Der Hirsch als Sündenbock?

+
„Die Jäger geben nicht den Sündenbock ab“, betonte Erbgraf Erich von Waldburg-Zeil (Mitte); links Heinrich Schwarz vom Kreisjagdverband und rechts Jürgen Wälder, Geschäftsführer der Hochwild-Hegegemeinschaft Sonthofen.

Oberallgäu - Die Jäger im Oberallgäu wollen nicht den Prügelknaben abgeben. Was derzeit an Aktionismus bei der Bekämpfung der Rinder-Tuberkulose im Landkreis ablaufe, ziele ausschließlich auf eine drastische Reduzierung des Rotwildbestandes ab. 

Stichhaltige wissenschaftliche Beweise, dass die jüngste Ausbreitung der Krankheit überhaupt mit Wildtieren, vor allem Hirschen, zu tun habe, fehlten bislang völlig. Die Jäger hätten ihre Hausaufgaben mit der Abschusserfüllung gemacht. Eine weitere Erhöung bringe nichts. 

„Die Jäger werden nicht den Sündenbock für anderweitige Versäumnisse abgeben“, betonte der Vorsitzende der Hochwild-Hegegemeinschaft Sonthofen, Erbgraf Erich zu Waldburg-Zeil. Er stelle fest, dass Behörden und Politik die Sachlage der TBC-Problematik offenbar vorschnell mit der Jagd und dem Rotwild in Verbindung brächten. In den Medien würde sich diese Dar- stellung fortsetzen. Der Verdacht, dass Rotwild den Erreger der Rindertuberkulose auf Rinder übertrage, sei einseitig. „In der Praxis sind beide Wege gleichermaßen möglich.“ Die Hochwild-Hegegemeinschaft warnt davor, „die TBC-Problematik fahrlässig auf eine Forderung nach drastisch erhöhten Rotwild-Abschüssen zu reduzieren“. Diese Sichtweise lenke von der Tatsache ab, dass die Übertragungswege der Krankheit weitgehend unerforscht seien. Wirksame Abwehr sei aber nur möglich, wenn „alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden“. 

Bei den Landwirten, deren Sorge ums Vieh man sehr wohl verstehe, erkennt Waldburg-Zeil inzwischen eine Versachlichung der Debatte. Eine einseitige Strategie, die auf Vermutungen baue, so Waldburg-Zeil weiter, werde man nicht hinnehmen. Die bislang vorliegenden Ergebnisse aus dem mehrjährigen Rotwild-Monitoring reichten nicht aus, um daraus „sinnvolle Handlungsempfehlungen“ abzuleiten, stellt die Spitze der Hochwild-Hegegemeinschaft Sonthofen fest. Das gelte auch für den Plan der Unteren Jagdbehörde, den Rotwildabschuss pauschal um 50 Prozent zu erhöhen. Jürgen Wälder, Geschäftsführer der Hochwild-Hegegemeinschaft: „Die Erhöhung ist weder notwendig noch angebracht und nicht zielführend!“ Die HHG habe sich „vorbildlich in Transparenz und Offenheit“ gezeigt und „immer unbequemen Wahrheiten gestellt“. Waldburg-Zeil räumt allerdings ein, dass mit den Hegeringen Rohrmoos und Oberstdorf zwei Brennpunkte „gesondert betrachtet“ werden müssten. Hier müsse man „aus der Vernunft heraus“ handeln und Schwerpunkte setzen. Ständig auf dem Rotwild rumzuhacken, sei nicht nachvollziehbar. 

Die Jäger weisen darauf hin, dass zum einen die Übertragungswege des TBC-Erregers nicht geklärt seien. Zudem seien bei 800 untersuchten Hirschen gerade mal bei 19 Stück TBC-Erreger festgestellt worden. Bei solchen Zahlen sei es unhaltbar, von einer flächigen Verbreitung der TBC in den Rotwildbeständen zu reden. „Für diesen freiwilligen Einsatz bekommen die Jäger weder Lob noch Anerkennung“, so der Erbgraf. Während die Jäger sich seit geraumer Zeit bemühten, „durch intensive Beprobung beim Rotwild“ zur Klärung beizutragen, sei „nicht sehr viel passiert“ was die Untersuchungen beim Rind angehe, kritisiert Waldburg-Zeil weiter. Die derzeitigen Rotwildbestände im Oberallgäu halten weder Waldburg-Zeil noch Wälder für zu groß. Beim Rehwild liege man seit langem über dem Soll und beim Rotwild habe man heuer die Quote deutlich übertroffen. Mit einer Dichte von zwei bis vier Hirschen pro 100 Hektar Jagdfläche liege das südliche Oberallgäu deutlich unter dem Wert benachbarter Reviere im Tiroler Lechtal. Unterm Strich, so die Rechnung von Geschäftsführer Jürgen Wälder, habe man den Zuwachs um mindestens 350 Stück überschossen und den Gesamtbestand unter 2800 Stück gedrückt. Gegen alle Mutmaßungen wehrt sich Erbgraf Erich zu Waldburg-Zeil. 

Es gehe nicht um die Frage, welche Tierart wo und wie eine andere anstecken könne, sondern um ein schlüssigen wissenschaftlichen Nachweis, dass die geschehe. Und dieser Beweis stehe nach wie vor aus, ergänzt Dr. Franz Heigl. Der Humanmediziner – und selbst Jäger in einem Revier bei Wertach – erläuterte die Zusammenhänge um die TBC -Infektionen beim Menschen. Die „Schwindsucht“, so wurde früher die TBC-Erkrankung beim Menschen landläufig bezeichnet, sei in weiten Teile der Welt verbreitet, vor allem in Asien und Afrika. Die Gefahr, sich hierzulande anzustecken sei allerdings denkbar gering. Der beste Schutz gegen eine Übertragung der Rinder-TBC auf den Menschen sei die Pasteurisierung der Milch, also die kurzzeitige Erhitzung auf 72 Grad. Auf rund 2500 „infektiöse Patienten“ schätzt Heigl die Zahl der Menschen, die als Überträger zu bezeichnen seien; infiziert mit einem Tuberkel- Erreger seien wohl mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland - viele ohne es überhaupt zu wissen oder als „krank“ zu gelten. Angesichts der vielen offenen Fragen kommt auch Heigl am Ende seiner Erläuterungen zu dem Schluss: „Die Jäger werden das Problem nicht mit der Büchse lösen können.“

Josef Gutsmiedl

Auch interessant

Meistgelesen

Babyglück im Allgäu
Babyglück im Allgäu
Mächtig was los beim Stadtfest Sonthofen
Mächtig was los beim Stadtfest Sonthofen
Keine 50-Millionen-WM für Oberstdorf
Keine 50-Millionen-WM für Oberstdorf
Gemeindefest als Lutherfest in Oberstaufen
Gemeindefest als Lutherfest in Oberstaufen

Kommentare