Mit vielen Bögen ins Oberallgäu

Oberallgäu – Wenn Mitte September das letzte Teilstück der B 19 neu unter Verkehr genommen wird, geht eine „endlose Geschichte“ doch noch zu Ende. Nach eine bald 30 Jahre dauernden Streit über Trassenführung, Ausbauumfang und Finanzierung waren es die Hochwasserkatastrophen der Jahre 1999 und 2002, die die Lösung brachten, zumindest beschleunigten. Inzwischen laufen auf der Großbaustelle Hochwasserschutz / B 19 neu die Abschlussarbeiten für das 100-Millionen-Projekt auf Hochtouren.

Bei Oberdorf bietet sich seit einigen Monaten ein geradezu romantisches Bild: Die alte B 19, jetzt, nach dem Rückbau normale Kreisstraße, zieht sich als idyllische Allee durch das Oberallgäu. Kaum vorstellbar, dass sich noch vor Jahresfrist genau hier bis zu 20000 Autos, LKW und Traktoren oft im Schneckentempo bewegte. Kilometer lange Staus am Wochenende waren Alltag. Der Countdown für das Finale beim Neubau der B 19 neu läuft. „Der Zeitplan wird eingehalten.“ Da ist sich Werner Schmid, Leiter der Abteilung B19 beim Staatlichen Bauamt Kempten. Er denkt dabei weniger an die vielen Arbeiten , die jetzt erst möglich sind, nachdem die Straßen an sich längst gebaut ist, die monatelangen Erdbewegungen passé sind. Panne zum Schluss Werner Schmid kommt bei der Baustellenbesichtigung auf das jüngste Problem der „endlosen Geschichte“ der B 19 neu zu sprechen. Zum Schluss „hakte“ es doch, aber Verzögerungen werde es nicht geben, „Zur Not wird erst einmal nur eine Seite der neuen Illerbrücke unter Verkehr genommen.“ Bei Bau der 255 Meter langen neuen Illerbrücke bei Thanners passierte die Panne, die kurz vor Zielschluss noch eine Menge Ärger bereitete. Im Hauptfeld des westlichen Teils der Brücke schwammen vier der normalerweise durchhängenden Hüllrohre für so genannte Spannglieder auf, als der riesige Kasten mit Beton gefüllt wurde. Damit verkehrte sich die Wirkung der Spannglieder: Statt den gewünschten Druck nach oben zu bewirken, zogen die Stahltrossen der Spannglieder das Hauptfeld der Brücke nach unten. Um den Fehler zu beheben, musste der Beton aus den betroffenen Brückenteil auf 35 Meter Länge wieder entfernt werden, in einem aufwändigen Verfahren. „Das waren mehrere Wochen Arbeit für die verantwortliche Baufirma“, berichtet Werner Schmid von seinem „Sorgenkind“. Über die Frage der Kostenregelung müsse noch gesprochen werden. Viele Bögen „Eine gelungene Brückenkonstruktion.“ Werner Schmid lässt sich seine Begeisterung über die Illerbrücke trotz der Panne mit den Spanngliedern nicht nehmen. Die ganze Neubaustrecke ist geprägt von vielen flachgezogenen Bögen. „Der Natur angepasst so gut es ging“, lobt Schmid das Konzept, das einen gefälligen Verlauf der Bundesstraße zur Folge hatte. Aber warum hat man ausgerechnet am Niedersonthofener See „alles verbaut? Das wurden Schmid und seine Mitarbeiter mehr als einmal gefragt, als vor einigen Jahren dieser Straßenabschnitt dem Verkehr übergeben wurde. Dabei hat das nichts mit „Verbauung“ zu tun. Vielmehr sei es genau so gebaut worden, um die Sicherheit für die Autofahrer zu verbessern: Die nur wenige Meter westlich der B 19 verlaufende Bahntrasse würde unweigerlich zu Blendungen führen, wenn eine Lokomotive, bestückt mit ihren drei starken Scheinwerfern, den Autos quasi auf Augenhöhe entgegen fahren würde. „Diese Quelle der Gefährdung wurde durch die massiven Blenden ausgeschaltet“, betont Werner Schmid. Die schöne Aussicht auf Landschaft und See können Reisende von den beiden Parkplätzen aus genießen. Richtige Barrieren müssen die Arbeiter im Südabschnitt zwischen den Fahrbahnen montieren. Was anderswo gewöhnliche Fahrbahnteiler und Leitplanken sind, müssen inzwischen aufgrund neuer Vorschriften regelrechte Trennwände aus Stahlelementen sein. „Aber die bereits fertig gestellten Abschnitte der B 19 neu müssen wir nicht nachrüsten“, zeigt sich Schmid erleichtert. Gegen Ende der eigentlichen Straßenbauarbeiten musste das Tempo etwas gedrosselt werden. Der Abschnitt zwischen Thanners und Immenstadt-Rauhenzell war besonders „sensibel“, da hier die neue Bundesstraße auf dem ebenfalls neuen Hochwasserdamm verläuft. „Setzungen würden sich hier besonders dramatisch auswirken“, meint Werner Schmid. „Das darf jetzt keinen Millimeter nachgeben.“ Grün kommt wieder In einigen Streckenbereichen wird auch an „Begleitgrün“ gedacht. Doch Schmid macht sich keine Sorgen, dass das Gelände lang nach Baustelle aussieht. Typische Pionierbaumarten würden sich den Lebensraum entlang der Straße und an den neuen Hängen rasch erobern. In wenigen Jahren, da ist er sicher, werde es an der Iller wieder wie im Auwald aussehen. Geradezu „pure Natur“ erwartet er im Bereich der „alten Iller“, die auf einem Kilometer Länge vor einigen Jahren nach Westen verlegt wurde. Ein Blick in die „Bilanz“ der B 19 – Baustelle: In zehn Jahren wurden knapp 14 Kilometer Straße gebaut - rund 100 Millionen Euro kostete der Neubau. Dabei bewegten schwere Baumaschinen 1,1 Millionen Kubikmeter Erdreich. Verbaut wurden 150 000 Kubikmeter Asphalt und 4500 Tonnen Betonstahl. Für die Bauwerke wurden rund 50000 Kubikmeter Beton benötigt. 20 Brückenkonstruktionen wurden gebaut. Die B 19 neu hat sechs Anschlussstellen. Sechs spezielle Bauwerke dienen der Entwässerung der neuen Straße. Hier wird das Niederschlagswasser in Regenrückhaltebecken, mit Ölabscheidevorrichtungen, gesammelt und dosiert versickert. Ein Teilproblem der B19 wird ebenfalls bald „Geschichte“ sein: Der Bahnübergang Thanners wird beseitigt. Darauf haben sich Bahn AG und der Landkreis Oberallgäu verständig. Der Bund ist inzwischen in dieser Frage „außen vor“, da er durch Finanzierung der neuen Bundesstraße „seinen Part“ erfüllt hat. „Immerhin fahren auf der alten B 19 auch in Zukunft noch mehr als 4000 Autos pro Tag“, gibt Schmid zu bedenken und erinnert an den normalen Werksverkehr der Gewerbegebiete in Seifen und Thanners.

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