"Verbissgutachten" für das Oberallgäu: Jagddruck beibehalten

Das Soll soll hoch bleiben

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Die unerfreuliche Trendwende bei der Verbissbelastung (hier die Hochwild-Hegegemeinschaft Sonthofen) gibt der Forstverwaltung zu denken. Den Erfolg der „guten Jahre“ um die Jahrtausendwende sollte man nicht aufs Spiel setzen.

Oberallgäu - Alle drei Jahre kommt es auf den Tisch, das  sogenannte Vegetationsgutachten, landläufig auch als „Verbissgutachten“ bezeichnet. Das „Forstliche Gutachten zum Zustand der Waldverjüngung“ ist ebenso regelmäßig Anlass für Diskussionen - und nicht selten Streit - darüber, wie es um den Wald steht. Diesmal allerdings gibt es im Oberallgäu keinen Grund zu Jubeln: Im Gegensatz zum bayernweiten Trend eines leichten Rückgangs der Verbissschäden, ist hat sich die Situation in den Allgäuer Landkreisen eher  verschlechtert. Im Oberallgäu werden mehr als 15 Prozent der Tannen und Buche verbissen von Reh- und Rotwild. Sprich: die Verbissbelastung ist zu hoch. Entsprechend lautet die Empfehlung aus dem Gutachten für die Abschussplanung, das Soll zu erhöhen oder beizubehalten.

Von JOSEF GUTSMIEDL

Oberallgäu - Alle drei Jahre kommt es auf den Tisch, das  sogenannte Vegetationsgutachten, landläufig auch als „Verbissgutachten“ bezeichnet. Das „Forstliche Gutachten zum Zustand der Waldverjüngung“ ist ebenso regelmäßig Anlass für Diskussionen - und nicht selten Streit - darüber, wie es um den Wald steht. Diesmal allerdings gibt es im Oberallgäu keinen Grund zu Jubeln: Im Gegensatz zum bayernweiten Trend eines leichten Rückgangs der Verbissschäden, ist hat sich die Situation in den Allgäuer Landkreisen eher  verschlechtert. Im Oberallgäu werden mehr als 15 Prozent der Tannen und Buche verbissen von Reh- und Rotwild. Sprich: die Verbissbelastung ist zu hoch. Entsprechend lautet die Empfehlung aus dem Gutachten für die Abschussplanung, das Soll zu erhöhen oder beizubehalten.

„Der Wald wird etwas bunter“, kommentierte Dr. Ulrich Sauter, der Leiter des Bereichs Forsten am Landwirtschaftsamt Kempten, den generellen Trend. In Bayerns Wälder nimmt der Anteil der Laubhölzer und der Weißtanne zu – „rein rechnerisch“, wie Sauter feststellte, als er im Rahmen einer Versammlung der Jagdgenossenschaften im Bayerischen Bauernverband, Kreisverband Oberallgäu, das neue Gutachten vorstellte. Jetzt aber einfach zu sagen ‘Laubholz nimmt zu' sei schlichtweg Quatsch. Das müsse man genauer, wissenschaftlicher betrachten. Zwar nehme der Anteil der Fichte auch im Landkreis Oberallgäu leicht ab; genauso aber der Anteil der Weißtanne.

Das jüngste Gutachten stelle fest, so Sauter, dass die Verbissbelastung beim Leittriebverbiss eindeutig abnehme – „weniger als je zuvor“,kommentiert Sauter diese Erkenntnis. Diese erfreuliche Entwicklung sei aber „weit weg vom guten Trend früherer Jahre", schränkt der Forstfachmann ein  und verweist auf die Jahre nach der Jahrtausendwende. Ein Anteil von 20 Prozent verbissgeschädigter Jungbäume im Oberallgäu sei „eine traurige Entwicklung“.

Sauter verwies auf ein wesentliches Problem des Gutachtens: Der „Knospen-Check“ im Wald lasse den häufig zu beobachtenden Seitentriebverbiss an Bäumen außen vor. Diese Form der Verbissschädigung sei in der Praxis doppelt so häufig als der klassische Leittriebverbiss. Und nur Letzterer werde bei der Inventur der Naturverjüngung gewertet, kritisiert Sauter dieses Verfahrensdetail. Die Folge sei fatal: zum Teil führe der Seitentriebverbiss bei kleinen Pflanzen zum Totalausfall; andernfalls zu einer gebremsten Höhenentwicklung mit der Konsequenz, dass die geschädigten Bäumchen über kurz oder lang von konkurrierenden Bäumen, meist Fichten, überholt werden und auf der Strecke bleiben oder zumindest Qualitätseinbußen erfahren. 

