"Keine unehrliche Debatte"

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Die „Wildwacht Allgäu“ postierte eine Mahnwache vor dem Kurhaus Fiskina.

Oberallgäu - Der seit langem schwelende Streit eskalierte anlässlich der jüngsten Frühjahrshegeschau des Kreisjagdverbandes Oberallgäu in Fischen. Landrat Gebhard Kaiser verteidigte das entschlossene Vorgehen der Kreisverwaltung und der Behörde bei der Bekämpfung der Rinder-Tuberkulose.

Die Belange der Land- und Alpwirtschaft haben laut Kaiser Vorrang, das Image des Oberallgäus dürfe nicht leiden. Die Rotwildbestände im Oberallgäu müssten reduziert werden. Erich Erbgraf von Waldburg-Zeil „feuerte“ ebenso leidenschaftlich zurück: Die Jägerschaft habe ihre Hausaufgaben gemacht und fordere jetzt praktikable Maßnahmen und vor allem eine wissenschaftliche Grundlage für das weitere Vorgehen. Eine pauschale drastischen Bestandsreduzierung werde die Hegegemeinschaft nicht hinnehmen. „Für unehrliche Diskussionen sind wir nicht zu haben“, so der Vorsitzende der Hochwild-Hegegemeinschaft Sonthofen. 

Was man in den zurückliegenden Monaten habe beobachten können, habe gezeigt „wie man vernünftig miteinander arbeiten kann“, lobte Landrat Gebhard Kaiser zunächst die Jäger. „Die Jäger haben intensiv mitgemacht und zur Lösung beigetragen“, sagte Kaiser mit Blick auf die Erfüllung der Abschusspläne. Beim Rotwild sei man jetzt auf 109 Prozent gekommen. Dennoch, so gab Kaiser zu bedenken, bescheinige das jüngste forstliche Gutachten den meisten Hegeringen im Oberallgäu eine zu hohe Verbissbelastung. Doch mehr noch als das Waldbild beschäftigt den Landrat derzeit die TBC-Problematik. „Tatsache ist: sowohl bei Rinder als auch bei Rothirschen wird TBC festgestellt“, so Kaiser. 

Bei der Beprobung der erlegten Hirsche hätten die Jäger gut mitgearbeitet. Auch wenn noch nicht letztendlich die Ansteckungskette offen und wissenschaftlich zu klären sei, betonte Kaiser: „Wir haben TBC beim Rotwild. Wir können es nicht wegreden, auch wenn es einige versuchen! Wir müssen handeln.“ Jetzt gelte es Schlussfolgerungen zu ziehen. Vor allem im Bereich Oberstdorf / Rohrmoos zeichne sich den Untersuchungen zufolge ein Brennpunkt bei der TBC-Erkrankungen von Rotwild ab. „Wir müssen dort eingreifen, wo es sein muss!“ 

Doch Kaiser will sich damit nicht zufrieden geben und sieht alle Maßnahmen bei der Bekämpfung der Rinder-TBC gefährdet, wenn nicht der Rotwildbestand als Ganzes verringert wird. „Die Abschussvorschläge sind vor diesem Hintergrund mehr als enttäuschend und bedürfen einer nochmaligen Überprüfung“, wetterte Kaiser und verlangte, diese Vorschläge „deutlich zu erhöhen“. Die Rotwilddichte dürfe drei Stück pro 100 Hektar nicht übersteigen. „Da führt kein Weg vorbei! Da gibt es kein Wenn und Aber. Das sind wir unserer Heimat, dem Allgäu, schuldig!“ 

Es sei an der Zeit, Vernunft anzunehmen und die Probleme vor Ort miteinander zu lösen, appellierte Kaiser. Die Politik werde dieses Problem nicht lösen können. „Mir gehen die Allgäuer Bauern und die Alpwirtschaft vor“, sagte Kaiser weiter, wobei er einräumte, sehr wohl auch Verständnis für eine „vernünftige Jagd“ zu haben. Dazu brauche es aber einen „vernünftigen Dialog“. 

Mit seinem Appell an die Vernunft der Jägerschaft gab Kaiser dem Vorsitzenden der Hochwild-Hegegemeinschaft Sonthofen, Erich Erbgraf von Waldburg-Zeil, eine Steilvorlage für eine Retourkutsche. Tatsächlich hätten zwar „ganz wenige Reviere bei der Bejagung sehr vornehme Zurückhaltung“ geübt, aber generell mangele es nicht am Jagdeifer und Jagddruck, so Waldburg-Zeil. „Außer man sieht es anders.“ Und in den erkannten Brennpunkten werde die Hegegemeinschaft selbstverständlich Ordnung schaffen. 

