Seit 20 Jahren bietet die Notfallseelsorge im Dekanat Sonthofen Menschen in akuten Krisen Beistand

Erste Hilfe für die Seele

Notfallseelsorge im Dekanat Sonthofen
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Die Mitarbeiter der Notfallseelsorge (NFS) im Dekanat Sonthofen benötigen auch weiterhin ehrenamtliche Helfer, die sich für die verantwortliche Aufgabe weiterbilden lassen. Die NFS-Systemleiter Pastoralreferent Benno Driendl (hintere Reihe, 2. von links) und der evangelischer Pfarrer Markus Wiesinger (hintere Reihe, rechts) stehen für Nachfragen zur Verfügung.

Immenstadt – Ein großer Tag der Begegnung hätte die Feier anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Notfallseelsorge (NFS) im Dekanat Sonthofen werden sollen. Doch daraus wird wegen der Corona-Pandemie nichts - die Schutzbestimmungen lassen eine solche unbeschwerte und durch enge Kontakte bestimmte Feier nicht zu. Die NFS-Systemleiter, der Pastoralreferent Benno Driendl und sein evangelischer Kollege Pfarrer Markus Wiesinger, möchten das Jubiläum jedoch nicht völlig unbemerkt verstreichen lassen und haben sich zu einem rückblickenden Gespräch über ihre Arbeit in der Notfallseelsorge getroffen.

Ins Leben gerufen wurde die NFS Sonthofen nach dem Zugunglück am 19. Februar 1999 in Immenstadt, bei dem zwei Frauen starben und zahlreiche Reisende zum Teil schwer verletzt wurden, erinnern sich die Theologen. Spontan kümmerten sich neben den Rettungskräften das Klinikseelsorgerehepaar Driendl und andere Seelsorger um die Betroffenen.

Nach diesem Unglück war klar, dass es eine kontinuierliche Bereitschaft für die seelische Unterstützung von Menschen in Notsituationen braucht. Diesem Anliegen schlossen sich Seelsorger und Seelsorgerinnen der evangelischen und katholischen Kirche an. So arbeitet die NFS von Anfang an ökumenisch und erfüllt den Auftrag Christi, Menschen in Not beizustehen, unabhängig von deren Glaubensüberzeugung. Ihr Fundament bildet das christliche Gottes- und Menschenbild. „Notfallseelsorge ist ein zentrales Aufgabengebiet der Kirche und letztlich schon 2 000 Jahre alt, wird jedoch nur wenig von den Menschen wahrgenommen“, stellt Benno Driendl fest.

In rund 80 Prozent ihrer Einsätze würden sie zu Todesfällen im häuslichen Umfeld gerufen, der Rest seien Unfälle im öffentlichen Raum, im Verkehr oder etwa bei der Arbeit. „Hingehen, Dasein, Aushalten“, so lautet der Leitspruch der NFS. Den Mitarbeitern gehe es darum, sich um Menschen zu kümmern, die sehr belastenden Situationen ausgesetzt sind. Sei es, dass diese eine erfolglose Reanimation miterlebt haben, einen tödlichen Verkehrsunfall oder einen Suizid verarbeiten müssen und deshalb Hilfe und Begleitung brauchen.

Trittsteine legen

Seit nunmehr zehn Jahren hat sich im Dekanat Sonthofen die Notfallseelsorge mit dem Bayerischen Roten Kreuz (BRK), der Caritas sowie dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) zu einem gemeinsamen Team zusammengefunden. Es herrsche eine hohe Wertschätzung und gutes Miteinander unter allen Freiwilligen, betonen die beiden Theologen. „Wir erleben Menschen, die sich am existenziellen Punkt zwischen Leben und Tod befinden“, so Driendl. In dieser Situation seien die Betroffenen oft hilflos, ohnmächtig oder aus der Spur geworfen. „Hier schauen wir gemeinsam, wie wir Trittsteine legen können für einen Weg, auf dem die Menschen stehen und leben können“, fährt er fort. Dabei sei es wichtig herauszufinden, „wie die Menschen wieder handlungsfähig werden können“, bemerkt Pfarrer Wiesinger. Die Aufgabe der Helfer sei es in der akuten Lage, bei den Menschen Ressourcen aufzuspüren und diese zu stärken. „Wir können nichts abnehmen, aber wir können dabei unterstützen, den nächsten Schritt zu gehen“, stellen die beiden Theologen klar. Gemeinsam könne nach Hilfen, Personen oder psychosozialen Stellen gesucht werden. Die Aufgabe der Notfallseelsorger sei es darüber hinaus, ein Stück Struktur zu vermitteln – denn das gebe den Hinterbliebenen Sicherheit und nehme ihnen die Angst. Aber auch die Aufklärung der Angehörigen etwa über die nächsten Schritte der Polizei oder Kripo sei zuweilen erforderlich. „Wir fungieren als Vermittler und treten quasi als Anwalt der Betroffenen auf“, beschreibt Driendl. Zuweilen müsse beispielsweise nach vertretbaren Möglichkeiten eines Abschiedsnehmens von dem verstorbenen Menschen gesucht werden. Denn die Zeit zwischen Tod und Beerdigung ist auf eine ganz eigene Art sehr besonders. Es ist die Zeit, den Tod im wahrsten Sinne des Wortes zu „be-greifen“. Sich bewusst zu verabschieden. „Danke“ oder auch „Verzeih mir“ zu sagen. Dies sei hilfreich für einen heilsamen Trauerweg; das hat der Pastoralreferent häufig erlebt.

„Hier wird die Haltung und unser Fundament deutlich“, betonen beide: „Wir fühlen, dass in und hinter unserer Arbeit der Geist Gottes wirkt und wir von ihm getragen werden.“

„Ich bete vor jedem Einsatz“, berichtet Markus Wiesinger. „Das mache ich auch, um nicht selbst in den Abgrund gezogen zu werden“, schildert er und weist auf die Verbindung mit der göttlichen Kraft während seiner verantwortungsvollen Arbeit hin: „In trostlosen, katastrophalen Situationen kommt der biblische Glaube zum Tragen.“ Allerdings, und da sind sich beide sicher, dürften sie nicht mit frommen Sprüchen daherkommen. „Wir drängen nichts auf. Wir bieten allerdings ein religiöses Ritual wie etwa eine Aussegnung an“, schildert er weiter. „Es ist das, was wir in diesem Moment für die Angehörigen und für den Verstorbenen tun können.“

Die Motivation für ihren Dienst, den sie zusätzlich zu ihrer regulären Arbeit leisten, sei theologischen Ursprungs. Denn im christlichen Glauben sei Gott bei den Menschen und gehe in der Not mit ihnen mit, fährt der Pastoralreferent fort. Driendl betont jedoch: „Nach der Akutkrise verabschieden wir uns und verweisen auf andere Angebote der Unterstützung, wie etwa auf die Trauerbegleitung der Diözese Augsburg.“ Dort wird nach der Notfallseelsorge eine länger andauernde Begleitung geleistet.

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