Dr. Ulrich Sauter relativierte die Aussagen des Gutachtens noch weiter. „Die Inventur für das Vegetationsgutachten ist nur eine Momentaufnahme – einmal in drei Jahren.“ Das bedeute, der Verbiss in den weiteren Jahren werde nicht erfasst. „30 Prozent Verbiss für eine Baumart bedeutet also nicht, dass 70 Prozent der Pflanzen ohne Schaden bleiben.“  

Aussagekräftiger sei vielmehr der Begriff der „Verbisswahrscheinlichkeit“, gab Sauter zu bedenken. Dieser Wert lasse sich mit statistischen Modellen berechnen. Eine solche Modellrechnung lautet Sauter zufolge so: eine über 15 Jahre bei 30 Prozent liegende Verbissbelastung lasse von 2000 aufkommenden Weißtannen- Pflänzchen  lediglich 27 aus dem „Zubissbereich“ von Reh- und Rotwild wachsen.

Jetzt sind die Landratsämter mit ihren Jagdbehörden am Zug. Im Gespräch mit den Jagdnossenschaften und den Jägern werden die neuen Abschussplanungen erstellt und das Abschusssoll festgelegt. Das Gutachten sollte dabei möglichst als Basis dienen, so Sauter. 

Bislang habe man dabei honoriert, dass in zurückliegenden Jahren „relativ gut“ geschossen worden sei. „Aber Erfolge sind schnell verspielt.“ Daher auch die Empfehlung für die Hegegemeinschaften im Landkreis, die Abschusshöhe beizubehalten – oder zu erhöhen, wie etwa in Buchenberg oder Sonthofen.

Bevor der  der Forstfachmann vom Landwirtschaftsamt das neueste Forstliche Gutachten  zur Vegetationsverjüngung vorstellte und interpretierte, stellte der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften im Oberallgäuer Kreisverband des Bayerischen Bauernverbandes BBV, Peter Fink, fest: „Alle drei Jahre hören wir die Aussagen wie es um den Wald steht. Da und dort mag sich etwas verbessert haben, doch in vielen Waldflächen hat sich noch nichts geändert.“ 

Und Fink schloss gleich die provokante Frage an: „Wie lange noch müssen wir zusehen, wie sich manche vor der Aufgabe drücken und unser Wald gefressen wird?“  Fink lenkte in seiner Begrüßung zur Jahresversammlung der ArGe Jagdgenossenschaften den Blick auch auf einen weiteren Schauplatz bei der Wald-Wild-Diskussion, der die Landwirtschaft direkt betreffe: die hohe Wilddichte in manchen Ecken der Region führe zwangsläufig zu Futterverluste im Grünland durch die „Mitesser“ wie Reh und Hirsch.

Das Waldbild sei der Maßstab, an den sich Jäger wie Jagdgenossen messen lassen müssten, so Fink weiter. Da das Schalenwild keine natürlichen Feinde mehr habe, liege es nicht zuletzt an der Jagd, wohin die Reise führe. Ziel sei jedenfalls ein gesunder Mischwald mit (!) angepassten Wildbeständen. „Das dient allen Beteiligten“, sagte Peter Fink. Das beinhalte auch das Aus für sämtliche Rehwildfütterungen, die oft illegal weitergeführt würden. Fink: „Das Wild passt sich im Zuge der Auslese an die herrschenden Bedingungen an. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang.“ Beim Gems- und Steinwild rede ja auch niemand von Fütterungen, gab Fink zu bedenken. 

„Nehmt das Heft in die Hand und entscheidet, was geschehen soll – überlasst es nicht den Jägern!“ so Finks leidenschaftlicher Appell an die Jagdvorsteher und Jagdgenossen. „Wir wollen Reh- und Rotwild nicht ausrotten, sondern angepasste Wildbestände. Davon profitieren Wald und Wild!“  Josef Gutsmiedl

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