Landkreis macht mobil gegen TBC

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Ob sich Alp- und Weidevieh die Rinder-TBC beim Rothirsch „geholt“ hat, ist noch nicht endgültig geklärt; Fachleute halten es aber für gut möglich.

Oberallgäu - Auf den Oberallgäuer Bauernhöfen geht die Angst um: die Rinderseuche TBC ist wieder auf dem Vormarsch. Im Landkreisgebiet wurde die Seuche bislang in mehr als 20 Ställen festgestellt. 

Jetzt will das Landratsamt sämtliche Rinderbestände im Oberallgäu im Rahmen einer Reihenuntersuchung auf „Reagenten“ durchforsten, um möglichst schnell wieder TBC-Freiheit zu erreichen. Über die Ursachen der TBC-Welle wird derweil gestritten. Eine Ansteckungsmöglichkeit für Weidevieh könnte Rotwild sein, so wird vermutet. 

Landrat Gebhard Kaiser fordert eine generelle Untersuchen aller im Landkreis erlegten Hirsche – und eine deutliche Reduzierung des Rotwildbestandes. Eine Entwarnung kann der Veterinär am Landratsamt Oberallgäu, Dr. Johann Mages, geben: Der in den Viehbeständen festgestellte Erreger der Rinder-Tuberkulose ist zwar auf den Menschen übertragbar, die Ansteckungsgefahr sei letztlich aber äußerst gering. Er selbst sei seit mehr als 20 Jahren in seinem Beruf immer wieder mit TBC-infizierten Tieren umgegangen – „angesteckt habe ich mich nicht“. Gefährlicher sei jede Fahrt mit einer Großstadt-U-Bahn, ergänzt Dr. Jürgen Rogalla vom Gesundheitsamt. 

Dennoch nehmen Mages und die Kreisverwaltung die aktuelle TBC-Welle im Oberallgäu sehr ernst. In Absprache mit dem Landwirtschaftsministerium in München werden zur Zeit sämtliche Rinder, die älter als sechs Monate sind, im Gebiet der Gemeinden Oberstdorf, Bad Hindelang und Blaichach untersucht. Die übrigen Bestände im Landkreis werden ebenfalls durchleuchtet; ein erstes Drittel mit 750 Betrieben wird derzeit von den Tierärzten „bearbeitet“. Bislang sind 145 Bestände auf sogenannte Reagenten geprüft – 21 Fälle wurden dabei entdeckt mit jeweils bis zu drei infizierten Tieren. 75 Tiere wurden bislang getötet. 

Anhand der „Lebensgeschichte“ jeden Rindes werden möglich Ansteckungs- und Übertragungswege abgeklopft. Wird ein „Reagent“ entdeckt – also ein Tier, dass auf einen speziellen Hauttest positiv reagiert und dessen Organismus mithin mit TBC-Erregern „zu tun hatte“ – folgt ein Bluttest. Über einen speziellen Tierseuchen-Nachrichtendienst wird jeder TBC-Fall gemeldet und dokumentiert. „Das funktioniert sehr gut“, sagt Dr. Mages. In allen Positiv-Fällen müssen sich auch die Menschen, die Kontakt zu dem Tier hatten, auf die Infektion hin untersuchen lassen. Das gelte auch für Besucher auf dem Hof, so Dr. Jürgen Rogalla. „Die betroffenen Landwirtsfamilien sind bereits informiert.“ 

Rinder-TBC beim Menschen ist allerdings gut heilbar, oft wird sie nicht einmal bewusst bemerkt, da der Körper mit den Mykobakterien „fertig wird“, so Dr. Rogalla. „Ein positives Testergebnis heißt nicht, dass die Person tatsächlich erkrankt ist.“ Für den Betrieb bedeutet der TBC-Befund zunächst eine Sperre – weder Milch noch Vieh darf vom Hof, bevor die Positiv-Tiere aus dem Stall sind. Auch die Abgabe von Rohmilch auf dem Hof ist dann untersagt. Milch kann wieder geliefert werden, sobald die erkrankten Tiere aus dem Stall sind; sie muss aber wärmebehandelt werden. Von den Molkereien darf ohnehin nur Rohmilch in der Verarbeitung verwendet werden, die aus anerkannt tuberkulosefreien Betrieben stammt. Eine generelle Verweigerung der Milchabnahme durch die Molkereien sei aber nicht zu erwarten, merkt Landrat Kaiser an. 

Zwei weitere Untersuchungen des Tierbestandes im Abstand von jeweils acht Wochen folgen. Wird dabei kein weiterer TBC-Befund festgestellt, gilt der Bestand wieder als TBC-frei. Die Seuche könnte auch Auswirkungen auf den Viehexport haben, befürchten Amtstierarzt Dr. Mages und Landrat Kaiser. Immerhin gehen jährlich rund 2.600 Rinder aus dem Allgäu als Zuchtvieh in alle Welt. 

Geälpte Rinder könnten die Seuche mit in den heimischen Stall gebracht haben, vermuten die Fachleute. Diesen Schluss lasse jedenfalls die Zuordnung der akuten Fälle zu. Ob sich Alpvieh möglicherweise beim Rotwild angesteckt hat, soll eine parallel laufende Monitoring-Aktion klären. In diesem Zusammenhang will der Oberallgäuer Landrat ebenfalls Druck machen. Kaiser fordert neben der verpflichtenden Untersuchung auf TBC eine generelle Fleischbeschau für erlegtes Wild. Und: der Rotwildbestand im südlichen Landkreis soll reduziert werden. Das Abschusssoll müsse ausnahmslos erfüllt werden, betont der Landrat und deutet an, dass für die anstehende Planung das Soll um 50 Prozent erhöht werde. Die Jagdzeit ist bis Mitte Februar verlängert worden. Die Jägerschaft ziehe weitestgehend mit, so Kaiser.

Josef Gutsmiedl


Zur Info: Tuberkolose

Was ist Tuberkulose? Tuberkulose ist eine bakterielle Infektionskrankheit. Sie kann bei Menschen und Tieren auftreten. Hauptsächlich befällt Tuberkulose die Lunge, es können aber auch andere Organe betroffen sein. Früher war Tuberkulose auch als Schwindsucht bekannt. Durch konsequente Bekämpfung der Rindertuberkulose ist Deutschland seit 1997 offiziell anerkannt frei von Rindertuberkulose. 

Wie kann sich der Mensch mit Tuberkulose anstecken? Die Infektion geht üblicherweise von einem an Tuberkulose erkrankten Menschen oder einem erkrankten Tier aus. Die Erkrankung muss so weit fortgeschritten sein, dass eine Verbindung zwischen infiziertem Gewebe und der Außenwelt besteht (sogenannte „offene Tuberkulose“). Erkrankte, bei denen diese Verbindung zur Außenwelt nicht besteht, scheiden keine Erreger aus und gelten daher als nicht infektiös. Häufigster und bedeutendster Infektionsweg für den Menschen ist die Übertragung durch die Luft (Tröpfcheninfektion). In den meisten Fällen werden die Tuberkuloseerreger im Körper abgekapselt, ohne dass sich Krankheitserscheinungen zeigen. Eine Erkrankung ist insbesondere bei immun- geschwächten Menschen möglich.


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