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"Sonthofen ist bunt!"

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Am Oberen Markt sieht man die „typische“ Sonthofer Bauweise, nicht nur bei der „Alten Schule“, die heute Stadtbücherei und Musikschule beherbergt, sondern auch am renovierten Geschäftsgebäude, das die historischen Elemente weitestgehend erhalten hat.

Seit Langem diskutiert der Sonthofer Stadtrat über die Einführung einer Gestaltungssatzung für die Kreisstadt. Da der Erlass einer derartigen Satzung nicht einfach ist, weder von rechtlicher Seite noch in seiner Wirkung, hat der Stadtrat nun einem Baumemorandum für einzelne Straßenzüge zugestimmt.

„Wenn ich mich um die Schönheit in einem Ort kümmern will, muss ich nur die Ordnung erhöhen, die Komplexität kommt von alleine“, erläuterte Prof. Christian Wagner von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur, wo das Baumemorandum ausgearbeitet wurde, in seinen Erläuterungen. Das Memorandum wurde für die Marktstraße sowie Teile der Hoch-, Hindelanger und Promenadestraße ausgearbeitet. 

Ein Ort werde als „schön“ bzw. angenehm empfunden, wenn Ordnung und Komplexität ein ausgewogenes Verhältnis haben. Verschiedene Gebäudegrößen, -farben, -fassaden und -ausrichtung erzeugen eine gewisse Unordnung im Stadtbild. Für das Baumemorandum sollte nun das „Typische“ der Gebäude in Sont­hofen herausgearbeitet werden, damit sich Neu- und Umbauten in der Zukunft daran orientieren können, um ein möglichst homogenes, ordentliches, „schönes“ Stadtbild zu bewahren. 

Die Experten der Hochschule untersuchten hierfür die Merkmale im historischen Bereich des Stadtzentrums. Wichtige historische Bauten sind die Pfarrkirche St. Michael mit Pfarrhaus, die Stadtbücherei sowie die umliegenden Gaststätten, die sich in historischen Gebäuden befinden. Durch ihre Größe, Form und auch Fassadengestaltung haben diese Gebäude einen besonderen Wiedererkennungswert. 

„Es gibt tatsächlich die DNA von Sonthofen“, so Wagner weiter in seinen Ausführungen. Und: "Sonthofen ist bunt". Die älteren Gebäude im Ortskern, zeigen ihre ursprüngliche Nutzweise. Am Beispiel des Heimat­hauses lässt sich so noch die ursprüngliche Bauweise nachvollziehen, ein direkt, giebelseitig an der Straße gelegenes Wohnhaus, die angrenzende Scheune, daneben ein kleines Stück Garten. Diese ursprünglich aus dem Mittelalter stammende Bauweise lässt sich an vielen historischen Gebäuden im Ortskern finden. In den untersuchten Straßenzügen dienen die ursprünglich als Gärten genutzten Zwischenräume heute zumeist als Parkplätze. 

Freiwilligkeit statt Zwang 

Mit Hilfe des Baumemorandums, das einstimmig vom Stadtrat verabschiedet wurde, sollen „Zielsetzungen für die gestalterischen Qualitäten des Zentrumsbereichs aufgezeigt werden“. Es kann als „roter Faden des Bauens in Sonthofen“ bezeichnet werden. Ziel des Memorandums ist es, Eigentümern, Bauherren und Planern im untersuchten Bereich Marktstraße, Hochstraße, Hindelanger- und Promenadenstraße eine Anleitung zu geben, „wie sich die Bedürfnisse der Jetztzeit und der Zukunft mit dem Willen zum Erhalt des Charakters des historischen Kerns in Einklang bringen“. 

