Kraftwerk Älpele: Meinungs-Welten treffen aufeinander

Eisenbreche: "Wenn die Axt am Baum ist..."

+
Das Herzstück der Klamm ist von der Talstraße ebensowenig einsehbar wie das geplante Kraftwerk oder der Fassungsbau.

Hinterstein - Im vergangenen Dezember hatten einen handvoll Bürgerinnen und Bürger aus Hinterstein dem Oberallgäuer Landrat Anton Klotz ihre Aufwartung gemacht und die Unterschriften von 75 Talbewohnern übergeben, die sich damit gegen die Kraftwerkspläne an der Eisenbreche aussprachen.

In wenigen Wochen soll eine Entscheidung fallen, ob das Projekt im Hintersteiner Tal weiter verfolgt werden kann. Viele Hintersteiner können sich nicht vorstellen, dass Behörden sämtliche bestehenden Schutzprädikate für das Gebiet aushebeln, um den Weg für das Wasserkraftwerk zu ebnen. Und: Das umstrittene Projekt würde die laufende Bewerbung um das Prädikat „Bergsteigerdorf“ quasi an die Wand fahren.

„Es sind längst nicht alle Hintersteiner für das Kraftwerksprojekt an der Eisenbreche!“ betont Herbert Wechs. Er hatte im vergangenen Herbst die Diskussion im Oberallgäuer Kreistag über die Planungen verfolgt und ist bis heute enttäuscht, mit welcher Lässigkeit einige Kommunalpolitiker die Schutzverordnungen, die für das Hintersteiner Tal gelten, abgetan hätten. Vor diesem Hintergrund waren Wechs und mehrere Mitstreiter aktiv geworden und hatten im Tal Unterschriften gesammelt. Man habe nicht lange betteln müsssen, erinnert sich Herbert Wechs und ergänzt: „Wenn die Axt am Baum ist, sind wir da...!“

Die Hintersteiner wüssten sehr wohl, „was dem Dorf und dem Tal nicht gut tut“, fährt Herbert Wechs fort. Ihn und seine Freunde und Nachbarn treibe die Sorge um, dass mit dem Bau des neuen Wasserkraftwerkes das „Juwel“ Hintersteiner Tal drastisch verändert und in seiner Schönheit zerstört würde. Das sei keine kleine Baumaßnahme. Während die Planer behaupteten in einem Jahr sei alles vorbei und man sehe später ohnehin so gut wie nichts von der Anlage, sprechen Wechs und seine Freunde von rund dreijährigen Bauarbeiten mit massivem Schwerlastverkehr durch das Tal. Auch der Stollenbau sei kein Kinderspiel in dem geologisch sehr sensiblen Gelände der Eisenbreche. Eine Einspeisung des erzeugten Stroms ins Netz sei an der Eisenbreche nicht möglich, geben die Kritiker weiter zu bedenken: es drohe ein Freileitungsbau im Tal.

„Das vertreibt doch genau die Touristen, die unser Dorf so dringend braucht“, betont Luise Wechs und lenkt den Blick auf die laufende Bewerbung für das Prädikat „Bergsteigerdorf“. Dass Hinterstein dann noch den Zuschlag erhalte, könne sich hier keiner vorstellen.

Warum sich die Planungsgesellschaft ausgerechnet auf das Gelände des Naturdenkmals Eisenbreche einschieße, können die Gegner des Projektes nicht nachvollziehen. „Das ist doch der Tabernakel des ganzen Gebietes“, unterstreicht Hugo Anwander die Bedeutung das Areals. Wenn die Marktgemeinde sich schon dem Ziel einer 100-prozentigen Energie- Eigenversorgung verschrieben habe, müsse man auch andere Lösungen ins Auge fasssen. „Oder erst einmal die bestehende Anlagen modernisieren!“ Und ob sich das neue Wasserkraftwerk tatsächlich rentiere wenn es gerade einmal fünf oder sechs Monate im Jahr betrieben werden könne, bezweifeln die Projektgegner ohnehin.

