Das Erbe des "Blauen Allgäus" - Zwischen Wirtschaftswunder und Globalisierung

Die Textilindustrie im Oberallgäu: Hilfe aus dem Osten

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Kunert-Soraja-Verpackung: Mit dieser Strumpfhose nutzte Kunert geschickte die Beliebtheit der persischen Kaiserin mit deutschen Wurzeln, die nach dem Besuch des Kaiserpaars 1955 in Deutschland auf dem Höhepunkt war. Julius und Gertrud Kunert überreichten persönlich ein Strumpfhosenpaar bei einer Privataudienz beim Kaiserpaar.

Oberallgäu – Die Stoffproduktion, wie sie während der Industriellen Revolution hinsichtlich Qualität und Menge herzustellen in der Lage war, wurde binnen eines Jahrhunderts für im Oberallgäu ansässige Unternehmen zum unrentablen Auslaufmodel. Denn mittlerweile hatten logistisch profitablere Regionen nachgerüstet.

Auch die aufgenommen wirtschaftlichen Beziehungen weltweit öffneten neue Absatzmärkte und manche Betriebe, wie das Witt-Werk in Sonthofen, sahen, dass der Warenhandel, satt selbst zu produzieren, das einträglichere Geschäftsmodell war.

Bis zur Teilung Deutschlands gab es in Sachsen, Thüringen und dem südlichen Brandenburg ein gut verflochtenes Wirtschaftsgebiet verschiedener Textilzweige. Die Errichtung der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bedeutete für viele Firmen nicht nur die Enteignung, sondern bisweilen auch die komplette Demontage der Betriebe und die Zerschlagung eingespielter Strukturen. Im benachbarten Sudetenland wurden deutschstämmige Tschechoslowaken durch die Beneš-Dekrete aus ihrer Heimat vertrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten so circa 70 Prozent der gesamten deutschen Bevölkerung durch Vertreibung und Flucht aus dem russischen Einflussgebiet in Westdeutschland.

Hilfe aus dem Osten

Die Versorgung mit Textilien konnte die westdeutsche Produktion nicht allein abdecken. Auch im Allgäu war die wirtschaftliche Kraft der Betriebe so geschwächt, dass sie die Nachfrage trotz geringer Kriegsschäden nicht abdecken konnten. In dieser Lage nutzten die vertriebenen Unternehmer mit ihren Fachleuten die gute Ausgangslage für einen Neuanfang.

Die Textilproduktion war im Vergleich zum Webereigewerbe stärker modischen Trends und neuen technischen Design­möglichkeiten ausgeliefert, als das zuvor für die Herstellung von Stoffen der Fall war. So ergab sich eine Spezialisierung auf bestimmte Produktzweige. Zwei aus der SBZ stammenden Unternehmer, Julius Kunert und Erwin Rössler, gehörten zu den erfolgreichsten Sockenproduzenten Europas.

An die vakante Stelle der alten traditionellen Webereien und Spinnereien traten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges drei neue, moderne Textilunternehmen, die eng mit dem Schicksal der Heimatvertriebenen verknüpft waren: Als erstes „Kunert Strumpf- und Trikotagenfabrik GmbH, Immenstadt“ 1946, dann „ERGEE (Edwin Rössler E. oHG)“ 1947 und schließlich „Seidensticker – Alpenland Sportwäsche GmbH“ 1950, ab 1975 „Alpenland sportswear GmbH“.

Von den Socken

Bereits 1924 gründete Julius Kunert seine erste Strickerei mit dem Namen „Wirkwarenfabrik Julius Kunert & Söhne OHG“ in Warnsdorf (ehemals Tschechoslowakei) und spezialisierte sich schnell auf die Herstellung von Socken und Strümpfen. Das noch junge Unternehmen hatte die Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre überstanden und zählte kurz vor Kriegsausbruch mit seinen rund 5 000 Beschäftigten, die täglich 100 000 Stück produzierten, zur europäischen Spitze der Strumpffabrikanten. Nach der Vertreibung aus der Tschechoslowakei fand Kunert den Weg nach Blaichach. Dort begann die Produktion 1945 auf geliehenen Maschinen in gemieteten Räumen der „Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei Blaichach“. Schon im folgenden Jahr übernahm Kunert die Gebäude und Grundstücke der „Berliner Physikalischen Werkstätten“ und gründete seine neue Fabrik in Immenstadt. Rund 120 seiner ehemaligen Mitarbeiter waren ihm nach Immenstadt gefolgt und halfen, an die vergangenen Erfolge anzuknüpfen. Die 1950er und 60er Jahre sahen bei Kunert eine Verlagerung des Produktionsschwerpunktes von Seidenstoffen in Meterware und Strümpfen hin zu Damen- und Herrensocken. Das hing vor allem mit modischen Trends wie dem nahtlosen Strumpf zusammen, für den eine spezielle Rundstrickmaschine angeschafft werden musste. Auch der Minirock oder die Jeans drückten die Absatzzahlen der Strumpf- und Sockenhersteller.

