Mountainbiker im Naturpark: Es braucht Regeln, keine Riegel

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Ein Lenkungskonzept mit Hand und Fuß soll es sein: Mit dem Landtagsabgeordneten Eric Beißwenger (links) erläuterten Erich Fürst zu Waldburg-Zeil (von rechts) und Landrat Anton Klotz Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf die Lage im Naturpark Nagelfluhkette.

Gunzesried – Es geht rund in den Bergen der Nagelfluhkette: Natursportler haben den Naturpark Nagelfluhkette längst als ideales Gelände entdeckt. Die Schattenseite: Mountainbiker suchen auf schmalen Trails den „Kick“, preschen querfeldein über Alp- weiden und ackern Bergpfade um.

Und im Winter sind Skitourengänger und Schneeschuhwanderer unterwegs. Im vergangenen Sommer wurde daher immer öfter der Ruf nach „Regulierung“ laut: so könne es nicht weitergehen. Jetzt machte sich Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf ein Bild und informierte sich im Gunzesrieder Tal über das Phänomen, das im Naturpark zum Problem geworden ist.

Auf Unterstützung durch die Ministerin hoffen die Land- und Alpwirtschaft genauso wie die Jagd und nicht zuletzt die Geschäftsführung des Naturparks Nagelfluhkette. Ein speziell an die Oberallgäuer Erfordernisse angepasstes Besucherlenkungskonzept soll Auswüchse zukünftig verhindern helfen. Kein Schnellschuss mit Verboten sei zielführend, sondern ein Konzept, das auf Vernunft und Angebote setze.

Froh über den Boom, den Natursportarten derzeit erlebten, sei man im Oberallgäu, das ja letztlich vom Tourismus lebe, durchaus, erklärt Landrat Anton Klotz beim Ortstermin mit Umweltministerin Ulrike Scharf an der Alpe Höllritzen hoch über dem Gunzesrieder Tal. „Aber wir locken Wanderer und andere Natursportler an und müssen sehen, wie wir mit ihnen umgehen.“ Mountainbiken, Wandern und – ganz neu – Touren mit dem E-Bike seien in der Tat „alle im Trend“, ergänzt die Ministerin eingangs ihres Kurzbesuches im Naturpark Nagelfluh­kette.

Ein Konzept für eine Lenkung der Naturparkbesucher sei jetzt dringend notwenig, so Landrat Klotz weiter. Grundbesitzer, Alppächter und die Jagd seien „ganz schön angefressen über das was da abgeht“, stellt Klotz fest. Älpler hätten über niedergetretende Weidezäune und mutwillig offen gelassen Gatter geklagt. Und zum Teil lautstarke Auseinandersetzungen mit Bikern. Erst müsse das Konzept stehen, eine Bewusstseinsänderung einsetzen, dann könne man sehen, „was man umsetzen kann“.

Erst müsse „etwas entwickelt werden“, unterstreicht auch Erich Fürst zu Waldburg-Zeil, einer der größten Grundbesitzer in Naturpark Nagelfluhkette. Statt erst pauschal etwas zu verbieten, müsse das zu entwickelnde Konzept, das der Fürst als „Oberallgäuer Weg“ bezeichnet, Angebote präsentieren. Also Besucherlenkung durch Animation und Aufzeigen von (attraktiven) Alternativen. Zudem, so Waldburg-Zeil weiter, müsse man genau überlegen, was man auf den Weg bringe, und die Folgekosten beachten: „Lieber weniger, aber anständig und langsam! Erst denken, dann handeln.“ Man müsse aufpassen, dass man keinen Schritt tue, den man später bereue.

Diese Strategie sei wohl der richtige Ansatz, pflichtet die Umweltministerin bei. „Angebot vor Verbot“ sei das Erfolgsrezept. Also: professionelles Vorgehen, anständige Wege für Mountainbiker anbieten und eine positive Kampagne starten, lautet Scharfs Tipp. Beim Stichwort „anständige Wege“ meint der Ofterschwanger Bürgermeister Alois Ried, dass man im Gegenzug den einen oder andern bestehenden, weniger attraktiven oder nicht mehr erwünschten Weg dann auch auflassen könne. Um Zuschüsse zu kassieren, so Ried weiter, werde auch „viel Schmarrn“ gemacht.

Die Augen vor dem Boom der Outdoorsportarten dürfe man keinesfalls verschließen, weiß auch Rolf Eberhardt, Geschätsführer der Naturpark Nagelfluh­kette GmbH. Dem zu beobachtenden „tiefgreifenen Wandel in der Gesellschaft“ müsse man Rechnung tragen. „Wir müssen überlegen, wie wir damit zurecht kommen.“ Aussperren wolle die sportlichen Mountainbiker niemand.

Ein Lenkungskonzept gibt es bereits, das aber verbessert und maßgeschneidert auf die jetzt zu Tage tretenden Probleme angepasst werden sollte, wie Eberhardt meint. Es gelte, nicht zuletzt die sensiblen Lebensräume etwa für die Birk- und Auerhuhn-Populationen dauerhaft zu schützen. Der Naturpark Nagelfluhkette könnte auch als Pilotprojekt in Vorlage gehen.

Unterstützung erhofft sich Eberhardt vom Umweltministerium, das die finanzielle Ausstattung des Naturparks verbessern müsse, damit eine wirksame Lenkung und Professionalisierung des Angebotes gesichert werden könne. Dann wäre zum Beispiel auch eine unbefristete Anstellung der Naturpark-Ranger möglich, die als Ansprechpartner im Gebiet unterwegs sind und informieren und betreuen. „Wir brauchen dabei Breite und Verstetigung“, unterstreicht der Oberallgäuer Landtagsabgeordnete Eric Beißwenger den finanziellen Aspekt.

„Wir fahren überall“, diesen Satz bekommen Eberhardt, und die Ranger immer wieder von leidenschaftlichen Bikern zu hören. Der „Freie Naturgenuss“ wie ihn die bayerische Verfassung garantiere, habe auch Grenzen, so der Tenor der Besprechung mit der Umweltministerin. Radfahren sei nicht pauschal überall gestattet, im Landschaftsschutzgebiet schon gar nicht. Ob Mountainbike-Fahren im Gebirge noch mit herkömmlichem Radfahren zu vergleichen sei, bezweifelt Gottfried Mayrock, Leiter der Abteilung Natur, Gesundheit, Verbraucherschutz und Kommunales am Landratsamt Oberallgäu: „Haben wir es da nicht mit einer neuen Sportart zu tun?“

Letztlich geht es auch um Haftungsfragen und den Unterhalt von speziell eingerichteten Routen. „Ein echter MTB-Trail ist richtig teuer, wie eine Rennpiste“, gibt Waldburg-Zeil zu bedenken. Ein solides Konzept müsse alle Beteiligten und Betroffenen ins Boot holen. „Es kann nur funktionieren wenn alle Akteure mitmachen“, betont auch Landrat Klotz. Die Vorstellung, dass man womöglich auch die Bergbahnen in der Region ins Boot holen könnte, will Klotz nicht ausschließen. Spezielle Bike-Pisten könnten die Betreiber im Sommerhalbjahr anbieten wie ihre präparierten Skipisten im Winter.

Josef Gutsmiedl

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