Überraschende Wende bei umstrittenem Liftprojekt

Aus für Skischaukel am Riedberger Horn

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Bei Protestaktionen aber auch Bergmessen im Skigebiet Grasgehren kam der Widerstand gegen die Skilftpläne immer wieder zum Ausdruck.

Die umstrittene Skischaukel am Riedberger Horn wird vorerst nicht gebaut. Dies teilte Ministerpräsident Markus Söder heute in München bei einer Pressekonferenz mit. Stattdessen sollen die Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein zu echten Vorreitern in Bayern im Bereich ökologischer Tourismus werden.

Im Vorfeld der Pressekonferenz hatten in der Bayerischen Staatskanzlei in München Gespräche zwischen Konrad Kienle, Bürgermeister von Balderschwang, dem Obermaiselsteiner Bürgermeister Peter Stehle, Landrat Anton Klotz, dem CSU-Landtagsabgeordneten Eric Beißwenger und Ministerpräsident Markus Söder stattgefunden.

„Zentrum Naturerlebnis Alpin“

Wie Eric Beißwenger in einer Pressemitteilung erläutert, sei gemeinsam ein Tourismus-Konzept erarbeitet worden, das es den beiden betroffenen Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein ermögliche, im ökologischen Tourismus-Bereich zu punkten. Die größte Investition sei für ein „Zentrum Naturerlebnis Alpin“ am Riedberger Horn vorgesehen. Das Leuchtturmprojekt werde als Impulsgeber für einen natur- und klimaverträglichen Tourismus und als Umweltbildungsangebot in enger Kooperation mit dem Naturpark Nagelfluhkette verwirklicht. Spezielle Ranger sollen Einheimischen und Touristen naturgerechten Outdoor-Sport sowie Naturführungen mit dem Schwerpunkt biologische Vielfalt im Alpenraum, darunter auch Vogelbeobachtungen, anbieten. Ein Informationszentrum soll Kooperationen mit Schulen aus Bayern und Österreich möglich machen. Außerdem würden Aus- und Weiterbildungsangebote für Wander- und Naturführer in Abstimmung mit der Hochschule Kempten geschaffen. Insgesamt will der Freistaat in den Bau 15 Millionen Euro investieren, weitere 500 000 Euro pro Jahr für den laufenden Betrieb.

Umweltfreundliche Modernisierung

Weiter heißt es in der Pressemeldung, dass die Staatsregierung der Beliebtheit des „modernen Skisports“ Rechnung tragen will und deshalb der Bundesstützpunkt Ski- und Bordercross mit insgesamt 1,2 Millionen Euro von Bund und Ländern gefördert werden solle. Die bereits in Aussicht gestellte Summe solle beschleunigt an die Gemeinden fließen. Darüber hinaus werde auch die umweltfreundliche Modernisierung der Seilbahnen und Skilifte am Riedberger Horn und in Grasgehren unterstützt, ebenso wie der Ausbau des Langlaufsportes in Balderschwang.

Als weitere Unterstützung eines naturnahen Tourismus sollen Balderschwang und Obermaiselstein Pilotgemeinden für umweltfreundlichen Öffentlichen Nahverkehr werden. So soll eine Wander- und Skibusverbindung durch Busse mit alternativem Antrieb entstehen, die auch mit WLAN ausgestattet ist. Sechs Busse inklusive einer entsprechenden Begleitinfrastruktur würden vom Freistaat Bayern mit 600 000 Euro gefördert.

„Gemeinsam mit den Verantwortlichen vor Ort haben wir in den vergangenen Wochen intensiv besprochen, wie wir den Tourismus in zukunftsfähige Bahnen lenken können. Für die Orte bietet sich jetzt eine einmalige Chance, sich einen echten Standortvorteil zu sichern“, so Eric Beißwenger.

Balderschwang wird „AlpDorf“

Weitere Pläne sehen die Weiterentwicklung Balderschwangs zu einem so genannten „AlpDorf“ vor. Darunter ist ein Premium-Erlebnisort zu verstehen für naturnahen Bergtourismus. In diesem Konzept soll auch die digitale Infrastruktur in der Dorfumgebung Balderschwang und Obermaiselstein mit insgesamt fünf Millionen Euro gefördert werden. Schnelles Internet und ein Ausbau des WLAN-Angebotes stehen hier im Mittelpunkt.

