Steiler Weg für starke Pferde

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JOSEF GUTSMIEDL, Hinterstein – Wenn Stefan Bertele am frühen Vormittag seine Pferde sattelt, hat das mit Freizeitvergnügen wenig zu tun. Und dennoch ist es für den 46-jährigen Oberallgäuer der „Traumjob“. Vier oder fünf Mal pro Woche ist er mit drei Haflingerpferden auf dem Weg ins Tal, um die Willersalpe mit „allem Nötigen“ zu versorgen. Einen Fahrweg zu der auf 1456 Meter hoch gelegenen Sennalpe gibt es nicht, nur einen schmalen und steilen Bergpfad. Schon allein dadurch sei die Willersalp etwas Besonderes, findet Stefan. „Schau mal, da kommen Pferde!“ Bergwanderer auf dem steilen Pfad hinauf zur Willersalp kommen aus dem Staunen nichts mehr heraus. Nicht nur, dass da eine kleine Karawane von drei Haflingerpferden bergwärts marschiert – die Tiere sind auch noch schwer bepackt. Die erste Stute schleppt drei Fässchen Bier auf dem Tragsattel; ihre „Kolleginnen“ folgen, beladen mit Gasflaschen, Benzinkanistern oder einen großen Packkorb. Wenn auf der Willersalp das Brot ausgeht, oder die Hartwurst und die Nudeln, dann ist das nicht „im Handumdrehen“ zu ändern. Ein gut zweistündiger Fußmarsch liegen zwischen dem nächsten Lebensmittelladen in Hinterstein und der Berghütte. Schnell mal Zigaretten holen ist also nicht drin, gibt Raucher Stefan zu. Die Versorgungsgänge müssen organisiert sein; immerhin gehe für einen Tal- und Bergmarsch alles in allem ein halber Tag „drauf“, berichtet Stefan Bertele von seinem Hauptjob auf der Sennalpe. Zusammen mit seinen beiden Brüdern Markus und Christian und den Familienangehörigen bewirtschaftet Stefan die Sennalpe im Kessel unterhalb des Gaißhorn in den Allgäuer Hochalpen. Die Milch der 26 Kühe wird täglich zu Bergkäse verarbeitet. Bergwanderer können eine kleine Brotzeit bekommen; sogar 30 Schlafplätze gibt es. „Arbeit haben wir hier immer“, beschreibt Stefan Bertele knapp das „Programm“, das nur dem Laien romantisch und idyllisch erscheint. Jeder hat seinen Aufgabenbereich in dem eingespielten Team, aber jeder muss genauso gut überall einspringen können. Der Tag beginnt oft schon um 5 oder 6 Uhr in der Früh und endet erst abends um acht, manchmal auch später. Zu Stefans Bereich gehört unter anderem der „Nachschub“. Und das geschieht mit Tragtieren. Romantisch? Einen Fahrweg zur Alpe in 1456 Metern Höhe gibt es bislang nicht. „Die einzige Alternative wäre ein Hubschraubereinsatz“, erklärt der 46-Jährige, während er die drei Haflinger-Stuten nach dem 45 Minuten dauernden Marsch ins Tal auf dem „Parkplatz“ vor der Materialhütte mit einer Portion Quetschhafer versorgt. Das sei nicht nur eine Kostenfrage, betont er weiter. „Mit den Tragtieren sind wir flexibler. Hubschraubereinsätze müssen frühzeitig geplant werden, sind stark vom Wetter abhängig. „Wenn gerade mal das Brot ausgeht, muss ich halt mit zwei oder drei Tieren hinab marschieren, das ist alles.“ Und gern macht er diesen „Ferienjob“ auch noch! Es ist schon ein paar Jahre her, als er im Himalaya sehen konnte wie Dörfer durch Yaks als Tragtiere versorgt werden. Das habe ihm gefallen, erinnert er sich. Damals träumte er davon, so etwas hier in seiner Heimat auch zu machen. „Das ist meine Lieblingsbeschäftigung“, bringt er den Traum von seinem Traumjob auf den Punkt. Was Bergwanderern der Schweiß in Strömen über die Gesichter fließen lässt, macht den drei Haflingern nicht viel aus. Bepackt mit 30-Liter-Fässern, Körben oder vollen Taschen marschiert das Trio mit Stefan Bertele den steilen Pfad durch den Bergwald hinauf. „Die drei vollen Fässer und der Tragsattel wiegen sicher rund drei Zentner“, schätzt Bertele die Last, die „Wenga“ seelenruhig über den felsigen Weg gut 350 Höhenmeter nach oben trägt. Nach jahrelangem Training und mit reichlich Erfahrung kennen die drei „Damen“ jeden Stein und gehen den Weg wie von selbst. Sogar eine kurze Furt durch den Wildbach meistern Kirra, Melli und Wenga ohne mit der Wimper zu zucken. Im Gänsemarsch geht die kleine Kolonne den Weg in engen Serpentinen hinauf, begleitet vom Gebimmel der kleinen Messingglocke, die jedes Tier um den Hals trägt. or allem aufwärts legen die Haflinger ein flottes Tempo vor bei ihrem knapp vier Kilometer langen Bergmarsch. „Je schwerer die Last, um so eiliger haben sie’s“, weiß Bertele. „An der Hütte wird abgesattelt. Das wissen die drei längst.“ Alle sechs Wochen werden die Pferde neu beschlagen. Ohne Eisen geht in diesem Gelände nichts. Im Herbst gibt es besonders viel zu tun. Dann müssen Vorräte und Material eingelagert werden für den Winter und das nächste Frühjahr. „Im April oder Mai liegt oft noch Schnee. Dann kann ich mit den Pferden nicht gehen“, sagt Stefan Bertele. Und natürlich muss vor dem Wintereinbruch eine Menge Zeug wieder ins Tal geschafft werden. Ab und zu zieht er mit einem der Haflinger auch ein paar Baumstämme zur Alpe, Brennholz für den Winter. Die Willersalp ist von Mai bis Ende Oktober bewirtschaftet, im Winter an den Wochenenden und während der Ferien geöffnet, wenn ein paar Skitourengänger die Hütte ansteuern. Im Winter stehen die drei Stuten auf dem kleinen Hof bei Kempten, bevor im Frühjahr das Training für den „Ferienjob“ beginnt. Nach ein paar Wochen, sind Bertele und seine vierbeinigen Helfer jedenfalls fit. Auch wenn ihnen an heißen Sommertagen nach der Bergsteigerei der Schweiß aus dem Fell tropft. Nach dem Absatteln geht es erst mal ein Weilchen auf die Bergweide.

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