Plakate und Parolen

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Mit diesem Plakataufruf konnten 12,8 Milliarden Reichsmark an Kriegsanleihen gewonnen werden.

Immenstadt – Mit einer Sonderausstellung greift das Museum Hofmühle in Immenstadt das Thema „100 Jahre Erste Weltkrieg“ auf. „Plakate für die Heimat 1914 – 1918“, so das Motto der Ausstellung, ist bis Ende November zu sehen – jeweils Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr.

Leihgaben aus der umfangreichen Plakatsammlung des Schwäbischen Volkskundemuseums erinnern an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Ergänzend dazu werden Fotografien und Dokumente aus dem Stadtarchiv Immenstadt gezeigt, die einen lokalen Eindruck der damaligen Zeit wiedergeben. Ein Themenabend „Schützengraben und Heimatfront – Immenstädter Soldatenschicksale im Ersten Weltkrieg“ am Freitag, 28. November, um 19.30 Uhr, rundet die Veranstaltungsreihe ab.

Sind Plakate heute noch ein zeitgemäßes Medium um Menschen zu erreichen? Wer plakatiert wo, wann und zu welchem Zweck? Auch wenn Litfasssäulen und Plakatwände bis heute im öffentlichen Raum, vor allem in Großstädten präsent sind – quasi als zeitlose Werbe- und Informationsträger zwischen Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet, wird das Plakat in keinem Maße so wahrgenommen wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. War kommerzielle, kulturelle oder politische Werbung bis in die 1920er Jahre, neben den Zeitungen, fast ausschließlich Plakatwerbung, so ist das Plakat gegenwärtig nur noch ein kleiner Teil dieses riesigen Media-Mixes.

Dabei muss das historische Plakat, aufgrund seines in der Vergangenheit hohen medialen Stellenwerts, auch als historische Quelle angesehen werden. Durch das immense semantische und ikonographische Bedeutungspotential und -spektrum liefert es nicht nur Sachinformation und sei es indirekt durch Fehlinformation, sondern schafft einen Spiegel früherer Zeiten. Plakate sprechen durch ihren eigenen zeittypischen Appellationsstil, der die kollektive Stimmungslage, für den heutigen Betrachter (er)fassbar macht. Warum haben die Plakate nach 100 Jahren immer noch so eine Sogwirkung?

Der Beruf des Plakatentwerfers hatte sich schon in den Jahren vor 1914 etabliert, renommierte Größen waren beispielsweise Ludwig Hohlwein in München oder Lucian Bernhard in Berlin. Plakate von hoher künstlerischer Qualität schufen unter anderem auch Julius Gipkens, Louis Oppenheim, Lina von Schauroth, Carlos Tips und Julius Diez. Originale Beispiele von allen genannten Künstlern für Warenwerbung, Sammlungsaufrufe wie Kriegsnagelungen, Mahnungen zum Sparen und zur Zeichnung von Kriegsanleihen verdeutlichen die Bandbreite der damaligen Plakatvielfalt. Die Plakatgestalter bezeugen – durch die unterschiedlichsten Aspekte wie Inhalt, Gestaltung, Aufbau, Symbolik, Farbgebung, Stilmittel und die beabsichtigte Wirkung auf den Adressaten – ihre Herkunft aus der Produktwerbung.

In graphischer Hinsicht ging die Entwicklung des Kultur- und Produktwerbeplakats, später des politischen Plakats, mit dem Aufstieg des Bildplakats einher, das in der Gegenwart der noch populärste Plakattypus ist. Das reine Schriftplakat ist heute eher die Ausnahme und gilt als „Dinosaurier“ unter den Plakaten. Das erste deutsche Kriegsplakat, ein reines Schriftplakat, erschien bereits am 6. August 1914 und verbreitete die Rede des Kaisers Wilhelm II. vom 4. August 1914. Lucian Bernhard, auch als Typograph und Designer sehr erfolgreich, entwarf verschiedene Schrifttypen und schuf eindrückliche Kriegsanleihe-Plakate dank der „Bernhard Fraktur“.

Im November 1916, kurz nach der fünften Anleihe, wurde zur Unterstützung der Werbekampagnen ein Nachrichtenbüro für Kriegsanleihen eingerichtet. Außerdem gaben die Verantwortlichen im Schatzamt und bei der Reichsbank ihren Widerstand gegen Bildmotive auf. Der Münchner Maler Fritz Erler wurde von staatlicher Seite beauftragt, das Plakat zur sechsten Kriegsanleihe im März 1917 zu gestalten. Umrahmt von dem Aufruf „Helft uns siegen! Zeichnet die Kriegsanleihe“ blickt ein Soldat entschlossen über den Betrachter hinweg in die Ferne. Dieser Kämpfer ist mit den charakteristischen Attributen des modernen Krieges ausgestattet: Stacheldraht, Stahlhelm, Handgranate und Gasmaske. Das Ergebnis von 12,8 Milliarden Reichsmark übertraf alle Erwartungen – die Botschaft des Plakates hatte ins Schwarze getroffen: Die „Heimatfront“ war ihrer finanziellen Wehrpflicht nachgekommen! Erlers Soldatenporträt führte „eine neue Ikonographie des Krieges ein“ und wurde laut dem amerikanischen Historiker Jeffrey Verhey zum Vorbild für die nachfolgenden Anleiheaktionen.

Dieses und viele weitere beeindruckende Plakate sind noch bis Sonntag, 30. November, in der Sonderausstellung „Plakate für die Heimat 1914 - 1918“ im Museum Hofmühle Immenstadt zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag jeweils von 14 Uhr bis 17 Uhr.

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