Reaktionen aus der Lokalpolitik

Erleichtert über das „Ende“ des Dauerstreits und zufrieden mit der neuen Situation zeigen sich die Bürgermeister der beiden Gemeinden, sowohl Konrad Kienle (Balderschwang) als auch Peter Stehle (Obermaiselstein). „Mit der neuen Situation können wir sehr gut leben“, unterstreicht Peter Stehle. Hätten die beiden Kommunen an den ursprünglichen Plänen festgehalten, wäre man festgesteckt in Widerständen und langen Gerichtsverfahren. „Das hätte letztlich auch die erforderliche Modernisierung des Skigebietes Grasgehren behindert, so Stehle weiter. Vom Ausmaß der Förderung durch den Freistaat seien er und sein Kollege Kienle selbst überrascht gewesen: „Mit diesem Paket können wir uns in unseren Gemeinden durchaus sehen lassen“, sagte Stehle im Gespräch mit dem Kreisbote. Ein Paket, das den Winter- und Sommertourismus sowohl der beiden Kommunen als auch der Region stärke. Das neue Naturerlebnis-Zentrum werde selbstredend eingebunden in den Naturpark Nagelfluhkette und werde in die gesamte Region bis hinein ins benachbarte Vorarl- berg wirken. „Jetzt gilt es, für die beiden Gemeinden das Beste aus der neuen Situation zu machen“, so Stehle optimistisch. 

„Schlichtweg froh“ ist der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz. Nachdem sich das Vorhaben am Riedberger Horn „aus politischen und emotionalen Gründen“ als nicht umsetzbar erwiesen habe, sei der Schritt in die neue Richtung nur zu begrüßen, erklärte Klotz unmittelbar nach dem Pressegespräch in München. Er halte den jetzt eingeschlagenen Weg für zukunftsweisend und bedeutsam für die touristische Infrastruktur der gesamten Region.

Stimmen aus der Politik

„Das Maßnahmenpaket ist ein wuchtiger Durchbruch für den Natur- und Umweltschutz am Riedberger Horn“, so der bayerische Umweltminister Dr. Marcel Huber (CSU). „Es ist ein klares Signal: Naturverträglicher Öko-Tourismus ist der Weg in die Zukunft. Ich bin erleichtert und froh, dass die Gemeinden dieses Potential nutzen wollen und ihr Augenmerk darauf richten, den Menschen die einzigartige alpine Bergwelt vor Ort auf umweltverträgliche Art näher zu bringen. Die heute präsentierte Lösung sichert die Attraktivität der Region und trägt gleichzeitig dem Wunsch der Bevölkerung Rechnung, Bayerns einmalige Natur zu bewahren.“

Auch die Grünen Landtagsabgeordneten äußern sich zufrieden über die Entscheidung. So sagt Thomas Gehring: „Das ist ein Erfolg für das Allgäu und für alle, die in den letzten Jahren gegen den Liftbau am Riedberger Horn protestiert haben, vor allem der starke Protest vor Ort hat den Ausschlag gegeben.“ Gehring deutet den Sinneswandel des neuen Ministerpräsidenten so: „Söder will jetzt alle schwierigen Themen vor der Wahl abräumen.“ Sein Parteikollege Ulli Leiner erinnert daran, dass bis vor kurzem die CSU-Mehrheit im Landtag noch mit dem Kopf durch die Wand wollte. „Insbesondere die regionalen CSU-Abgeordneten hatten den Liftbetreibern und den Bürgermeistern von Balderschwang und Obermaiselstein gegen jede Vernunft viele Jahre die Hoffnung gemacht, dass die Verbindungsbahn gebaut werden kann.“ Ebenso habe sich Landrat Anton Klotz bei einer Anhörung im Landtag öffentlich für die Skischaukel ausgesprochen. Thomas Gehring bezeichnet es als schweren politischen Fehler, dass der Alpenplan im Vorfeld bereits geändert worden sei, „die negative Wirkung über das Allgäu hinaus ist enorm.“

