Starkes Allgäu

1949 muss schon ein besonderes Jahr gewesen sein. Die Bundesrepublik wurde aus der Taufe gehoben, das Grundgesetzt verfasst, in Ingolstadt erblickte ein Bub namens Horst Lorenz Seehofer das Licht der Welt und in Kempten fand erstmals die Allgäuer Festwoche statt. Zwei der Geburtstagskinder trafen nun am Freitag genau 60 Jahre später unmittelbar aufeinander – der Bub, der heute Ministerpräsident ist, und die Festwoche, die sich von einer kleinen lokalen Schau zu einer der größten Verbrauchermessen in Süddeutschland gemausert hat. Dabei profitierten beide voneinander.

Womit die Geschichte von Horst Seehofer beginnt, ist nicht überliefert. Die der Allgäuer Festwoche jedenfalls beginnt mit 21 dürren Zeilen, verfasst als Aktenvermerk vom damaligen OB Volkhardt am 18. November 1948. Die Allgäuer Festwoche war geboren. Und das sie immer noch lebt, davon konnten sich die zahllosen Eröffnungsgäste am Freitagmittag im Kornhaus selbst eindrucksvoll überzeugen. Gut eine halbe Stunde lang ließ OB Dr. Ulrich Netzer die Geschichte der Festwoche Revue passieren, unterstützt durch eine aufwändige Bilderpräsentation, die an alte Werbeplakate, Ehrengäste oder andere herausragende Ereignisse in der langen Geschichte der Messe erinnerte. „Die Allgäuer Festwoche bleibt die Allgäuer Festwoche, weil die Allgäuer Festwoche nicht die Allgäuer Festwoche bleibt“, machte Netzer dazu seine eigene Logik auf. Was das Stadtoberhaupt meinte: „Auf dem Guten sich weiter entwickeln, das ist das Geheimnis des Erfolgs seit 60 Jahren“, so Netzer. Durch die fortwährende Aktualität der Themen, die die Festwoche als Landwirtschaftsmesse besetzt und aufgreift, fiel es Netzer leicht, den Bogen zur Gegenwart zu spannen. Vor allem der Verfall des Milchpreises sei derzeit das Thema im Allgäu. „Wir brauchen existenzfähige Höfe, sie gehören unabdingbar zu unserer Allgäuer Kulturlandschaft“, appellierte Netzer. Das Allgäu selbst bezeichnete das Kemptener Stadtoberhaupt als „größter Wirtschaftsraum in Schwaben“. „Wir sind heute mehr als Kühe, Milch und Käse, schöne Landschaften und Urlaub“, sagte er. Rund 44 Prozent der Wirtschaftsstruktur bestehe aus produzierendem Gewerbe – umso schlimmer treffe die Wirtschaftskrise die Region. „Über den jetzigen Konjunkturabschwung hinaus wird für unsere Region die Herausforderung sein, wie wir uns in den kommenden Jahren als eigenständiger Wirtschaftsraum zwischen München und Stuttgart behaupten“, erklärte er. Dringend erforderlich sei deshalb der vierspurige Ausbau der B12 zwischen Buchloe und Kaufbeuren und die Elektrifizierung der Bahnstrecke Kaufbeuren-Kempten-Immenstadt-Lindau. "Starkes Stück Bayern" Ministerpräsident Seehofer bekannte sich in seiner Eröffnungsrede klar zur sozialen Marktwirtschaft. „Die soziale Marktwirtschaft ist nicht gescheitert“, sagte er in Anspielung auf die Wirtschaftskrise. „Also brauchen wir keine neue Gesellschaftsordnung.“ Schließlich sei Deutschland „mit dieser Marktwirtschaft aus dem größten Trümmerfeld der Geschichte geklettert.“ Rückgrat der sozialen Marktwirtschaft sei der Mittelstand, der vor allem im Allgäu stark vertreten sei, so Seehofer. „Dreiviertel der bayerischen Arbeitnehmer arbeitet in kleinen und mittelständischen Unternehmen“, so der Gast aus München. „Und wenn das Denken des Mittelstandes überall gegolten hätte, hätte es keine Wirtschaftskrise gegeben“, polterte er. In diesem Zusammenhang sprach sich Seehofer auch klar für das Eigentum des Einzelnen aus – weshalb die Reform der Erbschaftssteuer dringend reformiert gehöre. „Denn die ist zum Teil Krisen verschärfend“, so Seehofer. Nach der Bundestagswahl wolle der Freistaat dort auf alle Fälle ansetzen. Weiter sprach sich Seehofer für eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Hotels und Gastronomie von 19 auf sieben Prozent aus und forderte insgesamt „mehr Netto vom Brutto“. „Steuern- und Abgabensenkungen sind der Garant für Wachstum“, betonte der Ministerpräsident. Eine klare Absage erteilte der bayerische Regierungschef hingegen der industriellen Landwirtschaft. „Bayern und seine Bauern gehören zusammen“, sagte er. „Wir wollen eine bäuerliche und keine industrielle Landwirtschaft“, so Seehofer weiter. Die Agrarpolitik der EU bezeichnete er als „völlig verpfuscht“. Auch des Allgäus und der dazugehörigen Festwoche nahm sich der Ministerpräsident in seiner Festansprache an. „Die Allgäuer Festwoche ist Impulsgeber des Allgäus und Leistungsschau einer ganzen Region“, frohlockte er. Überhaupt sei das Allgäu „ein starkes Stück Bayern.“ „Wen der Herrgott liebt, den lässt er im Allgäu leben“, sagte er.

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