Regionalbahn Allgäu: Kempten will aussteigen 

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Rückschlag für die Regionalbahn Allgäu: Die Stadt Kempten will aus Kostengründen aus dem Projekt aussteigen.

Bereits zwischen 1996 und 2003 wurde eine Regionalbahn Allgäu zwischen Oberstdorf und Kempten intensiv diskutiert, einschließlich einer schienengebundenen Verlängerung in die Kemptener Innenstadt vom Hauptbahnhof bis zur ZUM.

Auch eine Machbarkeitsstudie wurde damals bereits erstellt. Wegen der hohen Kosten und der nicht darstellbaren Finanzierung wurde das Projekt aber nicht weiter verfolgt.

Das gleiche Schicksal ereilte nun die 2015 erfolgte Wiederaufnahme der Projektidee Regionalbahn Allgäu im Rahmen der Entwicklung eines Verkehrskonzeptes für den Landkreis Oberallgäu sowie eines Mobilitätskonzeptes für die Stadt Kempten.

Auf Basis eines „Maximalkonzeptes“ wurden erneut Infrastruktur- und Betriebskosten ermittelt, Fragen der technischen Machbarkeit geklärt und eine standardisierte Bewertung zur Ermittlung des volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Verhältnisses (eine wesentliche Voraussetzung für die Förderfähigkeit) erstellt. Das wesentliche Fazit der im Kemptener Haupt- und Finanzausschuss vorgestellten vorläufigen Ergebnisse: „ein negativer Kosten-Nutzen-Quotient“ und damit auch nicht förderfähig. Zwar könnten im Untersuchungsgebiet zahlreiche neue Fahrgäste gewonnen werden, dies reiche aber nicht aus, um die Betriebskosten aufzufangen. Dazu würde noch eine hohe Investitionssumme für den Ausbau der Infrastruktur anfallen, wie Daniel Karthaus von einem der mit der Untersuchung beauftragten Büros angab.

Als die beiden „großen Kostenblöcke“ nannte er 39 Millionen Euro für die Innenstadtstrecke und 68 Millionen für den dritten Abschnitt von Immenstadt bis Oberstdorf, unter anderem wegen einer 42 Meter langen, zweigleisigen Eisenbahnbrücke über die Breitach, die allein schon 5,2 Millionen Euro verschlingen würde. Zwischen Kempten und Immenstadt seien „nur“ neue Haltestellen nötig, die Karthaus auf Nachfrage aus dem Gremium mit zehn Millionen Euro bezifferte. Inklusive Planungskosten und allem Drum und Dran nannte er Kosten in Höhe von 134,5 Millionen Euro – netto.

„Es würde das Ergebnis noch weit negativer darstellen“, meinte er, wenn die Strecke zudem elektrifiziert würde, wie Siegfried Oberdörfer (SPD) als langfristig einzig sinnvoll ansah. Stattdessen sind Zwei-System-Fahrzeuge für die Elektro-/Diesel-Stadtstrecke und die ansonsten Dieselstrecke angedacht. Ein „Kostentreiber“ sei, so Karthaus, „ganz klar der zweigleisige Ausbau“ und „einer der Hauptgründe für das negative Ergebnis“ die Betriebskosten.

Dass Potential für Einsparungen vorhanden sei, wie beispielsweise die „neuen“ Haltepunkte zu reduzieren – dafür müssten allerdings neue Berechnungen gemacht werden – nahm das Gremium zur Kenntnis, sah aber auch die Attraktivität des Regionalbahn-Angebots damit schwinden. Die große Zeitersparnis, die man durch den Einsatz der Regionalbahn erhofft hatte, zeichnete sich ebenfalls nicht ab. Schließlich erkannte Andreas Kibler (CSU) „die Studie von vor 20 Jahren bestätigt“. Das jetzige Ergebnis sei „im Grunde so vernichtend“, dass nicht nachvollziehbar sei, dass noch weitere Untersuchungen gemacht werden sollen, womöglich „bis das Ergebnis passt“. Dementsprechend auch sein Antrag, dass man „einen Schlussstrich unter diese Regionalbahn im Illertal zieht“. Alexander Hold (FW) bekundete zwar durchaus „Sympathie für die Regionalbahn“, blickte aber auch auf die Baukosten allein für die 1,6 Kilometer lange Innenstadtstrecke, die pro Kilometer auf 29 Millionen Euro käme und Deutschland somit „eine neue teuerste Bahnstrecke“ bekäme. Auch sei eine Investition in Dieselbetrieb „nicht für die Zukunft“. In seiner Vision sah er vielmehr schon bald emissionsfreie und auch autonome Busse und Kempten dabei in einer Vorreiterrolle. Erwin Hagenmeier (CSU) wies darauf hin, dass Pendler schließlich „nicht alle von Oberstdorf und Sonthofen“ kämen und man dann ja eine Regionalbahn „in alle Richtungen“ bräuchte.

Es sei der „fraktionsübergreifende Ansatz“ gewesen, das Einpendlerproblem zu lösen, meinte OB Thomas Kiechle abschließend. Das Ergebnis der Machbarkeitsstudie spreche für sich und er könne sich dem Antrag Kiblers nur anschließen. Dennoch müsse darüber nachgedacht werden, „wie wir uns weiterentwickeln können“. Ganz wollte Oberdörfer das Projekt allerdings noch nicht beerdigt wissen und so wurde dem Beschlussvorschlag, das Projekt Regionalbahn nicht weiter zu verfolgen und auch keine weiteren Studien zu finanzieren ein „derzeit“ eingefügt. Der Beschluss fiel einstimmig.

Der Oberallgäuer Kreistag wird sich in seiner Sitzung am 20. Juli mit der Entscheidung des Kemptener Stadtrates befassen.

ct

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