Auch die SPD-Landtagsabgeordneten Florian von Brunn und Ilona Deckwerth fordern, die Änderung des Alpenplanes rückgängig zu machen. Sie wollen ein grundsätzliches Umdenken von Staatsregierung und CSU in der Alpenpolitik. „Der Ausverkauf der unwiederbringlichen Natur muss gestoppt werden. Was wir brauchen ist eine stärkere Förderung eines naturverträglichen Tourismus im Alpenraum“, erklärt der SPD-Umweltpolitiker von Brunn. Er sieht die Kehrtwende der Staatsregierung bei der umstrittenen Skischaukel am Riedberger Horn als Erfolg. „Wir alle haben viele Monate dafür gekämpft. Aber wenn die Änderung des Alpenplans nicht rückgängig gemacht wird, ist alles nur blanker Populismus von Söder. Dann ist zu befürchten, dass die CSU bald das nächste Projekt aus der Tasche zieht.“ Der Ministerpräsident habe wiederholt gesagt, die bayerischen Alpen seien kein „Heimatmuseum“ und dürften nicht „unter eine Käseglocke“ gesteckt werden. Von Brunn kritisiert, dass die Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein jetzt entschädigt werden sollen: „Es ist nicht nachzuvollziehen, warum die Investoren und Spezln von CSU-Fraktionschef Kreuzer jetzt auch noch eine Entschädigung dafür bekommen sollen, dass sie auf ein rechtswidriges Projekt verzichten, das vor Gericht ohnehin gescheitert wäre.“ Die Allgäuer SPD-Abgeordnete Ilona Deckwerth fordert, dass auch alle anderen Allgäuer Kommunen finanziell besser gestellt werden sollen, die schon längst naturnahen Tourismus praktizieren.

„Hocherfreut“ nehme sie den Sinneswandel am Riedberger Horn zur Kenntnis, sagte auch die Linke Spitzenkandidatin für die Landtagswahl, Eva Bulling-Schröter. „Der Protest von Umweltverbänden und vielen Anwohnern im Allgäu haben zu vorläufiger Vernunft, vielleicht auch Einsicht geführt. Gerade in einer Zeit von Klimawandel und weiterer Umweltzerstörung sollte die bayerische Staatsregierung klug überlegen, wie sie ihren Weg der ‚Modernisierung‘ weitergehen will. Wir erwarten von der Bayerischen Staatsregierung, die Schutzzonen des Alpenplanes künftig zu erweitern und nicht, wie die CSU es bisher gemacht hat, einzuschränken!“

Naturschutzverbände klagen gegen Änderung des Alpenplanes

Positive Töne auch vom Landesbund für Vogelschutz LBV. „Heute ist ein guter Tag für Bayerns Natur“, so der Vorsitzende des LBV Dr. Norbert Schäffer. „Wir begrüßen die Abkehr von der Skischaukel sowie Vorschläge für einen naturverträglichen Tourismus“. Der vorgestellte Plan sei ein beeindruckender Schritt in die richtige Richtung. Schäffer bedauerte jedoch, dass der Baustopp lediglich auf zehn Jahre befristet sei. Auch die Änderung des Alpenplanes sei nach wie vor nicht hinnehmbar. 

Richard Mergner, Vorsitzender des BUND Naturschutz (BN): „Die Natur am Riedberger Horn scheint vorerst vor einer Skischaukel und einer neuen Abfahrtspiste in steilem Rutschgelände verschont zu bleiben. Wir freuen uns, dass Ministerpräsident Markus Söder kurz vor dem Aufprall die Reißleine gezogen hat, egal ob aus Einsicht oder aus Angst vor den Landtagswahlen.“ Der BN fordere jedoch die Rücknahme der Änderung des Alpenplanes, erst dann gebe es Rechtssicherheit. „Die Bayerische Staatsregierung hat die Abstufung der Ruhezone am Riedberger Horn aus politischem Kalkül durchgeboxt“, so Mergner. BN und LBV haben beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof eine Normenkontrollklage gegen die Änderung des Alpenplanes am Riedberger Horn eingereicht. 

„Ein breites Bündnis von Alpin- und Umweltverbänden unterstützt die Klage“, erklärte Erwin Rothgang, der Präsident der Deutschen Vertretung der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA. Auch der Deutsche Alpenverein (DAV) kündigte seine Unterstützung der Klage an. „Von Beginn an hat sich der DAV gegen die Änderung des Alpenplanes und die Erschließung am Riedberger Horn ausgesprochen“, heißt es in einer Pressemeldung. Der DAV werde weiterhin die angekündigten Millionen-Pläne im Allgäu sehr genau beobachten und begleiten. Grundsätzlich sei es sehr erfreulich, wenn der naturnahe Tourismus im bayerischen Alpenraum so massiv gefördert werde. Die Naturschutzverbände würden Ministerpräsident Söder jedoch beim Wort nehmen und darauf drängen, dass auch künftig „Ruhe und Frieden am Riedberger Horn“ herrschen und keine Eventisierung stattfinde.

eva/gts

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