25 Jahre "Schroth-Heilbad" Oberstaufen

Oberstaufen ist "gut eingepackt"

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Mit der Schrothkur ist Oberstaufen auf gutem Weg meinen (von links) Landrat Anton Klotz, der ehemalige Landrat Gebhard Kaiser, der ehemalige Oberstaufener Bürgermeister Walter Grath, Sabine Brosig (Präsidentin des Deutschen Schrothverbandes), Dr. med Vera Brosig und Dr. med. Karl-Heinz Brosig, sowie Bürgermeister Marin Beckel.Foto: Josef Gutsmiedl

Oberstaufen – Seit 25 Jahren steht der Ort Oberstaufen für den Begriff „Schrothkur“ – bundesweit und einmalig. Und Oberstaufen „lebt“ mit und von der Schrothkur. Das Jubiläum „25 Jahre Schroth-­Heilbad“ wurde jetzt mit einer Feierstunde gewürdigt.

Auch mit interessanten Rückblicken auf die Anfangszeiten der Oberstaufner mit ihren Schrothlern und wie es dann im Jahr 1992 „amtlich“ wurde. Seitdem spielt Oberstaufen in der Bundesliga der Kurorte.

„Bundesliga“ deshalb, so erläutert Oberstaufens Bürgermeister Martin Beckel, weil Oberstaufen seit dieser offiziellen Anerkennung in derselben Klasse spiele wie die Kneipp-Heilbäder und andere Kurvarianten. „Die Schrothkur ist ein Alleinstellungsmerkmal für den Ort.“

Der Aufstieg in die „Bundesliga“ wurde Oberstaufen nicht geschenkt, wie der ehemalige Bürgermeister Walter Grath betont. Zunächst war der Ort mehr oder weniger in einer Art Grauzone unterwegs mit dem Begriff Schrothkur, die im Jahr 1949 eingeführt wurde. In den Nachkriegsjahren war Dr. med. Hermann Brosig als Vertriebener aus dem Sudetenland ins Oberallgäu gekommen – im Gepäck sozusagen die Kuranwendungen nach Johann Schroth, der Anfang des 19. Jahrhunderts seine spezielle Therapie entwickelt hatte. Kernelemente des Naturheilverfahrens nach Schroth sind neben Bewegung die besondere Diät und wechselnde Reize: nach dem Kräutertee um 4 Uhr morgens wird der von der Nachtruhe durchwärmte Körper in ein feuchtkaltes Leintuch gewickelt – die „Packung“ – und mit trockenen warmen Packbetten zugedeckt. Diese Prozedur soll die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen.

Oberstaufen setzte auf den Neubeginn und die Schrothkur, berichtet Grath weiter; eine mögliche Industrieansiedlung wurde rasch verworfen. Doch die Idee mit einer Schrothkur hatten andere Orte auch aufgegriffen; Oberstaufen musste um „seine Schrothkur“ fürchten. Sogar eine Abmahnung flatterte auf den Bürgermeistertisch. Die Verantwortlichen suchten staatliche Unterstützung, um das Prädikat Heilbad zu erwerben. Dazu ging man entschlossen auf den damaligen bayerischen Innenminister Dr. Edmund Stoiber zu, der die entsprechende gesetzlichen Weichenstellungen einfädeln sollte. Unterstützung gab es auch vom Allgäuer Landtagsabgeordneten und Oberallgäuer Vize-Landrat Gebhard Kaiser. Nach einigem Hin und Her war es schließlich im Dezember 1991 soweit: Stoiber überbrachte die Urkunde und verlieh Oberstaufen ganz offiziell das Prädikat „Heilbad“. „Der Innenminister war damals voll in Fahrt“, erinnert sich Walter Grath. Und bis heute gelte: wo Schrothkur draufsteht, müsse auch Schroth drin sein. Gegen die Konkurrenz habe man sich seitdem gut behauptet. „Wir haben zwar ein Alleinstellungsmerkmal, sind aber auch Einzelkämpfer.“

Oberstaufen ist Schrothkur. Allerdings musste der Ort auch verkraften , dass sich das Gesundheitswesen als auch die Kur verändert haben. Nach den Hochzeiten der Kur in den 1980er Jahren ging es in den 1990ern bergab. Mehr als 30 000 Schroth-Kurgäste wurden 1991 in Oberstaufen begrüßt, bevor die Gesundheitsreform das Kurwesen dramatisch beeinflussen sollte. Heute kommen jährlich rund 14000 „Schroth­ler“ nach Oberstaufen mit 60 000 Übernachtungen. „Rund 20 Prozent der Übernachtungen sind den Schrothkurgästen zuzuschreiben“, weiß Bürgermeister Beckel. Diese Kurform habe nicht mehr die Bedeutung wie früher, greife aber als anerkanntes Naturheilverfahren ganz aktuelle Trends und Entwicklungen auf, etwa „De-Toxing“, also die Entschlackung und Entgiftung des Körpers. „Für uns eine Verpflichtung, an der Schroth-Idee festzuhalten und daran weiter zu arbeiten.“

So positiv die Effekte der Schroth­kur auf den menschlichen Organismus sind, so günstig erwies sich die Schrothkur auf die Entwicklung des Ortes. Die große Anzahl von Modegeschäften komme ja nicht von ungefähr, sondern, weil sich die weiblichen Kurgäste nach dem Gewichtsverlust neu einkleiden wollten, wie Dr. med. Vera Brosig in ihrer Rückschau auf fast 70 Jahre Schrothkur berichtet. Was Schrothkur bedeutet und zu einer Besonderheit in der Gesundheitslandschaft macht, skizzierte eine kurze Theaterszene, aber auch Vera Brosig in ihrem Rückblick. Dass dabei auch die Sprache auf die einst legendären „Trinktage“ kam, war nur folgerichtig, galt die Schroth­kur doch einmal als überaus geselligkeitsfördernd und verschaffte Oberstaufen mitunter einen eher zweifelhaften Ruf. „Der damals erlaubte Liter Wein am Trinktag ist heute kaum noch vorstellbar“, so Vera Brosig. Den Trinktag gibt es übrigens nicht mehr. „Aber moderaten Genuss.“ „Fasten auf allerhöchstem Niveau“, heiße inzwischen das Schroth-Rezept. Waren es einst Rheuma, Infektionskrankheiten und Übergewicht, die die Schroth­kur zum Geheimtipp machten, seinen es inzwischen Maßnahmen der Prävention, weiß Vera Brosig. Dass Schroth nicht nur eine „Erfindung“ sei, belegten eine Reihe von Studien. Auch die Marktgemeinde Oberstaufen fördert die Schroth­kur-Forschung. Das Grundprinzip „Fasten ist gesund“ gelte nach wie vor, so Brosig. „Die Saat ist prächtig aufgegangen“, schließt Vera Brosig.

Ausgewiesener Schothler ist übrigens auch der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz. Das Allgäu sei der ideale Standort für die Schrothkur. Er hoffe, dass diese Kurform weiterhin ein wichtiges Standbein für Oberstaufen und die Gesundheitsregion Allgäu bleibe. Er jedenfalls trage seinen Teil dazu bei: „In drei Wochen bin ich wieder da!“

gts

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