„Uns geht es um Hinterstein“, stellt Herbert Wechs fest. „Wir lassen uns nicht später vorwerfen, nichts unternommen zu haben!“ Zudem wende sich der Protest gegen den Bau eines neuen Wasserkraftwerkes nicht gegen ein Einzelinteresse, sondern gegen ein „Renditeobjekt“ einer Gesellschaft. Für die Mehrheit der Talbewohner erkenne er, Wechs, keine Vorteile.

Werde der Kraftwerksplan tatsächlich vom Landratsamt Oberallgäu genehmigt – trotz aller Schutztitel wie Naturdenkmal, Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen und Europäisches FFH-Gebiet – würde das viele weitere Projekte ebenfalls genehmigungsfähig machen, befürchten die Hintersteiner. Und Kreisrat Thomas Frey (Die Grünen) meinte in der Kreistagsdebatte: Eine Genehmigung bedeute die „Totalaufgabe jeglicher Naturschutzgesetze“ und öffne die Tür für weitere Projekte in geschützten Gebieten.

"Nichts Sachliches"

Ganz anders beurteilen die Verantwortlichen der Planungsgesellschaft Kraftwerk Älpele das Vorhaben. Die Bedenken und Einwände der Projektgegener entbehrten jeder sachlichen Grundlage. Geschäftsführer Dr. Jochen Damm nimmt die „Problempunkte“, die die Sammler der Unterschriften als Basis ihrer Argumentaion anführten, auseinnander. Das Planungsverfahren sei entsprechend anerkannter Verfahren und fachlich begleitet von den vorgeschriebenen unabhängigen Stellungnahmen durchgeführt worden. Auch die Pegelmessung für die Restwassermenge sei „absolut üblich und korrekt“. Ein öffentliches Interesse an dem Projekt sei „sehr wohl gegeben“, betont Damm und verweist auf die doch stattliche Stromerzeugung. Keinesfalls stünden die Turbinen mehr als sechs Monate pro Jahr still; vielmehr je nach Wasserführung höchsten drei Monate.

Die angeblich „dreijährige Bauzeit“, während der das gesamte Tal belastet würde, lässt Damm nicht stehen. Zwei Sommerhalbjahre werde es dauern – „Erdbewegungen finden nur in den ersten Monaten statt“. Der Aushub müsse auch nicht wie befürchtet aus dem Tal gefahren werden. Vom Bild einer „riesigen Baustelle“ wie sie die Projektgegner zeichneten, könne generell keine Rede sein; ebensowenig von einer noch ungelösten Leitungsfrage für die Stromeinspeisung. Die ökologischen Auswirkungen der erforderlichen Wasserentnahme würden durch die Gutachten als „gering“ beurteilt.

Damms Geschäftsführerkollege, Engelbert Wille meint: „Den Unterschied vor und nach der Wasserentnahme kann ein Laie nicht einmal erkennen.“ Wille bringt seine Einschätzung des Projektes auf den Punkt und ist überzeugt: „In ein paar Jahren sieht man von der ganzen Geschichte gar nichts mehr...“

Derselben Meinung ist Josef Agerer, Landwirt und Vorsitzender des Vereins „Hindelang – Natur und Kultur“. In einem Brief an Landrat Anton Klotz weist er darauf hin , dass „Bürger aus der Gemeinde die Energiewende umsetzen wollen“ mit dem Kraftwerksbau. Die Zahl der Befürworter sei „wesentlich größer“ als die Diskussion erahnen lasse.

Josef Gutsmiedl

Meistgelesen

Bockbierfest in Oberstdorf
Bockbierfest in Oberstdorf
Kreisjagdverband: Kein Kuhhandel am Riedberger Horn
Kreisjagdverband: Kein Kuhhandel am Riedberger Horn
Babyglück im Allgäu
Babyglück im Allgäu
In Oberstdorf wird Wasser zu Bier
In Oberstdorf wird Wasser zu Bier

Kommentare