Enormer Handlungbedarf

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Als Katastrophenwinter wollen es die Lawinen- und Forstfachleute nicht bezeichnen, was in den Wintermonaten im Allgäu „ablief“. Doch da und dort zeigte der Winter Defizite auf, was die „Fitness“ des Schutzwaldes in den Bergen angeht, betonen die Förster des Schutzwald-Mangements im Allgäu.

Es gebe Handlungsbedarf nach Stürmen, punktuellen Lawinenabgängen und Schneebrüchen. Nicht zuletzt, weil der Schutzwald weiter ertüchtigt werden müsse angesichts veränderter Klimabedingungen und immer häufiger zu beobachtenden Borkenkäfer-Attacken. 

Von einem klassischen „Gleitschneewinter“ spricht der Lawinenexperte Hans Konetschny, Chef der Bayerischen Lawinenwarnzentrale. Die Schneemassen, die im Januar niedergingen, kamen bei warmer Witterung im Februar in Bewegung und schabten „wie ein Hobel“ über den Boden talwärts. Ein Effekt, der die Bedingungen für den nachwachsenden Wald erheblich verschlechtere, so Konetschny. Dichter, am besten durchmischter Waldbestand reduziere die Gleitschneegefahr erheblich, folgert er aus seinen Beobachtungen. 

Die Tatsache, dass es angesichts der großen Schneemassen nicht schlimmer gekommen sei, schreiben der Lawinenexperte und die Förster des Schutzwald-Management nicht zuletzt dem Schutzwald und seiner Wirkung zu. Aktuelles Beispiel: Der Lawinenabgang in Balderschwang im vergangenen Januar, wo eine Lawinen direkt auf ein Hotel prallte und erheblichen Sachschaden anrichtete, ereignete sich genau in einem ungeschützten, waldfreien Bereich. Keine hundert Meter weiter, im Bereich eines vor 60 Jahren nach einem verheerenden Lawinenunglück aufgeforsteten Geländes rührte sich nichts. 

Dr. Ulrich Sauter, Leiter des Bereichs Forsten am Landwirtschaftsamt Kempten, zieht sein Fazit des Winters und der Fitness des Schutzwaldes: „Der Wald ist im Ganzen funktionsfähig, aber leider ist er Fichten-lastig.“ Stürme, Schneelasten und auch der Borkenkäferbefall träfen vorrangig Fichtenbestände. Und die seien im Bergwald ohnehin überaltert und geschwächt. Umso mehr gelte es, den Schutzwald fit zu machen für zusätzliche Belastungen wie den Klimawandel. Sauter empfiehlt das Erfolgsrezept Bergmischwald. 

Dass der intakte Schutzwald seine Aufgaben auch im jüngsten Winter gut erfüllt habe, zeigt Lothar Poltmann vom Schutzwald-Management im Allgäu an einigen Beispielen auf. Winterwanderwege bei Pfronten blieben trotz gewaltiger Schneemassen benutzbar, der Riedbergpass trotz Lawinengefahr passierbar. Selbst am Rottachberg oder in Balderschwang, so betont Poltmann, ging es gut wo Schutzwald stand. Die Gegenbeispiele zeigten aber Defizite auf, ergänzt sein Kollege Anton Specht: Im Hintersteiner Tal ebenso wie bei Gerstruben in Oberstdorf. 

„Wir haben nicht nur in Balderschwang viel zu tun!“, umreisst Jochen Kunz den „enormen Handlungsbedarf“. Die Sturmschäden und Schneebrüche müssen schnellstmöglich beseitigt werden, bevor der Borkenkäfer zuschlägt. Der Umbau überalterter Fichtenbestände muss ebenso vorangetrieben werden wie Beseitigung von Schwachstellen im Schutzwald. Es handle sich um 300 Hektar mit akutem, dringenden Bedarf, schätzen die Förster. 

Aufgrund der notwendigen „Sofortmaßnahmen“ müssten auch einige geplante und laufende Projekte der Bergwaldoffensive wohl warten, deutete Dr. Ulrich Sauter an. Die Kosten seien aber über den aktuellen Etat gedeckt. „Der Klimawandel läuft uns entgegen“, beschreibt Sauter die schwierige Situation, der sich die Forstwirtschaft ausgesetzt sehe. „Der Handlungsbedarf nimmt zu. Es gibt viel zu tun und das kostet einen Haufen Geld.“ Allerdings sei das Bewusstsein dafür, dass es höchste Zeit sei, in der Gesellschaft gering: „Das Beharrungsvermögen ist sehr groß.“ Die Frage, ob es nicht schon zu spät sei für erfolgversprechende Maßnahmen, kontert Sauter: Er werde alles daransetzten, den Umbau und die Ertüchtigung des Schutzwaldes voranzubringen, solange er es tun könne.

gts

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