Durch Bildung aus der Prostitution: Seit 1985 hilft der Verein "SOLWODI" Frauen in Not

"Ich habe mit dem lieben Gott einen Deal gemacht"

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Vor rund 100 Zuhörern stellte Schwester Lea Ackermann ihr Lebenswerk SOLWODI im Pfarrheim Maria Heimsuchung vor.

Sie war Bankkauffrau, trat mit 23 ins Kloster ein, wurde von ihrem Orden nach Kenia gesandt, um dort zu unterrichten. Angesichts des Elends von jungen Frauen in Mombasa, von Ausbeutung und Zwangsprostitution, gründete Schwester Lea Ackermann 1985 „SOLWODI – Solidarity with Women in Distress“.

„Ich habe mit dem lieben Gott einen Deal gemacht: Ich kümmere mich um deine chancenlosen Töchter, lass du mich bloß nicht hängen!“, erzählte Schwester Lea Ackermann am Dienstag im Pfarrheim Maria Heimsuchung. Dort stellte die starke, mutige und engagierte 80-Jährige die Arbeit von SOLWODI vor und erzählte aus ihrem Leben. Organisiert hatten den Abend der Ökumenische Frauenarbeitskreis und die katholische Erwachsenenbildung. 

Als Schwester Lea Ackermann 1985 von ihrem Orden „Unserer Lieben Frau von Afrika“ nach Mombasa in Kenia gesandt wurde, sollte sie eigentlich dort Lehrer fortbilden. Mombasa sei in den 1980er Jahren ein Ferienparadies gewesen – Korallenstrand, Urwald, Seesterne. „Und die Touristen nutzten das Elend und die Armut von Frauen und Kindern aus für ihr billiges Vergnügen“, so Lea Ackermann. Nachdem sie das Elend der Prostituierten in den Straßen Mombasas gesehen hatte und kurz zuvor bei der Weltfrauenkonferenz in Nairobi gehört hatte, wie Frauen aus der ganzen Welt über die Gewalt, die sie erfahren mussten, berichteten, beschloss sie, den „chancenlosen Kindern Gottes“ zu helfen. „SOLWODI“ – Solidarität mit Frauen in Not – war geboren. 

„Man muss die Armen ermächtigen, damit sie selber für ihre Rechte einstehen können!“, so der Gedanke von Schwester Lea Ackermann. Ihre 80 Lebensjahre merkt man ihr nicht an, wenn sie voller Energie und Kampfgeist über ihr Engagement berichtet, wenn sie erzählt, wie auch und gerade in Deutschland Zwangsprostitution an der Tagesordnung ist, wenn sie von Sextourismus und Menschenhandel erzählt, von traumatisierten Frauen und Kindern. Und von ihrem Engagement gegen das in Deutschland seit 2002 geltende Prostitutionsgesetz, das vorgeblich Prostituierte schützt, aber – laut Ackermann – in erster Linie den Zuhältern und Bordellbesitzern Vorteile verschafft: sie kämpft für ein Gesetz nach schwedischem Vorbild, wo seit dem Jahr 2000 „Sexkauf“ verboten ist. „Unsere Gesetzgebung fördert Prostitution“, so Ackermann, Deutschland gelte als das „Bordell Europas“. In ihren Augen prostituiert sich keine Frau wirklich freiwillig. 

Bildung als Schlüssel 

Nachdem sie die Zustimmung ihres Ordens erhalten hatte, begann Schwester Lea Ackermann 1985 damit, SOLWODI aufzubauen. Sie fing an als „Streetworkerin“, ging auf die Frauen auf der Straße in Mombasa zu. „Ich bin hier für Frauen, die Probleme haben, aber Sie sind jung und hübsch, Sie haben ja keine Probleme!“, habe sie zu den Prostituierten gesagt, erzählt Ackermann. Diese hätten geantwortet: „Meinen Sie, wir hätten keine Probleme? Meinen Sie wirklich, es macht uns Spaß, mit jedem Trottel abzuziehen, sich Krankheiten zu holen, mal Geld zu haben, mal nicht?“ 

Die beste Lösung für dieses Problem – für Schwester Lea Ackermann Bildung und ein qualifizierter Beruf. Also begannen sie und ihre Mitstreiter, die Frauen als Näherinnen, Schuhmacherinnen, Gärtnerinnen, Bäckerinnen, Friseurinnen auszubilden – jede nach ihren Fähigkeiten. Die Frauen sollten ihr eigenes Einkommen haben, nicht mehr dazu gezwungen, sich zu prostituieren. 

Heute gibt es in Kenia 36 Beratungszentren und Ausbildungszentren von SOLWODI. Auch in Ruanda, in Rumänien, in Ungarn, Österreich und Deutschland wirkt SOLWODI. Hier natürlich anders als in Kenia. Doch auch in Deutschland, wo es inzwischen 18 Beratungszentren und neun Schutzhäuser gibt, haben sich vergangenes Jahr 2300 Frauen aus 104 Ländern hilfesuchend an SOLWODI gewandt. Nicht nur Prostituierte, auch Frauen (und Kinder), die Opfer von Gewalt waren. SOLWODI betreut in Deutschland (Zwangs)Prostituierte, oftmals Frauen aus Osteuropa. Darunter sind aber auch immer wieder Flüchtlinge, die von Schleppern zur Prostitution gezwungen wurden. Oder Asylbewerberinnen, die erst hier in Deutschland in die Fänge von Zuhältern geraten sind. 

Mittlerweile gibt es mehrere Unterorganisationen von SOLWADI, unter anderem SOLGIDI – Hilfe für Töchter von Prostituierten, und SOLASA – ein Fußballprojekt, das neben einer Ausbildung der Frauen und Mädchen (Lea Ackermann berichtete in ihrem Vortrag von vielen minderjährigen, teils erst 10-Jährigen Zwangsprostituierten) ein regelmäßiges Fußballtraining vorsieht. Durch den Sport werden die Frauen in ihren Fähigkeiten bestärkt; inzwischen gibt es in Kenia 57 reine Frauenmannschaften. 

Für ihr großes Engagement, für ihren Einsatz für die Rechte von Frauen, wurde Schwester Lea Ackermann mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Bayerischen Verdienstorden und dem Augsburger Friedenspreis. 

SOLWODI finanziert sich in erster Linie durch Spenden. Rund 700 Euro spendeten die Zuhörer beim Vortrag am Dienstag. Wer die Arbeit des Vereines unterstützen will, kann dies bei der Landesbank Saar - Saarbrücken, IBAN: DE84 5905 0000 0020 0099 99, BIC: SALADE55 tun. 

Weitere Informationen zu SOLWODI gibt es unter www.solwodi.de.

eva

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