Barrierfreiheit bei der Bahn: Im Allgäu sind noch einige Hausaufgaben zu machen

Eine Region voller Hindernisse

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Peter Götz (vorne) vom VdK-Ortsverband Sonthofen kennt die Hindernisse, die Rollstuhlfahrer bei der Bahnfahrt erwarten.

Im Rahmen seiner Aktion „Soziales Bayern jetzt!“ hatte der VdK-Kreisverband Oberallgäu zu einer Ortsbegehung der Bahnhöfe zwischen Kempten und Oberstdorf eingeladen. Fazit der Bestandsaufnahme: Barrierefrei geht anders.

Unter die Lupe genommen wurde dabei von Betroffenen, Politikern, Verantwortlichen der Bahn, sowie Senioren- und Behindertenbeauftragten aus der Region vor allem die Praxis der Barrierefreiheit. Also ganz banale Dinge wie der Zugang zu Bahnhöfen und Haltestellen, zu WC und Automaten. Wie steht es mit den Bahnsteighöhen? Gibt es Fahrkartenautomaten? Und ist ein Zugang zu den Sanitäreinrichtungen Menschen mit Behinderung überhaupt möglich? Gibt es Hilfestellung beim Ein- und Aussteigen? Umstände, die nicht allein Menschen mit Behinderung nerven und „ausbremsen“. Auch Reisende mit großem Gepäck oder Eltern mit Kinderwägen tun sich an den meisten Bahnhöfen im Landkreis Oberallgäu schwer bei der Benutzung der Bahn.

Eine Zierde sind die wenigsten der Bahnhöfe im Oberallgäu. Doch um das bauliche Erscheinungsbild ging es bei der VdK-Besichtigungsfahrt mit dem Regionalzug von Kempten nach Oberstdorf nicht in erster Linie. Im Mittelpunkt des Ortstermins im Rahmen der VdK-Aktion „Soziales Bayern jetzt!“ standen die Barrieren, auf die Menschen mit Behinderung allenthalben stoßen, wenn sie einen Zug benutzen wollen, aber auch die Hindernisse und Hürden, die etwa Reisende mit viel Gepäck, sowie Senioren oder Väter und Mütter in Zügen und Bahnhöfen überwinden müssen. Fazit der einstündigen Zugfahrt unter dem Motto „Die Bahn – Abstellgleis Allgäu?“: Bei der Barrierefreiheit muss die Bahn noch Hausaufgaben machen.

„Barrierefrei geht es auf die Zugspitze. Aber nicht von Kempten nach Oberstdorf.“ Auf diesen Nenner bringt Walter Haber vom VdK-Ortsverband Sonthofen das Ergebnis der Bahnfahrt auf den Punkt, zu der der Sozialverband VdK eingeladen hatte. Ein Praxistest, bei dem Landtags­abgeordnete, Kommunalpolitiker und Vertreter der Bahn AG „Augenzeugen“ waren, wie der Bahn-Alltag für Menschen mit Behinderung aussieht. „Die politische Ankündigung eines barrierefreien Bayern ist eine steile Vorlage. Wir alle hoffen, dass es so kommt“, so Haber.

Schon der Auftakt am Hauptbahnhof in Kempten zeigte einige typische Mängel in puncto Barrierefreiheit auf. Die Bahnsteige sind für Menschen mit Handicap nur sehr beschwerlich zu erreichen. Sanitäre Anlagen aus den 1960er Jahren sind nicht frei zugänglich; kein Aufzug für Rollstuhlfahrer. Mobilitätsservice nur bei Voranmeldung (24 Stunden). Der VdK kommt zum Schluss: Als Allgäuer Hauptbahnhof nicht behindertenfreundlich und keine Werbung für das Allgäu bei Einheimischen, Pendlern und Urlaubern. Nicht viel besser sieht es in Immenstadt aus. Ein Wechsel von einem zum anderen Bahnsteig ist – wie in Sont­hofen – nur über steile Treppen möglich. Mit Rollator, schweren Koffern oder Kinderwagen geht da ohne fremdfe Hilfe meist nicht viel. Toiletten finden sich nur in der (privaten) Gastronomie.