Das Baumemorandum ist eine „Empfehlung“ für die Bauherren, mit der an die Vernunft appelliert werden soll, „bitte haltet euch daran!“ Eine Gestaltungssatzung, wie von der CSU-Stadtratsfraktion gefordert, wäre zwar ein juristisches Mittel, das bestimmte Bauweisen vom Bauherrn einfordere. Aber, so Fritz Weidlich vom Baureferat der Stadt Sonthofen, man bräuchte einen Anknüpfungspunkt, nach welchen Aspekten gebaut werden muss. Wie hoch darf gebaut werden, wie muss das Dach aussehen, ...? Doch was sollte dieser Anknüpfungspunkt sein, die Musikschule? Die Jugendstilhäuser beim Krankenhaus? Für Weidlich ist das Baumemorandum die bessere Lösung, weil es die Menschen „mitnimmt“ und ihnen nichts aufzwingt. 

Für den erweiterten Geltungsbereich Hirschstraße, Flurstraße, Johann-Althaus-Platz, Völkstraße und Teile der Grüntenstraße soll die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Chur ein weiteres Baumemorandum erstellen, so der Stadtrat in einem zweiten Beschluss zum Thema. 

Bunt aber einheitlich 

Die Gebäude im Innenstadtbereich sind, so die Ergebnisse der Untersuchung für das erste Baumemorandum, meist in ähnlicher Größe erbaut, mit zwei bis drei Etagen. Die Fassaden in der Innenstadt sind traditionell unterschiedlich farbig gestaltet, vorwiegend in gedeckten Farbtönen. Die Dächer erscheinen in Rot- oder Brauntönen, teils auch als Blechdächer. Die unterste Etage – in vielen Gebäuden ursprünglich oder auch noch heute als Ladenräumlichkeiten genutzt – ist zumeist in einem anderen Farbton gehalten als die oberen Geschosse, die Wohnungen beherbergen. Die meisten Gebäude haben Fenster mit Fensterläden, symmetrisch angeordnet, wobei auch hier im Erdgeschoss größere Fenster vorherrschen als in den oberen Etagen. Auch neuere Bauten zeigen oftmals denselben Fassadenaufbau. 

Das mittelalterliche Straßennetz ist noch heute ersichtlich. Vor allem in der Hochstraße fällt auf, dass sich die Gebäude direkt an der Straße befinden, ohne Abgrenzung oder Vorgarten. Die Häuser sind giebelseitig zur Straße ausgerichtet, sie „schauen sich gegenseitig an“. Die Straßenkreuzungen, ehemals „Marktplätze“ dienen heute als lebendige Aufenthaltsbereiche: am Marktbrunnen oder am Oberen Markt. 

Diskussionen 

Die Vorstellung des Baumemorandums durch Prof. Christian Wagner führte zu längeren Diskussionen im Stadtrat. Für Christian Lanbacher (FW) ist es wichtig, die Ideen des Baumemorandums an die Öffentlichkeit zu bringen, er schlug hierfür eine Veranstaltung vor. Laut Fritz Weidlich ist für das kommende Jahr eine Art öffentlicher Architektenstammtisch geplant, bei dem auch der Gestaltungbeirat mit anwesend sein wird. 

Henning Werth (Grüne) wollte wissen, ob Bäume und Grünflächen auch als ästhetisches Gestaltungselement mit in ein Baumemorandum aufgenommen werden können – „Ja!“, so Prof. Wagner, der dies einen interessanten Ansatz fand. Eine weitere Frage Werths, wie denn hinsichtlich völlig neuer Baugebiete wie der Konversionsflächen verfahren werden kann betrifft, so Prof. Wagner, ein völlig anderes Thema, da müsste ganz neu herangegangen werden. 

Für Josef Zengerle (CSU) geht das Baumemorandum nicht weit genug; er hält nach wie vor an der Idee einer Gestaltungssatzung fest. Stadtbaumeister Jürgen Rauch: Das Baumemorandum gibt der Stadtverwaltung die Möglichkeit, zu überlegen: „Wie könnte man diese große Freiwilligkeit in eine Satzung bringen, die stärker sanktioniert?“ 

Winfried Engeser (SPD) sieht das völlig anders: In seinen Augen „wird man freiwillig sicher mehr bewirken als mit einer starren Gestaltungsordnung.“ 

eva

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