www.recharge-green.eu/de/.

Eva Veit

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