Die Situation in Blaichach sei nach dem Umbau des Bahnhofs „gut gelöst“, so der Sozialverband, auch wenn es kein WC im Bahnhof gibt und der Einstieg mit Rollstuhl nicht möglich ist. Ein Gleiswechsel ist nicht mehr nötig, da sämtliche Züge an Gleis 1 ein- und ausfahren.

Schlechte Noten bekommt dagegen Sonthofen. Hier ist die WC-Anlage wie der ganze Bahnhof ab 20 Uhr geschlossen. Die Service-Station für Rollstuhlfahrer ist schlecht bedienbar und kaum lesbar. „Für eine Kreisstadt peinlich“, so das Urteil des VdK-Ortsverbandes Sonthofen.

Die Haltestelle Altstädten – fast auf freiem Feld – ist baulich marode, hat kein überdachtes Wartehäuschen und der Fahrkartenautomat wurde mangels Nachfrage abgebaut. Fischen mache zwar optisch was her; allerdings könne von Barrierefreiheit noch keine Rede sein. Das alte Bahnhofsgebäude taugt bestenfalls ein Unterstand. Die WC-Anlage ist nicht behindertengerecht. „Geht gar nicht im Tourismus­ort Fischen“, so Habers Kritik nach der Besichtigungsfahrt.

Am besten sieht es noch in Oberstdorf aus, findet der VdK. Zwar sei das auch keine heile Welt für Behinderte, doch die Sanitäranlagen seien in gutem Zustand, das Behinderten-WC sogar vorbildlich. Der Mobilitätsservice muss 24 Stunden vorher bestellt werden, so ein Manko, aber es gebe ihn immerhin – der einzige Bahnhof neben Kempten mit diesem Service. „Für einen Tourismusort vorzeigbar“, lautet das Gesamturteil, auch wenn der Fahrplanaushang zu hoch angebracht sei und zu klein gedruckt.

Was kann man tun? Was bringt schnell Erfolg? Wo muss sich auf lange Sicht grundlegendes ändern? Mit diesen Fragen konfrontierte der Sozialverband die Vertreter der Bahn AG und die Allgäuer Landtagsabgeordeten Eberhard Rotter (CSU), Leopold Herz (Freie Wähler), Thomas Gehring (Grüne) und Ilona Deckwerth (SPD). Die Bahn arbeite and der Barrierefreiheit, räumten der Bahn-Vertiebsbeauftrage Herbert Kölbl und Bahnhofsmanager Bernhard Christ ein. Allerdings setze man die Schwerpunkte an den „Knotenbahnhöfen“, wo die Zahl der Fahrgäste entsprechend groß sei. Von 1000 Bahnhöfen in Bayern seien schon 400 barrierefrei in klassischem Sinn: stufenfrei zum Einstieg. Entscheidend sei auch das passende Zugmaterial, das einen barrierefreien Einstieg erlaube. Knackpunkt hier auch die unterschiedlichen Höhen der Bahnsteige. „Bis zum Jahr 2022 wollen wir weitere 100 Bahnhöfe ertüchtigen; dann erreichen wir 85 Prozent der Reisenden“, so Kölbl. Und sein Kollege Christ ergänzt: „Wir machen viel, weil wir auch den Anforderungen einer Urlaubsregion Rechnung tragen.“ Allein in Kempten würden 25 Millionen Euro in den barrierefreien Ausbau des Bahnhofs gesteckt, betont Kölbl.

Einen „Riesenreformbedarf“ macht Landtagsabgeordneter Leopold Herz aus. Seine Landtagskollegin Ilona Deckwerth fordert eine durchgängige Barrierefreiheit im Allgäu. Thomas Gehring stellte fest: Die Bahn kommt bei der Landespolitik zu kurz. Eberhard Rotter verweist auf die „Bundesangelegenheit Bahn“. Der Freistaat und die Kommunen ergänzten punktuell und bedarfsorientiert, nicht zuletzt beim ÖPNV. Das Ziel „Bayern barrierefrei“ stehe weiter.

Josef Gutsmiedl

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