Waldburg-Zeil erinnerte an die Anfänge des sogenannten Rotwild-Monitorings, wo die Jäger mit im Boot waren, und sogar für die korrekte Probenahme geschult worden waren. Auf freiwilliger Basis sollten erlegten Hirsche untersucht werden. „Bald kamen Klagen über überbordende Tiefkühltruhen“, so Waldburg-Zeil. Dann sollten nur noch „nach großer Wahrscheinlichkeit“ beprobt werden; dann wieder nur Tiere älter als fünf Jahre. „Ein Hin und Her“, so der Vorsitzende der Hegegemeinschaft. Schließlich sei sogar die Forderung nach einer generellen Fleischbeschau aufgekommen. „Aber wenn man solche Forderungen stellt, muss man auch sagen, wie man es in der Praxis machen kann“, wetterte Waldburg-Zeil weiter und wollte wissen, ob man etwa die erlegten Hirsche als Ganzes ins Landratsamt bringen solle. 

„Was mich betrübt, ist, dass man hier in vielen Bereichen ohne Konzept und planlos vorgeht“, warf Waldburg-Zeil den Behörden und dem Landrat vor. Man wisse gar nicht, wie viele Proben man überhaupt benötige,um wissenschaftliche Schlüsse zu ziehen. „Wir brauchen belastbare Ergebnisse”, mahnte der Erbgraf an. „Willkürliche, auf Vermutungen basierende Maßnahmen sind nicht geeignet.” Es gehe zu „wie auf dem Markt“. Er, Waldburg-Zeil, fordere „scharf“ von den Behörden, dass sauber gearbeitet werde und man nicht mit dem strafenden Finger auf die Jäger zeige. Wer in die Ecke gedrängt werde, schieße irgendwann zurück, erklärt er die aktuelle Verärgerung der Jägerschaft. Und: die Auseinandersetzung beschädige das Prädikat Oberallgäu in schlimmster und niederträchtigster Weise. „Es kommen nur noch schlimme Botschaften.” 

Die wichtigste Forderung für Waldburg-Zeil und die Jäger: Die Wissenschaft soll ihre Aufgaben machen. Dann sei es an der Politik, diese Erkenntnisse umzusetzen. „Ich fordere die Politik zum letzten Mal auf, für Ordnung beim Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit LGL zu sorgen, und nicht selbst wissenschaftliche Arbeit betreiben zu wollen!“ teilt Waldburg-Zeil Ohrfeigen in Richtung Landrat und Gesundheitsministerium in München aus. Die „Schlamperei aller ersten Ranges“ müsse ein Ende haben. „Wir lassen uns nicht beschimpfen für Dinge, die wir nicht zu vertreten haben.“ Für eine unehrliche Diskussion seien die Jäger nicht zu haben, schloss der Erbgraf von Waldburg-Zeil. 

„Mit Vernunft und Verstand an die Sache rangehen“, verlangt auch Alfred Enderle, der Oberallgäuer Kreisvorsitzende des Bauernverbandes BBV. Der Verbraucher sei nicht gut informiert und werde womöglich Molkereiprodukte aus dem Allgäu meiden, deutete Enderle an. „Eine Verharmlosung würde uns auf die Füße fallen“, warnte er. Dass die Jagd „die Schalenwildbestände im Auge behalten“ sollte, verlangt auch Dr. Ulrich Sauter, Leiter des Bereichs Forsten am Landwirtschaftsamt. Die Verbissbelastung sei mithin in weiten Bereich zu hoch. „Es kommt nicht darauf an, dass etwas nachwächst, sondern was nachwächst“, deutete Sauter an, dass das Argument „es wächst doch was“ nicht verfange. Die Jagd profitiere letztlich, wenn der Wald gewinne. 

Eine Lanze für die Wildtiere brach eine Gruppe der Organisation „Wildwacht“ vor dem Kurhaus Fiskina mit einer Mahnwache. Auf Transparenten forderten sie, das Wild nicht als „Waldauffresser“ und TBC-Verbreiter abzustempeln.

Josef Gutsmiedl

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