Dank intensiver Forschung an neuen Materialien, guter Qualität und klugem Marketing konnte Kunert auch solche Schwierigkeiten verkraften. Eine sehr nachhaltige Werbestrategie erfand man mit der Damenfeinstrumpfhose „Soraja“. Sie verknüpfte die Beliebtheit und das exotische Flair der persischen Kaiserin Soraya mit den besonderen Eigenschaften dieser Strumpfhose, die über lange Jahre der Firma Erfolg bescherte.

In den 1960er Jahre setzte das Unternehmen auf Expansion und eröffnete mehrere Filialen im Allgäu sowie eine extra Strumpfhosenfabrik in Berlin, wo zudem das Nylongarn Chinchillan für das Unternehmen entwickelt wurde. Im folgenden Jahrzehnt wurde die Produktion zunehmend ins Ausland verlegt, während die 1980er Jahre von Aufkäufen angeschlagener Konkurrenten geprägt waren. 1988 wurde aus dem Familienunternehmen die Aktiengesellschaft „Kunert AG Immenstadt“. Die Erfolgsgeschichte konnte durch Lizenzerwerb bekannter Marken wie „Burlington“, „Mexx“ oder „Calvin Klein“ noch bis ins erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends gerettet werden, doch der einstige Glanz war vorbei. Der Abwärtstrend war im neuen Jahrtausend rasch und am 1. Mai 2013 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Die neue Geschäftsführung liegt nun beim Österreicher Erhard Grossnigg, dessen „grosso Holding“ die Aktienmehrheit hält.

Sissi und das Küken

Der 1901 in Gelenau im Erzgebirge gegründete Strumpfhersteller ERGEE baute nach der Enteignung seiner Werke durch die DDR-Regierung in Westdeutschland seine Produktion neu auf. Nach dem ersten Werk in Neustadt, Landkreis Marburg, eröffnete das Familienunternehmen 1950 die Fabrikation von Socken und Strümpfen für Kinder in Sont­hofen. Während Kunert mit der persischen Kaiserin warb, konterte ERGEE mit der Leinwandkönigin Hildegard Knef und der deutsch-österreich-ungarischen Kaiserin Sissi, Romy Schneider.

Acht Jahre später expandierte das Unternehmen sowohl in Sonthofen als auch in Neustadt, um Platz für die rapide gestiegene Produktion und die Entwicklung neuer Gewebe und Garne zu schaffen. Dazu gehörten das Garn Ergolan, das mit einem Küken beworben wurde, oder auch der erste halterlose Strumpf. Zu Beginn der 1960er Jahre schlossen sich ERGEE und die österreichische Strickhandschuhfabrik Michael Lohs KG zur ERGEE-Textilwerke Schrems GmbH zusammen und das Sortiment wurde um Accessoires wie Handschuhe, Mützen und Schals erweitert. Das Unternehmen expandierte in den folgenden Jahrzehnten weiter und unterhielt nun neben Österreich ebenfalls Produktionen in der Schweiz, Frankreich und Malaysia.

Die Hochzeit der Firma lag in den 1980er Jahren mit über 1 000 Beschäftigten im Allgäu allein, wobei das Highlight 1987 die Ausstattung der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf war. Doch in den nächsten zehn Jahren begann der langsame Abstieg des einstigen Erfolgsunternehmens. 1994 wurden der Konzernhauptsitz und die Produktion von Sont­hofen nach Schrems verlegt und der hiesige Standort in die ERGEE Vertriebs-GmbH umgewandelt. Das Ende kam 2008, als auch der Mutterkonzern Konkurs anmeldete. 2009 wurde die Marke an die „KiK Textilien und Non-Food GmbH“ verkauft und 2011 übernahm das heimische Unternehmen „siba“ den ehemaligen ERGEE-Werkverkauf.

Hemden und Sportswear

Aus Winterberg im Böhmerwald stammte das als Wäschefabrik gegründete Unternehmen Seidensticker, das sich vor allem als Hersteller von Hemden einen Namen machte. Nach der Enteignung 1949 zog die Firma nach Landshut, bevor sie sich 1950 unter dem Namen „Alpenland Sportwäsche GmbH“ in Sonthofen niederließ. 1975 wurde der Betrieb in „Alpenland sportswear GmbH“ umbenannt. Ein Jahr später übernahm Alpenland den Vertrieb der eigenen Produkte und erweiterte das Sortiment. Anfang des neuen Jahrtausends unterzog sich der Konzern einer radikalen Neustrukturierung und die in Sonthofen ansässige Seidensticker-Marke Fairbanks zog nach Rheda in Westfalen, stattdessen sollte in Sonthofen ein großer Seidensticker-Werkverkauf entstehen, der bis heute die breite Produktpalette des weltweit agierenden Unternehmens vertreibt.

Yvonne Hettich

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