»Jede Geburt eine Wundertüte«

Tag der Hebammen: Oberallgäuer Hebammen setzen ein Zeichen

Ingrid Notz, Kreissprecherin Kempten/Oberallgäu des Bayerischen Hebammen Landesverbands
+
2015: Hebammen marschieren in der Kemptener Innenstadt für flächendeckende Versorgung und Wahlfreiheit der Frauen für die Geburt. An der Spitze: Ingrid Notz, Kreissprecherin Kempten/Oberallgäu des Bayerischen Hebammen Landesverbands
  • vonLena Fuhrmann
    schließen

Oberallgäu – Hebammen sind Mangelware, dabei gibt es eigentlich genügend ausgebildete Kräfte. Woher der Schwund kommt und warum Corona die Lage noch verschlimmert, wissen die Hebammen nur zu gut. Am Internationalen Tag der Hebammen, dem 5. Mai, wollen daher auch die Oberallgäuer Hebammen wieder auf die Wichtigkeit der ihrer Arbeit aufmerksam machen.

„Jede Geburt ist eine Wundertüte“, sagt Ingrid Notz, Kreissprecherin für Kempten und Oberallgäu im Bayerischen Hebammen-Landesverband, und meint damit auch, dass „immer etwas sein kann“. Für den Fall der Fälle müssen Hebammen eine Haftpflichtversicherung abschließen. Und genau die ist schon die erste Hürde. „Die Beiträge steigen jedes Jahr um 10 Prozent“, so Notz, gleichzeitig habe die Klagebereitschaft stark zugenommen.

Hohe Klagebereitschaft: Mit einem Bein schon im Gefängnis

Erleidet ein Kind bei der Geburt Schäden, wird schnell nach einem Schuldigen gesucht. Die Hebammen seien dann oft „das letzte Glied in der Reihe“. Weniger die Eltern, als vielmehr die Krankenkassen sind es, die Klage einreichen. Denn die medizinische Versorgung für den beeinträchtigten Menschen kostet die Kassen viel Geld. In der Hebammenschule habe es geheißen: „Seid euch bewusst: ihr steht mit einem Bein im Gefängnis“, berichtet Dorothea Einsiedler. Die 27-jährige Beleghebamme an der Klinik in Immenstadt ist seit fünf Jahren tätig. Ein Zeitraum nach dem laut Statistik nur mehr 50 Prozent der Hebammen ihren Beruf ausüben. Der Grund ist nicht nur das hohe Berufsrisiko.

80 Prozent der Hebammen in Bayern sind selbstständig. Abgerechnet werden die erbrachten Leistungen nach vorgegebenen Gebühren über die Krankenkasse. Wie bei den meisten Solo-Selbstständigen fällt also neben der eigentlichen Arbeit auch noch einiges an Administration an. Gleichzeitig reduzieren sich die Ausgaben nicht bei Reduzierung der Arbeitszeit. „Die Höhe der Haftpflichtversicherung bleibt immer gleich, egal ob die Hebamme Vollzeit oder Teilzeit arbeitet“, erklärt Ingrid Notz. Zudem sei der Beruf ein Frauenberuf – in ganz Deutschland gibt es momentan fünf männliche Hebammen – und die Fluktuation auch mit der Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie zu erklären.

Hebammenalltag: Die Work-Life-Balance schwankt

Hebammen betreuen eine Schwangere vor, während und nach der Geburt. Ist das „Davor“ und „Danach“ noch einigermaßen planbar, kann der Zeitpunkt einer Geburt nie vorausgesehen werden. Zu jeder Tages-und Nachtzeit kann es losgehen. „Man muss vermitteln, dass eine Hebamme nicht 24 Stunden erreichbar sein kann“, so Notz. Die Schwangeren seien durch das Internet heutzutage häufig sogar ängstlicher als früher. Hebammen betrieben nun weniger „Aufklärung“, als viel mehr „Richtigstellen.“ Oft hänge an einer schwangeren Frau noch eine ganze WhatsApp-Gruppe mit Fragen mit dran. „Das ist ziemlich energieraubend“, gibt die Mitbegründerin des Geburtshauses „Erdenlicht“ in Kempten zu.

Gründeten Hebammen ihre eigene Familie und würden selbst Mutter stiegen sie häufig aus dem Beruf aus und kehrten nicht mehr zurück. „Viele Hebammen trauen sich nicht zurück in den Beruf“, weiß Notz, die selber Mutter einer Tochter ist, „mit Familie und Kindern sind sie nicht mehr so risikobereit“. Geschlossene Kitas und Homeschooling machten vielen Hebammen momentan die Rückkehr in ihren Beruf doppelt schwer.

Doch auch für die Schwangeren ist die Corona-Pandemie eine Belastung: Es herrsche große Verunsicherung bei den werdenden Eltern. „Viele Frauen haben Angst sich in der Schwangerschaft mit Corona anzustecken“, beobachtet Dorothea Einsiedler bei ihrer Arbeit. Dann kämen Fragen, wie: „Was passiert, wenn ich positiv bin“, „muss ich ohne Partner in den Kreißsaal, „darf mein Mann bei der Geburt dabei sein.“

Corona-Krise: Politik vergaß auf Hebammen

„Zu Beginn der Corona-Krise hat man uns im Gesundheitswesen gar nicht wahrgenommen“, erinnert sich Notz. Der Bayerische Hebammen Landesverband hätte immer wieder beim Ministerium „angeklopft“: „es musste erstmal in die Köpfe der Politiker rein, dass wir medizinisches Personal sind.“ Was vorher von den Krankenkassen aus rechtlichen Gründen strikt untersagt gewesen war – nämlich das Angebot von Online-Kursen – ist jetzt möglich.

„Auf ein Minimum reduzieren“, sollen die Hebammen momentan ihre Hausbesuche. Was eine fehlende Betreuung durch eine Hebamme verursachen kann, zeigt sich in den Wartezimmern der Kinderärzte. Mütter ohne Nachsorge-Hebamme würden aus Verunsicherung schneller einmal mit den Säuglingen zum Arzt gehen als es notwendig wäre.

Gerade bei Problemen mit dem Stillen könnten Kinderärzte aber oft nicht weiterhelfen, berichten Einsiedler und Notz. Mit den Frauen- und Kinderärztinnen und -ärzten gäbe es daher eine gute Zusammenarbeit und ein gegenseitiges Schätzen. Man werde ernst genommen und die Kooperation funktioniere gut.

Umstellung der Ausbildung: Hebammen müssen den Bachelor machen

Seit Januar 2020 gilt: Wer Hebamme werden möchte, muss ein Bachelorstudium absolvieren. In der Übergangsfrist kann bis Ende 2022 die Ausbildung auch noch an den Hebammenschulen begonnen werden. Durch die Umstellung auf ein Duales Studium, wird dann Abitur oder Fachabitur Voraussetzung.

Ob dies dem Hebammenmangel dienlich ist, wird sich erst zeigen. „Ein bisschen Angst hab ich schon, dass Gute verloren gehen“, gibt Ingrid Notz zu. Dorothea Einsiedler ist weniger beunruhigt: „Die meisten haben jetzt auch schon das Abitur oder eine Berufsausbildung.“ Denn auch mit einer 10-jährigen Schulbildung, einem Berufsabschluss und Berufserfahrung kann das Studium begonnen werden. Für Ingrid Notz, die als gelernte Krankenschwester selbst Hebamme als Zweitberuf erlernt hat, ist der spätere Berufseinstieg kein Nachteil: „Der Beruf erfordert auch eine gewisse Reife.“

Mit Hebammensuche nicht bis nach der 12. Schwangerschaftswoche warten

Um auf die Wichtigkeit der Arbeit der Hebammen aufmerksam zu machen, gehen die Oberallgäuer Hebammen jedes Jahr am 5. Mai mit einer Aktion auf die Straße. Heuer wird Präsenz durch große gelbe Buttons in den Autos der Hebammen und ihrer Unterstützer gezeigt. Die wichtigste Botschaft: Bei positiven Schwangerschaftstest sofort eine Hebamme suchen, nicht nur, weil sie auch bei einer Fehlgeburt zur Seite steht, sondern vor allem, weil es nach dem ersten Trimester schlichtweg schon zu spät sein kann, noch eine Hebamme mit freien Kapazitäten zu finden. Dabei die vielen Flyer in den gynäkologischen Praxen beachten oder auf „Mund-Propaganda“ vertrauen.

Da es zeitlich für die meisten Hebammen nicht möglich ist, eine eigene Webseite zu betreuen, haben sie sich auf www.allgaeuer-hebammen.de zusammengeschlossen, um die Suche zu erleichtern. Über die E-Mail Adresse hebammennetzwerk@ke-oa.de oder telefonisch unter 0173/5649365 ist die Kontaktaufnahme möglich.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Inzidenz unter 100: Lockerungen in Bayern
Inzidenz unter 100: Lockerungen in Bayern
Corona News Oberallgäu: Aktuelle Inzidenz und Meldungen
Corona News Oberallgäu: Aktuelle Inzidenz und Meldungen
Bundes-Notbremse: Diese Corona-Regeln gelten in Bayern
Bundes-Notbremse: Diese Corona-Regeln gelten in Bayern
Corona "Drive-In" in Sonthofen und Kempten öffnen wieder
Corona "Drive-In" in Sonthofen und Kempten öffnen wieder

Kommentare